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21. März 2015

Die wahren Helden waren die Frauen

Dieter Ohmberger schreibt in "Hurra und Tränen" über den Ersten Weltkrieg und seine Folgen für Denzlingen und seine Bürger.

  1. Druckfrisch ist das noch ungebundene Exemplar des Heftes zum Ersten Weltkrieg in Denzlingen, das der 77-jährige Autor Dieter Ohmberger gestern in die Hand bekam Foto: Markus Zimmermann               

  2. Karl Haller war der erste Kriegstote des Ersten Weltkriegs, der in Denzlingen betrauert wurde Foto: privat

  3. Maria Burger bei der Feldarbeit mit Georg Burger am Pflug, auf dem Erwin Schopp sitzt Foto: privat

  4. Truppen ziehen durch die Hauptstraße, von Frauen begrüßt Foto: privat

DENZLINGEN. Im November 1914 hatte Robert Nübling "komme hoffentlich bald nachhause" an seine Familie geschrieben. "Es wird doch einmal Frieden geben", so seine Sehnsucht. Am 8. Januar 1915 fand der 36-jährige Denzlinger in Burnhhaupt-le-Haut bei Thann den Tod. Einer von Millionen Toten bei dem Gemetzel des Ersten Weltkriegs und nicht der erste junge Mann aus der Storchenturmgemeinde. Bereits am 19. August, drei Wochen nach der Kriegserklärung, war mit Karl Haller das erste Denzlinger Opfer betrauert worden.

"Hurra und Tränen" titelt Ortshistoriker Dieter Ohmberger das im April erscheinende Heft aus der Reihe Denzlingen – Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft, das sich mit dem Krieg 1914 bis 1918 befasst. Dabei beleuchtet Ohmberger das Schicksal der Denzlinger, die in den Krieg zogen, aber auch das derjenigen, die zurückblieben und von Stund an dennoch ein anderes Leben führten. Aus offiziellen Schreiben, Gemeinderatsprotokollen, Briefen, Tagebüchern und Urkunden puzzelt er ein aussagekräftiges Bild der damaligen Zeit zusammen.

Von einem Tag auf den anderen fehlte aufgrund der Mobilmachungen der Reservisten der größte Teil der Männer auf den Höfen, in Handwerksbetrieben und Fabriken. Die Last hatten die Frauen zu tragen, für Ohmberger, der Heldengedenken und Ordensherrlichkeit ausblendet, "die wahren Helden des Krieges". Vom Welschkornschälen, Kartoffeln machen, Eggen, Herbsten und auf der Treschmaschine helfen, schreibt Emilie Gaus an ihren Mann Emil. Vom eigentlichen Kriegsgeschehen blieb die Gemeinde verschont, Bomben wie im nahen Freiburg fielen nicht. Der Alltag wurde aber mehr und mehr bestimmt davon, den Mindestbedarf und zugleich die Bedürfnisse der Soldaten zu decken. Durchziehende Soldaten gehörten zum Alltagsbild in der Hauptstraße, und Ohmberger ging davon aus, dass die auch hier, wie überall im Reich, anfangs mit Hurra begleitet wurden. Der größte Teil der 255 Denzlinger, die als Soldaten einberufen wurden, kämpfte in badischen Regimentern, überwiegend an der Westfront, im Elsass, in Lothringen, Flandern, der Champagne, an der Somme und in Verdun. Weniger waren in Polen, der Ukraine und Russland an der Front, Einzelne auf dem Balkan bis hin zur Schwarzmeerküste. Gustav Roser diente als Maschinist auf dem Kreuzer "Wiesbaden" und ging mit ihm in der Schlacht im Skagerrak am 1. Juni 1916 unter. Die Zahl der Gefallenen variiert je nach Quellen zwischen 64 und 91. Nicht immer wurden die im Lazarett Verstorbenen dazu gerechnet. Auch nicht diejenigen, die an den Kriegsfolgen verstarben. Und schon gar nicht Jakob Roschbach, der kurz vor Weihnachten 2015 die Gräuel nicht mehr ertragen konnte und 37-jährig Selbstmord durch Kopfschuss beging. Aus Kriegsgefangenschaft kehrten 14 Denzlinger teils erst 1920 wieder heim.

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"Nur die Angst hat die Leute in die Kirche getrieben", berichtete Pfarrer Johann Valentin Münch 1916 an die Kirchenbehörde. Andererseits wurde in der Sorge um Väter, Söhne und Brüder offensichtlich mehr Trost und Hilfe im Glauben gesucht. Für Münch war der Krieg "eine Strafe für das frühere, vielfach Gott abgewendete Leben und Treiben". Er hielt den Krieg für gut und heilsam. Gefahren sah er für das sittliche Leben.

Während die Bauernmädchen sittsam blieben, erregte das Verhalten der Fabrikmädchen Anstoß. Gefährdet sei die weibliche Jugend durch Einquartierungen von Kriegsgefangenen. Auswirkungen hat der Krieg auch auf das Verhalten der männlichen Jugend. Gefordert, viele Aufgaben der im Feld stehenden Männer zu übernehmen, was sie "fleißig und dienstfertig tun", so Münch, attestierte er ihnen zugleich, dass "sie sich mehr dünken als sie sind" und den Müttern nicht mehr gehorchten. Mit der Mobilmachung ruhte das Vereinsleben, das überwiegend von den Männern geprägt war, völlig.

Was sich nach dem Krieg zeigte: Das Schlachten hatte alle gleich gemacht, soziale und konfessionelle Unterschiede spielten keine Rolle mehr. Aus mehreren Gesangsvereinen wurde einer, ebenso aus zwei Musikvereinen.

Info: "Hurra und Tränen - Denzlingen und seine Soldaten im Ersten Weltkrieg 1914 -18": Vortrag und Buchpräsentation am Sonntag, 12. April, 17 Uhr, im Saal der Rocca.

DIETER OHMBERGER

Der Autor wurde in Freiburg geboren und wuchs nach Kriegsende bei seinen Großeltern in Denzlingen auf. Der Großvater war es auch, der durch seine Erzählungen das Interesse an der Geschichte weckte. Erste Forschungen zur Familiengeschichte betrieb Ohmberger in den 60er Jahren. Später befasste er sich mit unterschiedlichen Themen der Ortsgeschichte, wofür er 2005 mit dem Kulturpreis der Gemeinde geehrt wurde. "Namen und Daten sind eines, ich will Fleisch an die Fakten sammeln" – sein Augenmerk gilt persönlichen Schicksalen.  

Autor: mzd

Autor: Markus Zimmermann