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12. Oktober 2017

Zum Nachdenken animierende Lyrik

DENZLINGER KULTURWOCHE I: Dreiklang-Abend zu Bertold Brecht.

  1. Werner Schwan Foto: Krieger

  2. Bertold Brecht Foto: Archiv

DENZLINGEN. Im Foyer des Denzlinger Bürgerhauses während der aktuellen Kulturwoche eine Bühne zu installieren, erwies sich als konzeptioneller Glücksgriff des veranstaltenden Arbeitskreises der kulturellen Vereine Denzlingen (AKVD). Ein in seiner Weitläufigkeit nach allen Seiten offener Veranstaltungsort passte vorzüglich zu einem kombinierten "Dreiklang"-Abend, der Lyrik mit Musik und Bildender Kunst verband.

Dies galt besonders dann, wenn die Auseinandersetzung mit der lyrischen Dichtung Bertolt Brechts im Fokus stehen sollte. Werner Schwan, der emeritierte Literaturwissenschaftler und Spiritus Rector des Denzlinger Literaturkreises, empfahl in seiner Einführung "dem Volk der Deutschen" zur Orientierung die Beschäftigung mit seiner tradierten Kultur und deren Träger. Zweifellos zähle Bertolt Brecht als Klassiker der Moderne dazu und sein Werk habe für den "aufmerkenden Leser hohen Gebrauchswert", rege zur Nachdenklichkeit an, aber bereite auch Vergnügen.

Brecht beschreibe generell die Welt aus der Lage der Unterprivilegierten, der Schwachen also und diese Haltung käme bei der Gedichtauswahl des Abends aus verschiedenen Blickwinkeln zum Ausdruck. Den Vortrag der Gedichte übernahmen nacheinander verschiedene Mitglieder des Literaturkreises, und Werner Schwan versah sie im Anschluss jeweils mit Erläuterungen. Die weithin bekannte Brechtsche Selbstdarstellung "Vom armen B.B.", den es im Mutterleib aus den schwarzen Wäldern in die Asphaltstädte verschlagen habe, machte den Anfang. Von den Städten bliebe nichts als der durch sie hindurchgehende Wind, und bei den prophezeiten kommenden Erdbeben möge ihm hoffentlich seine Virginia nicht durch Bitterkeit ausgehen.

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Hier noch beobachtender Pessimist bezog Brecht in seinem Gedicht über die Kindsmörderin Marie Farrar nach einer wahren Begebenheit deutlich Stellung. Auf der untersten Sprosse der gesellschaftlichen Stufenleiter ist die schwangere Marie Farrar gezwungen, niederste Dienstleistungen unter schwierigsten Bedingungen zu verrichten. Letztlich überfordert und geschwächt durch die Geburt, tötet sie ihr Kind. Brecht führt denen, "die ihr gut gebärt in saubern Wochenbetten" die verzweifelte Situation einer "verworfnen Schwachen" und ledigen Kindsmutter vor Augen und fordert statt Verdammung vielmehr Verständnis, "denn ihre Sünd war schwer, doch ihr Leid groß". Sein Fazit: "Denn alle Kreatur braucht Hilf von allen".

Weitere Gedichte wie "Fragen eines lesenden Arbeiters", "Beginn des Krieges" und "Mein Bruder war ein Flieger" dokumentierten Brechts immer klarer formulierte Positionen gegen Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung als Folge der kapitalistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Dabei zeigt er sich auf keinem Auge blind. Im "Kälbermarsch" vergleicht er schon 1934 die große Zahl der fanatischen Hitler-Anhänger aus den unteren Klassen mit Kälbern, die dem Ruf des Schlächters in blindem Gehorsam ins Schlachthaus folgen, und parodiert im Refrain das von der SA als Hymne gesungene Horst-Wessel-Lied.

Auch im großen "Mutter Courage Lied" stellt Brecht dialektisch die unsagbaren Leiden der Titelfigur im Krieg dar, aber auch ihre Vorteilsnahme als eine den Kriegswirren folgende Marketenderin, und empfahl seinerzeit in Anmerkungen, sich nicht mit ihr zu identifizieren, sondern als entspannter Beobachter ihre Haltung zu studieren und ein eigenes Urteil zu gewinnen.

Solche und andere wertvolle Erläuterungen steuerte Werner Schwan jeweils bei. Leider uferten diese bei ihm oft in ausführliche Interpretationen und Textexegese aus, die eher in ein literaturwissenschaftliches Seminar gepasst hätten. Für eine solche Veranstaltung wäre es angebracht gewesen, die Texte mehr durch sich selbst wirken zu lassen. Dies schmälerte das verdienstvolle Anliegen, auf die etwas in Vergessenheit geratene Lyrik Brechts wieder mehr Aufmerksamkeit zu lenken.

Im Anschluss trugen Uschi Kopp, Beate Geier und Lutz Thormann als Trio Interludio zwei Songs aus der Dreigroschenoper in der Vertonung von Kurt Weill vor.

In der folgenden Pause konnte der "Bretterwald" im Windfang des Kultur- und Bürgerhauses besichtigt werden. Aus den ausrangierten Bretterbohlen des dortigen Außenbereichs hatte der Arbeitskreis Bildende Kunst Installationen hergestellt und so für eine künstlerische Ausprägung nachhaltigen Recyclings gesorgt.

Den Schlussteil des Abends bestritt das Trio Interludio mit Klezmer-Musik und internationalen Titeln aus verschiedenen Kulturbereichen.

Autor: Erich Krieger