Pendlerleid

Der 7-Uhr-morgens-ICE nach Basel ist der Wahnsinn für Berufspendler

Ralf Strittmatter

Von Ralf Strittmatter

Mo, 08. Januar 2018 um 15:31 Uhr

Südwest

Der Sonntag Um sieben Uhr morgens ist der Freiburger Hauptbahnhof auf Gleis 2 – kein Ort für schwache Nerven. Im Pendlerzug Richtung Basel beginnt der tägliche Arbeitskampf schon im Waggon.

Morgens gegen halb sieben ist Freiburg auf dem Weg zum Bahnhof fast leer. Vereinzelt sitzen Fahrgäste im Bus und blicken in den laternenbeleuchteten Wintermorgen. Von Zeit zu Zeit huscht ein Auto die Straße entlang. Eine halbe Stunde später am Hauptbahnhof soll diese Ruhe an Gleis 2 ein Ende finden. "Die Zustände sind menschenunwürdig", sagt eine Frau, die seit Jahren in der Frühe nach Basel fährt.

Der ICE 3 von Karlsruhe nach Zürich ist unter Freiburger Berufspendlern legendär. Jeden Tag pilgern viele Hundert um 7 Uhr morgens nach Basel zu den gut bezahlten Jobs an die Uni, zu Banken, zu den Pharma- und Chemieriesen. Dabei fängt der tägliche Arbeitskampf schon im Zug an, der regelmäßig überfüllt ist. Wer sich beim Einsteigen nicht schon mit Ellbogen behaupten kann, sitzt die 33-Minuten-Fahrt nach Basel im Gang oder steht. Dicht an dicht. "Diese Fahrt kehrt schon am Bahnsteig das Übelste im Menschen hervor", stimmt eine Verlagsangestellte auf die Fahrt ein.

"Die Leute wissen aus Erfahrung, wo der Zug anhält", fährt sie fort. "An diesen Stellen sammeln sich dann richtige Menschentrauben." Beim Einstieg gehe es ziemlich ruppig zu, warnt sie. Die Freiburgerin ist früher mit dem ICE 3 zur Arbeit gefahren. Wegen der Zustände fährt sie mittlerweile mit dem ICE eine Stunde später nach Basel.

"Die Leute bringen sich sogar Klappstühle zum Sitzen mit." 7-Uhr-morgens-Pendlerin
Zugfahren mit dem ICE 3 um 7 Uhr morgens ist ein ganz eigener Kosmos: "Da bringen sich Leute sogar Klappstühle zum Sitzen mit," sagt eine Pendlerin. Jeden Morgen stehen am Bahngleis dieselben Gesichter. Über die tägliche Fahrt zur Arbeit finden sich oft Bekanntschaften und Gruppen zusammen – eine Mitfahrerin nennt sie "Leidensgenossen" –, die dann gemeinsam versuchen, ein Abteil zu besetzen. Ganze Freundeskreise basierten auf dem gemeinsamen Bahnerlebnis, inklusive Stammtisch und Weihnachtsfeier.

Am Donnerstag vor Weihnachten warten gut 15 Minuten vor Abfahrt schon etliche Pendler in Freiburg auf den ICE nach Basel, beständig werden es mehr. Einige stehen ordentlich in den markierten Raucherzonen und qualmen ihre Morgenzigaretten, andere trinken einen Coffee to go, tippen versunken auf dem Smartphone, unterhalten sich oder schotten sich mit Kopfhörerstöpseln im Ohr von der Außenwelt ab – Menschen auf dem Weg zur Arbeit eben.

Sieht man genauer hin, fällt auf, dass in den Erste-Klasse-Bereichen kaum jemand steht. Die meisten Fahrgäste sammeln sich in der Bahnsteigmitte. Manche positionieren sich auch außer Sichtweite ganz vorne etwa auf Höhe der Zugspitze.

Schubsen und Drängeln

"Man muss strategisch einsteigen", sagt eine Pendlerin, die seit November in Basel arbeitet. Wer weit vorne sitzt, komme am Badischen Bahnhof in Basel schneller zur Treppe und somit zu seinem Anschluss mit Bus oder Tram. Es sei "krass", auf was sie alles in den ersten Wochen Pendeln zu achten gelernt habe. "Wenn der Zug in Freiburg hält, drängt alles auf die schmalen Türen zu", erklärt sie den üblichen Fahrtantritt. "Dann wird geschubst und gedrängelt, wenn das sonst wo so wäre, würde ich ausflippen."

In der Woche vor Weihnachten geht es im Pendlerzug überraschend ruhig zu. Der ICE rollt etwa fünf Minuten vor Abfahrt in Freiburg ein, grobe Übergriffe beim Einsteigen bleiben aus. Zwar drängen die Pendler in Trauben zu den Eingängen, das verläuft aber zügig und gesittet. Drinnen sind rasch alle Sitze belegt, aber im Gang muss heute niemand stehen. Gerade einmal ein Koffer versperrt den Weg. Viele haben ihre Jacken ausgezogen und es sich gemütlich gemacht, lesen Zeitung, dösen oder nutzen die Fahrt, um am Rechner zu arbeiten.

"Normalerweise sind die Gänge gerappelt voll."Krankenschwester
"Die meisten, die hier sonst täglich fahren, sind schon im Weihnachtsurlaub" erklärt ein Arzt die ungewohnte Ruhe, er pendelt seit 2006 mit dem Zug nach Basel zur Arbeit. Er ist beim Einsteigen gleich an der Türe stehen geblieben: "Ich bleibe schon automatisch am Ausgang", sagt er. Manchmal sei sogar das schwer, weil der Zug so voll ist. Die Situation sei normalerweise eine Zumutung. Das Monatsticket im ICE kostet ihn 250 Euro. Weil es damit keine Sitzplatzgarantie gibt, überlege er aber, ob er eine Fahrkarte für die erste Klasse kaufen soll – für monatlich rund 350 Euro.

Die Türen schließen sich mit dem signalisierenden Pfeifen: "Das ist der Moment zum Hinsetzen", witzelt er über seine automatisierten Fahrgewohnheiten. "Normalerweise sind die Gänge gerappelt voll", sagt eine Krankenschwester resigniert, die seit zwei Jahren in Basel im sozialpsychiatrischen Dienst arbeitet. Wegen der Überfüllung gebe es unter den Fahrgästen auch regelmäßig Streit: "Eine Frau wollte ihrem Kollegen den Sitz neben sich mit ihrer Handtasche freihalten", nennt sie ein Beispiel. Ein anderer Fahrgast habe sich dann einfach draufgesetzt auf die Tasche. "Plätze für andere besetzen geht gar nicht", bringt sie ein ungeschriebenes Pendlergesetz auf den Punkt.

Kein Wlan, falsche Wagenreihung und Zugausfälle – die Wehwehchen der Pendler

Auch andere Probleme nerven die täglichen Pendler: "Das Internet im ICE funktioniert nicht und auf die Wagenreihung ist selten Verlass", schimpft eine Frau. Auch die Informationspolitik der Bahn sei eine Katastrophe. Wenn Verbindungen ausfallen, wisse niemand, ob es Ersatz gibt oder nicht. Freunde hätten sie einmal aus einem vorhergehenden Zug über Handy benachrichtigt, dass die Strecke nach Basel für zwei Stunden gesperrt wird. Die Bahn habe zu diesem Zeitpunkt noch lange nichts durchgesagt und die Leute am Gleis warten lassen. In einem anderen Fall sei die Weiterfahrt in Bad Krozingen unterbrochen worden, ein nachfolgender Zug hätte den Bahnhof aber ohne Weiteres passiert. "Ohne Erklärung kann sich die Bahn auch die Entschuldigung sparen", findet sie.

Auch am Hochrhein herrscht morgens Chaos

Probleme mit überfüllten Zügen zur Rushhour wie auf der Rheintalbahn nach Basel gibt es seit Jahren auch auf der Hochrheinstrecke. Dort kommt es etwa im Regionalzug IRE zwischen Basel und Singen/Ulm regelmäßig zu Überlastungen: zu wenig Sitplätze, Menschen, Koffer und Taschen in den Gängen und im Eingangsbereich – Verspätungen, defekte Türen, kaputte Klimaanlagen und verschlossene Toiletten tun ihr Übriges.

Die Bahn wisse um das Problem, glaubt die Krankenschwester, weil oft Mitarbeiter mit einem Klicker durch den Zug laufen und Leute zählen. Auf Nachfrage von Der Sonntag , warum die Bahn nicht besser auf die vielen Fahrgäste reagiert, antwortet ein Sprecher für die Strecke Freiburg – Basel mit einem Screenshot des aktuellen Fahrplans und dem Hinweis auf Ausweichmöglichkeiten: eine Regionalbahn eine halbe Stunde vor dem ICE 3 und zwei Regionalexpresszüge danach um 7.10 Uhr und um 7.32 Uhr. Die brauchen aber fast doppelt so lange wie der ICE.

Vor 7 Uhr ist die Zuganbindung nach Basel schlecht

Den meisten Berufspendlern helfen diese Hinweise wenig: "Ich muss den Zug um 7 Uhr nehmen, um auf meine Stunden zu kommen", sagt etwa die Krankenschwester aus dem sozialpsychiatrischen Dienst. Übrigens seien die anderen Verbindungen ebenfalls überlastet. Problematisch finde sie, dass die Bahn vor 7 Uhr keine geeigneten Züge nach Basel anbietet. Laut aktuellem Fahrplan gibt es außer der langsamen Regionalbahn noch einen Intercity um 5.30 Uhr und einen Nightjet-Nachtzug um 6.22 Uhr, der mit 44 Minuten so lange fährt wie ein Regionalexpress, aber mit 17 Euro für die einfache Fahrt gut drei Euro teurer ist.

Die Bahn empfiehlt, einen anderen Zug zu nehmen

Die Bahn begründet die Überfüllung auf der Rheintalstrecke damit, dass der ICE 3 ein stark nachgefragtes Fernverkehrsangebot sei, das besonders Geschäfts- und Freizeitreisenden eine optimale Frühverbindung von Karlsruhe über Freiburg und Basel nach Zürich biete. Das ist freilich weder eine Erklärung noch eine nützliche Information. Der nächste Hinweis wirkt da schon fast ironisch: An starken Reisetagen wird eine Sitzplatzreservierung empfohlen.

Bahnsprecher Werner Graf kann verstehen, dass jeder Fahrgast gerne einen Sitzplatz möchte – wobei manchen schon genügend Platz zum angstfreien Stehen reichen würde. Der Bahn seien im Fernverkehr aber die Hände gebunden: "Der ICE 3 ist ein fester Zugverbund mit zwölf Wagen. Es ist nicht möglich, einfach weitere dranzuhängen." Außerdem kooperiere das Unternehmen auf der Strecke mit der Schweiz. Im Nahverkehr auf der Hochrheinstrecke sei das anders: Nicht die Bahn, sondern das Land sei als Besteller verantwortlich, dass Fahrgästen ausreichend Sitzplätze zur Verfügung stehen.

Die meisten Insassen in ICE 3 sind Geschäftsreisende

Der ICE 3 sei auf der gesamten Strecke von Geschäftsreisenden stark nachgefragt – besonders montags, dem klassischen Pendlertag. Wer sich in den überfüllten ICE zwänge, müsse leider mit den Umständen leben. Die einzige Möglichkeit, für eine Entlastung zu sorgen, sieht Graf darin, mehr Züge auf die Schiene zu bringen. Das sei mit Eröffnung des Katzenbergtunnels bei Bad Bellingen schon wesentlich verbessert worden. In der Stunde zwischen 6.28 und 7.32 Uhr bietet die Bahn insgesamt vier Züge an. "Ein Regionalzug hat je nach Ausstattung rund 500 Sitzplätze", sagt Graf.

Pünktlich um 7.35 Uhr endet die Bahnfahrt mit dem Pendlerzug in Basel, da stehen schon alle Fahrgäste zum Aussteigen in den Gängen und an den Türen bereit. Die meisten streben zügig zur Treppe, sobald sich die Türen geöffnet haben. Der ein oder andere baut noch sein Klapprad auf, aber kaum zwei Minuten später ist der Bahnsteig wieder menschenleer. Morgen endet für die meisten Pendler der Weihnachtsurlaub, dann beginnt der allmorgendliche Wahnsinn im ICE 3 wieder von vorne.

Mehr zum Thema: