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05. Juli 2012

BZ-Gastbeitrag

Der alltägliche Kampf der Frauen in Frankreich

BZ-GASTBEITRAG: Sophia Andreotti meint, dass bei der Parlamentswahl in Frankreich die Frauen einen Sieg errungen haben.

Die französische Politik ist keine Männersache mehr. Die Zeit ist vorbei, in der Charles de Gaulle auf die Frage nach einer Frau in der Regierung antwortete: "Warum nicht gleich ein Ministerium fürs Stricken?" Bei der Parlamentswahl vor zwei Wochen haben die Frauen einen politischen Sieg errungen. 155 weibliche Abgeordnete sitzen im neuen Parlament. Auch wenn sie im Vergleich zu den 422 Männern weiterhin unterrepräsentiert sind: Noch nie zuvor war ihr Anteil so hoch im Palais Bourbon. Die sozialistische Partei stellt besonders viele Frauen: 36,7 Prozent der sozialistischen Abgeordneten im Parlament sind weiblich. Bei der konservativen Partei sieht es dagegen anders aus: Sie zählt nur 27 Frauen unter den 194 Abgeordneten.

Wie viel Wert die Sozialisten auf die Frauenförderung legen, wurde bereits im Wahlkampf deutlich. Frankreichs neuer sozialistischer Präsident François Hollande versprach bereits vor der Wahl, genau so viele Ministerinnen wie Minister zu ernennen. Das setzte er nun um: Unter den 38 Kabinettsmitgliedern sind genau die Hälfte Frauen.

Allerdings arbeiten die meisten von ihnen nicht in Schlüsselministerien. Wie schwer es für Frauen weiterhin ist, an Leitungspositionen zu gelangen, zeigt die Wahl von Claude Bartolone zum Parlamentspräsidenten. Das ist ein begehrter Posten in Frankreich, für den auch Elisabeth Guigou kandidiert hatte. Die 65-Jährige hatte sich darauf berufen, dass die Gleichstellung im Parlament vorangetrieben werden soll und damit ihre Bewerbung legitimiert. "Der künftige Parlamentspräsident sollte der Funktion angemessen sein. Es geht nicht, diesen nach der Länge des Haares oder eines Rockes auszuwählen", sagte dazu Jean Glavany, der sich ebenfalls um die Stelle bewarb.

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Die gesetzliche Frauenquote, die es bereits für die Aufsichtsräte großer Unternehmen gibt, hat eher einen schlechten Ruf in Frankreich. Viele denken, dass eine Frau, die ihren Wert durch ihre Arbeit und ihre Kompetenzen beweist, lieber natürlich befördert werden soll – ganz ohne Quote.

In der Realität ist dies aber nicht so einfach, wie der Dokumentarfilm von Michèle Dominici "Madame la Ministre" zeigt. Sie hat sieben französische ehemalige Ministerinnen über ihre Erfahrung an der Machtspitze befragt. "Diese Frauen haben die Gemeinsamkeit, dass sie sich vorher öfter gefragt haben: Warum nicht ich – ich kann das auch", sagt die Regisseurin.

Andere Befragte berichten im Film über den Sexismus, mit dem sie täglich konfrontiert waren. Sie erzählen von den anzüglichen Witzen im Plenarsaal und davon, dass sie immer "mehr und besser" als ihre männlichen Kollegen arbeiten mussten. "Die Mentalität zu ändern ist keine Generationsfrage, sondern ein ständiger Kampf. Man muss ihn jeden Tag, in allen Bereichen führen", sagt die ehemalige Sekretärin der kommunistischen Partei und Ministerin für Jugend und Sport, Marie-George Buffet. Die Vorurteile sind schwer abzubauen. So berichtet Nathalie Kosciusko-Morizet, Umweltministerin der konservativen Regierung Nicolas Sarkozy: "Eines Tages hat man mir vorgeschlagen, den Sozialausschuss zu übernehmen. Ich hätte mich mit den Kindertagesstätten beschäftigt." Obwohl Kosciusko-Morizet Ingenieurin ist.

In Frankreich lässt sich die Macht nicht leicht erobern. Die großen, alten französischen Parteien, die Konservativen und die Sozialisten, sind insgesamt weiterhin von Männern beherrscht. Das Beziehungsgeflecht ist noch sehr traditionell. Viele ältere Politiker tun sich schwer, ihren Platz abzugeben. Das politische Umfeld in Frankreich lässt sich also nicht so einfach erneuern.

Es gibt viele kompetente Frauen, man lässt ihnen aber nicht die Möglichkeit, sich zu beweisen. Es gehört ein wahrer politischer Wille dazu, um mit Gewohnheiten zu brechen. Für die Frauen steht dabei viel auf dem Spiel: Denn die Gleichstellung in der Politik hat eine Vorbildfunktion für andere gesellschaftliche Bereiche. Es stellt sich die Frage nach einer Gesellschaft, in der die Plätze gerecht aufgeteilt werden.

Immerhin: Vor kurzem hat die 34-jährige Najat Vallaud-Belkacem, die das frisch gegründete Ministerium für Frauenrechte übernommen hat, eine neue Maßnahme zur Förderung der Gleichberechtigung bekanntgegeben. Den politischen Parteien, die bei Wahlen auf den Listen nicht genauso viele Frauen wie Männer aufstellen, werden alle öffentlichen Zuschüsse entzogen.

–  Sophia Andreotti ist Praktikantin in der Politikredaktion. Sie ist 24 Jahre alt und studiert deutsch-französischen Journalismus an der Sorbonne in Paris.

Autor: bz