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04. September 2009
Thema des Tages
Der Bedarf an Pflegekräften ist in Freiburg groß
In Freiburg gibt es 1919 Plätze in etwa zwanzig Pflegeheimen. Dazu kommen zehn freigemeinnützige und rund zwei Dutzend private Pflegedienste, die Menschen zu Hause pflegen. Gleichzeitig bilden hier drei Altenpflege-Schulen für einen Beruf aus, der dringend gebraucht, aber wenig anerkannt und vergleichsweise schlecht bezahlt wird.
Ein deutscher Bundesminister posaunte mal seine von Ahnung wenig getrübte Ansicht laut hinaus: Pflegen kann jeder. Doch ausgerechnet Norbert Blüm, der sich so sehr für eine Pflegeversicherung stark machte, irrte da gewaltig. Denn Pflegekräfte sind Fall-Manager. Sie begleiten Menschen in ihren je ganz eigenen Lebenswelten. Handwerklich müssen sie ihren Beruf beherrschen, um medizinische Geräte bedienen zu können. Sie sind seelischer Beistand für verzweifelte Frauen und Männer. Trösten sollen sie können, wenn der Tod naht. Für all das brauchen sie eine Ausbildung – und viel Selbstbewusstsein in diesem Beruf, um sich nicht für ihn zu schämen.
Helene Horn ist Altenpflege-Schülerin im dritten und letzten Ausbildungsjahr. "Hier lerne ich nicht nur Pflege, sondern für mein Leben. Ich lerne alles, was ich als Mensch im Leben brauche." Die heute 29-Jährige kam eher zufällig zu diesem Beruf. Auf der Suche nach Arbeit stieß sie aufs Emmi-Seeh-Heim. Drei Jahre lang arbeitete sie hier als Aushilfe und merkte: "Der Umgang mit alten Menschen macht mir Spaß." Und obwohl sie immer wieder erlebt, dass der Pflegeberuf nicht sehr anerkannt ist in der Gesellschaft, ließ sie sich gern von ihrem Arbeitgeber in eine Altenpflegeschule vermitteln. "Nicht mit Gegenständen zu arbeiten, sondern mit Menschen, von denen jeder anders ist – das ist eine Herausforderung."
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Gut 410 Plätze bieten die drei Freiburger Altenpflegeschulen an. Bei weitem nicht alle sind belegt. "Altenpflege ist ein sehr anspruchsvoller Beruf, das schaffen nicht alle", sagt Herbert Pieroth, Leiter der Altenpflegeschule St. Ursula im Adelheid-Testa-Haus. Vorausgesetzt wird die Mittlere Reife oder ein Hauptschulabschluss samt Lehre. Längst nicht alle der vielen Interessenten erweisen sich als geeignet. Gleichzeitig gibt es einen großen Bedarf an examinierten Pflegefachkräften, die zu drei Viertel Frauen sind. Obwohl die Verweildauer in diesem Beruf mit fünf bis zehn Jahren recht hoch ist, gibt es immer einen "Schwund": Die einen werden schwanger, andere wollen sich weiterqualifizieren, wieder andere wandern in die Schweiz ab, wo sie mehr Geld verdienen.
"Da muss man sich nicht wundern", sagt Dirk Ulmer, "für das, was wir machen, für unsere Verantwortung ist es viel zu wenig, was dafür bezahlt wird." Der 24-jährige Altenpflege-Schüler kam in der elften Klasse über ein Sozialpraktikum mit dem Wohnstift Augustinum in Kontakt. Hier jobbte er immer mal wieder hier machte er sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), bevor er sein Chemie-Studium begann. "Aber die Arbeit im Augustinum hat mir mehr Spaß gemacht." Also lässt er sich jetzt zum Altenpfleger ausbilden. Natürlich: "Man braucht eine große Portion Idealismus und viel von einem selber." Denn es zehre durchaus, Menschen in ihrer Intimsphäre so nahe zu kommen. Doch: "Wenn der Beruf Spaß macht, fühlt man sich auch nicht ausgenutzt." Außerdem habe dieser Beruf den großen Vorteil, nach der Ausbildung eine sichere Stelle zu bekommen.
"Mein Schwarzes Brett reicht nicht aus, um alle Arbeitsplatzangebote unterzubringen", bestätigt Gerhard Pulvermüller, Leiter der Evangelischen Fachschule für Altenpflege. Allerdings erwarteten die meisten Einrichtungen, gut ausgebildete Pflegefachkräfte zu bekommen. Das war früher kein Problem: Heime sandten ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Schulen und garantierten ihnen ihren Praxisplatz. Heute zeigt sich zunehmend: Es gibt nicht mehr genügend solcher Praxisplätze (als Voraussetzung für eine Schulanmeldung) für die große Zahl der Interessierten. Freilich: "Da bewerben sich auch Leute, die nicht geeignet sind."
Es sind vor allem Frauen und Männer, die die Arbeitsagentur schickt, beobachtet Manfred Mechler. Der Leiter des Emmi-Seeh-Heims drückt das so aus: "Wir werden als Therapie-Einrichtung angesehen, das hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun." Zudem dürfe nicht vergessen werden, dass die Schülerinnen und Schüler für die Einrichtungen ein "Verlustgeschäft" seien und drei Jahre lang vor allem kosten. Andererseits sieht auch er einen großen Bedarf an examiniertem Pflegepersonal, etwa wegen der sinnvollen Fachkraftquote von 50 Prozent. Deshalb leistet sich das Emmi-Seeh-Heim zehn Ausbildungsplätze. Anders als viele ambulante Pflegedienste, kritisiert Manfred Mechler: "Die machen sich’s einfach und bilden nicht aus."
Was dann wiederum Schulleiter wie Herbert Pieroth und Gerhard Pulvermüller zu spüren bekommen, die ihre Ausbildungsplätze nicht voll belegen können. "Wir sind zum Teil schon an der Grenze der Finanzierbarkeit in den Schulen, weil uns die Praxis-Partner fehlen." Hinzu komme, dass in einem Kurs mindestens 18 Schülerinnen und Schüler sein sollten, um kostendeckend arbeiten zu können. Tatsächlich seien es im dritten Ausbildungsjahr aber bisweilen nur noch elf.
"Mir ist es wichtig, dass ich mit alten Menschen arbeiten kann", sagt Anna Häußler, "mit ihnen ihre letzte Lebensphase gut gestalten." Die heute 22-Jährige wusste nach ihrer Fachhochschulreife zunächst nicht, was sie tun sollte. Bis sie ihr FSJ im Emmi-Seeh-Heim machte und nun im zweiten Ausbildungsjahr ist. Und lernt zum Beispiel, mit Menschen umzugehen, die Schmerzen haben, die verwirrt sind, die sterben. Und sie möchte das, was sie lernt, auch in ihrem Arbeitsalltag anwenden – und wegen Zeitdrucks oder personeller Unterbesetzung nicht in der Lage sein, es zu tun. Zumal da sie oft erlebt: "Wir machen unsere Arbeit und bekommen von den Frauen und Männern Dankbarkeit zurück."
Zu dieser Arbeit gehört auch, als junger Mensch mit dem Tod konfrontiert zu werden. Das ist nicht einfach, weiß Andreas Krüger, Leiter der Berufsfachschule für Altenpflege/-hilfe. Indes: "Die jungen Pflegekräfte erleben da ein Stück normales Leben, was andere in ihrem Alter gar nicht erleben können oder dürfen." Nicht zuletzt deshalb, scheint ihm, könne ein soziales Pflichtjahr ein Gewinn sein. Die Ausbildung in der Altenpflegehilfe sieht er obendrein als große Chance für Hauptschülerinnen und Hauptschüler, über die Helferprüfung den Einstieg in die Altenpflegeausbildung zu schaffen. Erst recht in einer Zeit, da er angesichts der diskutierten Senkung der Fachkraftquote, angesichts eines Abbaus von Qualifikation, angesichts einer Gesellschaft, die sich eine wertvolle Altenpflege nicht leisten kann oder will, befürchtet: "Es wird keine Bildungs-Republik Deutschland, sondern eine Budget-Republik werden." Doch auch in der kann nicht jeder pflegen.
Autor: Gerhard M. Kirk und Michael Bamberger (Fotos)


