Karlschule

Der Finanzbürgermeister als Motivationstrainer für Neuntklässler

Joachim Röderer

Von Joachim Röderer

Mi, 12. Dezember 2018 um 19:02 Uhr

Freiburg

"Jeder hat Talent: Macht was draus", das war die Botschaft von Stefan Breiter für die Neuntklässler der Freiburger Karlschule. Er selbst schaffte die Karriere vom Hauptschüler zum Finanzbürgermeister.

FREIBURG-HERDERN. Nein, er sei wahrlich kein Ass in Mathe gewesen, gibt der Gast aus dem Rathaus offen und ehrlich vor den rund 50 Neuntklässlern der Karlschule zu. Ganz im Gegenteil: Seine Noten in den Klassen sieben bis neun an der Gerhart-Hauptmann-Hauptschule seien richtig mies gewesen. Aber der vermeintliche Schulversager von damals sagt auch: Dinge können sich ändern und drehen, wenn man Chancen ergreift. Heute verantwortet Stefan Breiter als Freiburger Finanzbürgermeister – schlechte Mathematiknoten hin oder her – den städtischen Zwei-Milliarden-Euro-Haushalt.

Das Eis im Klassenzimmer ist schnell gebrochen. Als es um Mathe und Milliarden geht, schmunzeln alle. Auch Monika Stein, Lehrerin an der Karlschule, Stadträtin und Ex-OB-Kandidatin. Bei der Delegationsreise in die asiatischen Partnerstädte vor einigen Monaten hatten Stein und Breiter, die gut miteinander können, den Besuch vereinbart. Zwei Schulstunden lang folgen die Schülerinnen und Schüler der Werkrealschule aufmerksam den Ausführungen des 51-Jährigen über seinen ungewöhnlichen Werdegang.

Stefan Breiter, aufgewachsen als Scheidungskind im Stadtteil Mooswald, hat keine besonders angenehmen Erinnerungen an seine Schulzeit: "Ich hatte keine Lernerfolge", erinnert er sich. Nach der Hauptschule hat er bei der Post eine Ausbildung gemacht und als Postbote gearbeitet. "Ich wollte etwas Sicheres haben", erzählt er. Selbstbewusstsein holte er sich über den Sport – erst als Eishockeyspieler, dann aber vor allem als Eishockeyschiedsrichter. Er stieg als Referee bis in die höchste Spielklasse DEL auf

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Der Erfolg strahlte auch auf seine beruflichen Perspektiven aus. "Mir sagte eine Stimme: Da könnte noch was gehen." Und es ging noch was: Abendschule, Realschulabschluss, Fachhochschulreife, Finanzstudium. Und wenige Jahre später war der Briefträger von einst persönlicher Referent des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg.

Stefan Breiter erzählt locker und sympathisch. Und wirkt wie ein Motivationscoach, wenn er den Neuntklässlern sagt: "In jedem von euch steckt ein Talent". Man dürfe sich nicht zu früh festlegen, das Leben stecke voller Möglichkeiten. Er hat das Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" von Christiane F. mitgebracht, weil es ihn in jungen Jahren sehr geprägt habe. "Es war das erste Buch überhaupt, das ich ganz gelesen habe", sagt er. Überhaupt sei lesen wichtig, sich informieren – durch die Zeitung. Und bitte bloß nicht alles glauben, was im Internet steht.

Danach löchern die Schülerinnen und Schüler den Bürgermeister mit vielen Fragen. Was verdient er im Rathaus? Warum ist der Nahverkehr zum Tuniberg so umständlich und das Internet dort so lahm? Es geht um teures Wohnen, um Sicherheit. Als Breiter fragt, wer sich nachts in der Stadt unsicher fühle, gehen die Hände fast aller Mädchen nach oben. Dann das Thema Integration. Untereinander an der Schule gebe es keine Probleme, so die Jugendlichen. An anderen Stellen hakt es. "Ich würde gerne Friseurin werden, weil ich ein Kopftuch trage, bekomme ich keinen Ausbildungsplatz", beklagt eine Schülerin. Dann ist die Zeit um, es gibt viel Beifall. Und dann werden die Smartphones gezückt für gemeinsame Selfies mit dem Bürgermeister.