Der gute Mensch von Sittewald

Dierk Knechtel

Von Dierk Knechtel

Fr, 07. September 2018

Willstätt

Mit einer Dauerausstellung erinnert Willstätt an den Schriftsteller und "Europäer" Johann Michael Moscherosch (1601 bis 1669) .

WILLSTÄTT. Philander wird in Paris Zeuge einer Teufelsaustreibung. Der Teufel beteuert: Nicht der Mensch sei von ihm, nein, umgekehrt sei er von dem Menschen besessen. Philander von Sittewald war das Pseudonym des 1601 in Willstätt geborenen Dichters Johann Michael Moscherosch. Ihm gewidmet ist eine räumlich knappe, aber inhaltsreiche Ausstellung im Foyer des Willstätter Rathauses, die am Mittwoch feierlich eröffnet wurde.

Das bekannteste und einflussreichste Werk des Johann Michael Moscherosch ist "Wunderliche und Wahrhafftige Gesichte Philanders von Sittewald". Philander, das bedeutet im Altgriechischen "der gute Mensch". Sittewald, das ist dort, wo die "Sitte waltet" und ist zugleich ein aus den Buchstaben von Willstätt zusammengesetztes Pseudonym des Geburtsorts. Das 1640 in Straßburg erschienene Buch besteht aus 14 Erzähl-Episoden. Eine davon, das "Soldaten-Leben", beschreibt grausame Quälereien, die verrohte Landsknechte an der schutzlosen Landbevölkerung verübten. Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen soll sich bei der Abfassung seines "Simplicissimus" daraus bedient haben, in der Ausstellung heißt das "Grimmelshausen stiehlt". Davon kann sich der Besucher mit Hilfe von zwei Audiodateien überzeugen, die sich hinter einem gleichnamigen Button auf einem Touchscreen verbergen.

Ob Moscherosch

Grimmelshausen jemals

begegnete, ist nicht bekannt.

Ob Moscherosch dem im nahen Renchen wirkenden Zeitgenossen jemals begegnete, ist nicht bekannt. Jedenfalls habe dieser dem Willstätter literarisch viel zu verdanken, wie es Dirk Werle in seiner Ansprache zur offiziellen Eröffnung der Ausstellung im Willstätter Rathaus ausdrückte. Der Leiter des Germanistischen Seminars der Universität Heidelberg zeichnet für Text und Konzeption der Ausstellung verantwortlich. Moscheroschs "Gesichte" seien zu ihrer Zeit Publikumserfolge gewesen. Wie der Autor des "Simplicissimus" wird Moscherosch in der Ausstellung als die größten deutschen Prosaschriftsteller des 17. Jahrhunderts bezeichnet. Unzweifelhaft haben sie maßgeblich dazu beigetragen, den modernen Roman zu etablieren.

Moscheroschs Rang für das kulturelle Gedächtnis Willstätts und der Region ist damit ausreichend umrissen. Die Stadt gedenkt mit der Ausstellung aber auch der eigenen leidvollen Geschichte. 400 Jahre liegt der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges zurück. 1632 wurde Willstätt durch kaiserlich-katholische Truppen fast vollständig zerstört, und 1643, nach dem Kriegseintritt Frankreichs, erneut gebrandschatzt. Der "stattliche Hof der Moscheroschs" an der Kinzig lag in unmittelbarer Nähe zur Mühle, die heute nach einem Umbau das Rathaus beherbergt. Im "Klagegedicht an einen Freund" von 1652 betrauert Moscherosch den Verlust des Elternhauses: "Das Hauß, darinn ich bin an dise Welt gebohren, das ist durch Schnauberey im Feur und Rauch verlohren." Der Dreißigjährige Krieg, der ein europäischer war, prägte Leben und Werk Moscheroschs. Auch wenn es ein wenig dem Zeitgeist geschuldet ist, ihn in der Ausstellung als "Europäer" zu betiteln, so künden "seine Schriften vom Einfluss der anderen europäischen Literaturen und vom Respekt für sie", sie es in einem Ausstellungstext heißt. Und im "An die Europeische Völcker Kling-Gedicht" heißt es: "Europa tritt herfür, Dich selber zu beschauen, in disem Spiegel, den Philander hat gemacht."

Hier war Moscherosch der "Träumende", der die Menschen durch den beißenden Spott seiner Satire zum Besseren erziehen wollte. Ein Visionär war der auch als Hauslehrer tätige 14fache Vater im Hinblick auf seine pädagogischen Vorstellungen, die er im Erziehungsbuch "Insomnis Cura Parentum" (schlaflose Sorge der Eltern) niederlegte.

Und einen ganz praktischen Beitrag zur Völkerverständigung lieferte Moscherosch mit "Technologie Allmande & Françoise", einem deutsch-französischen Wörterbuch aus seiner Feder. Unter den 14 000 übersetzten Wörtern aus allen Wissensgebieten seiner Zeit findet sich auch dieses: Verstehen = Entendre.