Der Pflegenotstand hat auch Bötzingen erreicht

Manfred Frietsch

Von Manfred Frietsch

Fr, 28. September 2018

Bötzingen

Die Zuschüsse für die Beratungsstelle für ältere Menschen sollen steigen / Beratungsarbeit wird komplexer.

BÖTZINGEN. Die Gemeinde Bötzingen ist bereit, die Beratungsstelle für ältere Menschen und deren Angehörige mit einem größeren Zuschuss zu unterstützen. Der Gemeinderat hat einstimmig befürwortet, den bisherigen jährlichen Beitrag von einem Euro pro Einwohner im kommenden Jahr auf 1,22 Euro zu erhöhen. Bis 2023 soll er dann jährlich um jeweils drei Cent steigen.

Bedingung dafür, dass der höhere Zuschuss gewährt wird, ist die Zustimmung aller elf Gemeinden, für welche die Beratungsstelle zuständig ist. Sie wird wiederum von den beiden kirchlichen Sozialstationen Kaiserstuhl-Tuniberg und Nördlicher Breisgau getragen, deren Einzugsbereiche zusammen knapp 70 000 Einwohner zählt, von Breisach bis Gundelfingen.

Der höhere Zuschuss soll zum einen das Defizit verringern, das bisher bei den beiden Sozialstationen aufgelaufen ist. Zum anderen soll der Zuschuss es ermöglichen, den Personalbestand der Beratungsstelle von derzeit einer auf 1,2 Stellen zu erhöhen. Das ist zugleich mit einem personellen Wechsel verbunden, da die bisherige Hauptkraft, Hadwig Storch, zum Jahresende in den Ruhestand wechselt. Ihre Kollegin Nora Vogel wird dann künftig 70 Prozent des Stellendeputats ausfüllen, eine weitere Mitarbeiterin die übrigen 50 Prozent.

"Wir brauchen die Aufstockung, weil der Beratungsbedarf stiegt", erklärte der Geschäftsführer der in Bötzingen ansässigen Sozialstation Nördlicher Breisgau, Michael Szymczak. Der Pflegenotstand habe nun auch die ländlichen Gemeinden erreicht. "Bei häuslicher Pflege, bei Hauswirtschaftshilfe, bei der teilstationären wie bei der stationären Pflege – überall haben wir Wartelisten", erklärte Nora Vogel. Der Anteil der über 90 Jahre alten Klienten steige stark, bei ihnen bestehe oft Hilfebedarf in mehreren Bereichen, was die Beratungsarbeit in jedem Einzelfall komplexer mache. "Darum brauchen wir Berater, die sich vor Ort gut auskennen um möglichst ortsnah passende Hilfen zu vermitteln", erklärte Szymczak. Vogel und Szymczak machten auch klar, dass es dazu auch neue Formen der praktischen Hilfe im privaten Umfeld der Betroffenen brauche. Die Sozialstationen könnten mit ihren professionellen wie auch mit ihren ehrenamtlich tätigen Kräften alleine nicht den gesamten Hilfebedarf leisten. Die Beratungsstellen wollten darum vermehrt im präventiven Bereich tätig werden, um älteren Menschen Unterstützung anzubieten, die damit Risiken vorbeugen könne. Szymczak nannte ein Beispiel. "Wenn eine 85-jährige Frau die Gardinen wechseln will, wäre es besser, sie kann dazu Hilfe abrufen, als wenn sie selbst auf die Trittleiter steigt mit dem Risiko, zu stürzen und sich dabei das Bein zu brechen." Je frühzeitiger man einfache Hilfen organisieren könne, desto größer sei die Chance, ein letztlich teure Pflegebedürftigkeit aufzuschieben.

Szymczak teilte weiter mit, dass die kirchlichen Träger der Sozialstation den Plänen für eine Tagespflegestation in Bötzingen zugestimmt haben. In dem Neubau in den Rathausgärten sollen 15 Plätze geschaffen werden.