Der Traum von der Regenbogenfamilie

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mi, 17. Januar 2018

Schopfheim

Ein homosexuelles Paar will ein Kind adoptieren – die "Theatergastspiele Fürth" führten in der Stadthalle das Stück "Patrick 1,5" auf.

SCHOPFHEIM. Die "Ehe für alle" ist noch gar nicht so lange in Kraft. Schon jetzt war in der Theaterreihe in der Schopfheimer Stadthalle ein modernes Stück zu sehen, das sich genau mit diesem aktuellen Thema auseinandersetzt. In "Patrick 1,5" geht es um ein homosexuelles Paar, das ein Kind adoptieren will.

Die beiden Neu-Papas haben alles hergerichtet für das erwartete anderthalbjährige Baby und erleben eine ganz schöne Überraschung, als sich der Adoptivsohn als 15-jähriger aufsässiger Teenager entpuppt. Wie doch ein winziger Kommafehler in den Unterlagen für eine riesige Verwechslung sorgen kann…

Die Erfolgskomödie von Michael Druker spielt in Schweden. Und sie zeigt auf sympathische Art das Zusammenleben in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung und den Traum von einer Regenbogenfamilie. Die Aufführung der Theatergastspiele Fürth schafft es, gegen festgefahrene Vorurteile und falsche Klischees anzuspielen. Das liegt zum einen an der gelungenen Spielfassung und Inszenierung von Thomas Rohmer, die ebenso nachdenklich machende wie humorvolle Momente hat und sich nicht vor Emotionen scheut, zum anderen an den durchwegs sympathisch, überzeugend und locker aufspielenden Schauspielern.

Rohmer selbst gibt mit Brille, Bart und fülliger Gestalt den gutmütigen Göran, ein mitfühlender Mensch mit großem Herzen und Samariterseele, aber auch ein spleeniger Erfinder, der nachts die besten Ideen hat. Sein Lebensgefährte Sven, sehr energiegeladen und dynamisch gespielt von Sasa Kekez mit angesagter modischer Frisur, ist ein ganz anderer Typ. Ein Sozialarbeiter, der sich äußerlich cool, lässig und sexy gibt, aber seine inneren Brüche hat und nachts von Alpträumen heimgesucht wird. Am Anfang sieht man Göran, wie er die Wohnung mit der grellen Superman-Tapete in ein kuscheliges Nest für das Adoptivkind verwandelt hat. Das Sofa ist überladen mit Stofftieren, überall liegt Spielzeug herum. Als es klingelt und ein Youngster hereinplatzt, hält ihn Göran für den neuen Postboten. Doch es ist Patrick, 15 Jahre alt, der jetzt künftig hier wohnen soll. Göran und sein Partner sind perplex, weil sich ihr Adoptivkind als Jugendlicher herausstellt. Noch dazu als renitenter, rebellischer Junge mit krimineller Vergangenheit. In der Titelrolle des Patrick agiert Stefan Peschek in typischer Jugendkluft mit Kapuzenjacke, Baseballkappe, Kopfhörern und Rapper-Pose. Der junge Darsteller wirkt sehr glaubwürdig als Halbwüchsiger, der sich aggressiv und ablehnend gebärdet. "Seid Ihr Brüder?", fragt er das Paar argwöhnisch, findet es "ekelhaft", wenn sich die beiden küssen, wettert gegen die "schwule Tapete" und ätzt gegen Sven, der ihn am liebsten wieder rausschmeißen würde: "Du bist der Allerletzte auf diesem Planeten, den ich zum Vater haben will." Trotzig mischt der auf Krawall gebürstete Jugendliche das Leben von Sven und Göran gehörig auf. Der fürsorgliche Göran will ihm eine Chance geben, denn im Kern sei Patrick doch "ein lieber Junge": "Es hat sich nur noch niemand um ihn gekümmert."

Von Szene zu Szene bröckeln die zementierten Rollenklischees. Sven gesteht, dass er noch immer darunter leidet, dass sein Vater Alkoholiker war und sich "totgesoffen" hat, redet ganz offen über seine Homosexualität und erzählt, wie er Göran kennengelernt und ihm dann einen Heiratsantrag gemacht hat. Göran schwärmt davon, dass die Hochzeit der "schönste Tag in seinem Leben" war. "O Mann, wie heftig", meint Patrick und lässt sich Dias von der Hochzeit zeigen. Und erfährt, dass die beiden mit Anfeindungen aus der Nachbarschaft zu kämpfen haben. So langsam taut der Jugendliche auf, seine Abneigung, seine Vorurteile lösen sich immer mehr auf, je besser er Sven und Göran kennenlernt und merkt, dass die beiden richtig nett und fürsorglich sind. Es gibt emotional aufwühlende Szenen, wenn der in Heimen aufgewachsene Junge davon erzählt, wie er aus Notwehr einmal zum Messer gegriffen hat. Die Zuschauer verfolgen mit spürbarer Aufmerksamkeit und Empathie, wie der aufmüpfige Patrick bei seinen unkonventionellen Adoptiveltern familiäre Geborgenheit findet und sich am Schluss in überzeugendem Ton ans Publikum wendet: "Das ist jetzt meine kleine Familie!" Großer, herzlicher Beifall für das engagierte Schauspielertrio.