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12. August 2009

Mammutprojekt

Der Übersetzer Ulrich Blumenbach und David Forster Wallaces "Infinite Jest"

BZ-Porträt des Übersetzers Ulrich Blumenbach

  1. Sechs Jahre lang arbeitete Ulrich Blumenbach an David Foster Wallace’ Mammutroman „Infinite Jest“ Foto: Thomas Kunz

Wenn sich die düstere Radiofee Madame Psychosis an "die Akromegaliker und Hyperkeratotiker, die Enuretiker und spastischen Schiefhälse" draußen wendet, hilft vielleicht der Pschyrembel weiter. Aber wer kennt sich schon zugleich in byzantinischen Erotika, apokryphen Fernsehserien und höherer Mathematik aus? Und wie soll man den verschlungenen Bandwurmsatz aufdröseln und neu zusammenknüpfen, mit dem David Foster Wallace (kurz: DFW) die Fesselung eines verschnupften frankokanadischen Separatisten beschreibt? Bei der Übersetzung von "Infinite Jest" ("Unendlicher Spaß" erscheint, 1547 Seiten dick, am 24. August bei Kiepenheuer & Witsch) hat der in Basel lebende Deutsche Ulrich Blumenbach, wie er kürzlich in seiner Dankesrede für den Hieronymusring, den Wanderpokal der Übersetzerzunft, gestand, "Dinge gesehen, die mir selbst erfahrene Übersetzer kaum glauben würden": Wörter, die kein Wörterbuch verzeichnet, verschachtelte Satzkonstruktionen, die Thomas Mann oder Proust wie "kurzatmige Asthmatiker" aussehen lassen, Kapriolen und "lexikalische Vergewaltigungen" einer irrwitzigen Spaßgesellschaft, neben denen selbst Thomas Pynchons Romane verblassen. Blumenbach, mit lebhaftem Temperament, einer gut sortierten Bibliothek und einem "libidinösen Verhältnis zur Sprache" gesegnet, hat die Herausforderung sportlich angenommen und brillant bewältigt. Jetzt weiß er, dass Achondroplasie Zwergwuchs ist, "gluteale Hyperadiposität" ein vornehmeres Wort für Fettarsch und dass die Anonymen Alkoholiker den Entzug als quasireligiöse Erfahrung feiern.

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Als er das Buch 2003 zum ersten Mal las, wurde Blumenbach erst einmal schwindlig, aber dann packten ihn eine euphorische Vorfreude und der professionelle Ehrgeiz. Über manchen Sätzen brütete er einen ganzen Tag; Sachen wie ascapartic (von Ascapart, einem sagenhaften Riesen) oder Wallace’ Juxwörter und Neologismen stehen ja nicht einmal auf den 22 000 Seiten des Oxford English Dictionary. Sechs Jahre saß Blumenbach an dem Roman, dem selbst er eine "leserquälerische" Seite attestiert. Der "Unendliche Spaß" veränderte seinen Alltag, sein Familienleben, sein Verhältnis zu Sprache und Welt und sickerte selbst in seine Träume ein. Bereut hat er es nie.

Der Übersetzungsvertrag war mit 52 000 Euro vergleichsweise gut dotiert. Dennoch hätte Blumenbach das Projekt ohne die finanzielle Unterstützung seiner Eltern und seiner Frau, Stipendien, einen Brotjob bei der Credit Suisse und die jetzt langsam eintrudelnden Übersetzerpreise nicht stemmen können. Aber wer will rechnen, wenn er die Chance hat, einen "Jahrhundertroman" zu übersetzen?

Schwarzer Humor

und Sprachgewalt

Fritz Senn, sein Mentor, sprach einmal davon, Glück sei im Leben der Übersetzer nicht vorgesehen. Blumenbach denkt anders darüber. Wenn, mit Wittgenstein zu reden, die Grenzen der Sprache die Grenzen der Welt sind, dann hat DFW seine weit in unbekannte, ungeahnte Fernen hinausgeschoben. Tag für Tag überraschte er ihn mit einer neuen Facette, einem funkelnden Juwel aus der Schatztruhe seines Universalwissens, seines schwarzen Humors und seiner Sprachgewalt: Wie nie zuvor durfte (und musste) Blumenbach aus der ganzen Sinnlichkeit und "Fülle meiner Muttersprache schöpfen".

Blumenbach beschied sich mit seiner dienenden Rolle und zügelte sogar seine – an Arno Schmidt geschulte – Lust an Sprach- und Wortspielen, um sich nicht in den Vordergrund zu drängen: DFW fordert und überfordert seine Leser schon genug. Hin und wieder nutzte er freilich auch seine literarische Freiheit, etwa wenn ein irischer Immigrant vor seinen Anonymen Alkoholikerfreunden vom Glück des ersten festen Stuhlgangs schwärmt. Blumenbach übertrug die Beichte – nach einem ersten, misslungenen Versuch mit einem norddeutschen "Werner"-Slang – mit Hilfe eines Freundes ins Schweizerdeutsche: Das erste "richtig Wirschtli" ist zwar in Boston ein Fremdkörper (und nördlich der Mainlinie wohl auch), aber es klingt und riecht jetzt tatsächlich "graad eso als ob dr liebi Gott’s gmacht haig".

Auf die Hilfe des Autors konnte und wollte Blumenbach auch noch zu Lebzeiten des Schriftstellers, der sich vor einem knappen Jahr das Leben nahm, nicht zählen, nachdem er gehört hatte, wie genervt DFW auf Fragen ratloser Übersetzer reagiert. Blumenbach konsultierte Spezialisten und alte Wörterbücher und arbeitete sich selbst in so entlegene Gebiete wie die fraktale Geometrie fliegender Matratzen oder die Gedankenwelt radebrechender frankokanadischer Rollstuhlterroristen ein. Mittlerweile kann er selbst über das ungeliebte Tennis (das im Roman wie im Leben von DFW eine große Rolle spielt) so kenntnisreich reden wie über die Chemie der Drogen oder die Annularfusion, Wallace’ geniale Lösung aller Atommüll- und Energieprobleme. "Infinite Jest" ist nämlich auch eine bis ins technische Details ausgesponnene Science-fiction-Satire. Blumenbach spricht von "Tolkien für Erwachsene"; manches erinnert auch an Perry Rhodan für Intellektuelle.

Am Ende hatte Blumenbach "Infinite Jest" als zweite Heimat kennen und schätzen gelernt; aber jetzt muss er erst einmal Abstand gewinnen. In ein Loch konnte er schon deshalb nicht fallen, weil jetzt die Zeit der Interviews und Lesungen beginnt, und zur Erholung übersetzt er gerade Jack Kerouacs "On The Road" neu. Aber wenn nächstes Jahr in den USA Wallace’ nachgelassener Roman "The Pale King" erscheint, steht Blumenbach wieder bereit. Dass er dann US-Steuerrecht büffeln muss – der "Bleiche König" spielt in einem Finanzamt –, kann einen ascapartischen Übersetzer nicht schrecken. "Wer nicht krepieren will, muss kapieren", heißt es in "Unendlicher Spaß" einmal.

Autor: Martin Halter