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15. September 2014

"Antisemitismus ist Gotteslästerung"

Tausende gehen in Berlin gegen das Anwachsen antijüdischer Propaganda auf die Straße.

  1. Schalom: Kundgebung gegen den Hass Foto: dpa

"Jüdisches Leben gehört zu Deutschland, ist Teil unserer Identität." Es klingt beschwörend, was die Kanzlerin vor dem Brandenburger Tor der Menge zuruft. Der Kampf gegen Antisemitismus sei staatliche wie bürgerliche Pflicht, Diskriminierung und Ausgrenzung dürften in Deutschland keinen Platz haben. Beschwörend ist auch das Motto der Zusammenkunft an diesem Sonntagmittag in Berlin: "Steh auf! Nie wieder Judenhass!"

Vor dem Tor haben sich zahlreiche Repräsentanten aus Politik und Religionen eingefunden, um ein Zeichen gegen Rassismus und für ein friedliches Miteinander zu setzen. Nach den "schauderhaften Schockwellen von Judenhass" empfinde er die große Resonanz auf den Aufruf zur Kundgebung als "sehr bewegend und berührend", sagt der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann. Es sei eine traurige Wahrheit, dass die widerlichsten Parolen muslimische Fanatiker gebrüllt hätten. Muslime, verlangt er, müssten viel mehr tun gegen Antisemitismus und dürften es nicht zulassen, dass "ihre Religion missbraucht wird von Fanatikern, um Hass zu schüren". Von der Gesellschaft, bekennt der Zentralratsvorsitzende, habe er sich in den letzten Wochen mehr Empathie gewünscht, zumal viele Juden in Deutschland, so wie er selbst, noch aus Holocaust-Familien stammten.

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Er frage sich, so Graumann, weshalb Juden das Thema erst hätten anstoßen müssen. Die in Blogs geäußerte Ansicht, Juden müssten sich die Freiheit von Judenhass sozusagen verdienen, indem sie sich von Israel distanzierten, hält er für einen "schaurigen Gedanken". Wer Israels wegen zum Antisemiten werde, der sei es auch vorher schon gewesen. Der Präsident des World Jewish Congress, Ronald S. Lauder, wünscht sich, 70 Jahre guten Miteinanders seit Kriegsende solle man sich nicht durch Scharlatane und "mittelalterlich anmutenden Judenhass" zunichtemachen lassen.

Mit 30 Prozent latentem und "ab und zu massiv werdendem Antisemitismus" wollte man sich nicht abfinden, versichert der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolas Schneider. Viel zu spät habe die Kirche erkannt, dass sie zum Antisemitismus beigetragen habe. "Antisemitismus ist wie jeder Rassismus Gotteslästerung." Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, bekräftigt Schneiders Bedauern. Man stehe zusammen "bis zum Ende der Welt". Zur Teilnahme an der Kundgebung hatte neben Parteien, Gewerkschaften, Vereinen und Kirchen auch die Türkische Gemeinde aufgerufen. Deren Vorsitzender Safter Cinar appellierte im Vorfeld, der Kampf gegen Rassismus müsse einheitlich geführt werden: "Wer Islamfeindlichkeit bekämpfen will, muss sich auch gegen Antisemitismus wenden."

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat eine Auswahl von mehr als 20 judenfeindlichen Vorfällen veröffentlicht, die sich überwiegend im Juli in Deutschland, aber auch in Frankreich und den Niederlanden ereignet hatten. Darunter sind Anschläge auf Synagogen in Wuppertal und Gelsenkirchen, zwei tätliche Angriffe in Berlin auf einen jungen Israeli und einen 19-Jährigen mit Kippa auf dem Weg zur Synagoge sowie zahlreiche Drohungen und Schmähungen während oder im Zusammenhang mit Demonstrationen gegen die israelischen Luftangriffe im Gazastreifen.

Durch eine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Clara Herrmann (29) im Berliner Parlament ist bekannt geworden, dass allein in der Hauptstadt die Polizei in den 20 Tagen nach Ausbruch des Gaza-Konflikts mit 133 Strafanzeigen wegen antisemitischer Delikte zu tun hatte; im gesamten Vorjahr waren es 195. Insbesondere antisemitische oder andere rassistische Vorfälle im Alltag würden kaum sichtbar, beklagt Herrmann. Sie verweist auf das von der Landesregierung und den Bezirken geförderte "Berliner Register", bei dem Opfer und Zeugen etwa Schmähungen, Bedrohungen oder beleidigende Sprühparolen melden können, auch wenn es nicht zu einer Anzeige kommt. Sie hoffe, solche Register würden bald überall in Deutschland eingeführt.

Autor: Birgit Loff