BZ-Serie

Bauhausstadt Dessau: Wo heute schon morgen ist

Martin Herceg

Von Martin Herceg

Di, 25. August 2015

Deutschland

BZ-SERIE (TEIL 3):Die Bauhausstadt Dessau in Sachsen-Anhalt hat bereits die demografische Verteilung, die Gesamtdeutschland erst in 20 Jahren erwartet.

An Modellen erprobt man die Wirklichkeit, Modelle sind dazu da, etwas zu lernen. Zum Beispiel, welche Probleme der demografische Wandel im Alltag aufwirft, ob ein neues Produkt bei Kunden ankommt oder welches Getreide dem Klimawandel gewachsen ist. Wir haben in diesem Jahr bei unseren Sommerreisen solche modellhafte Orte besucht.

"Wenn du was erleben willst, fahr weiter nach Berlin", knurrt ein junges Mädchen. Sie steht vor einer in die Jahre gekommene McDonald’s-Filiale am Rande der Dessauer Innenstadt. Ein lauer Sommerabend, die Sonne ist eben untergegangen. Die kreisfreie Stadt in Sachsen-Anhalt ist ausgestorben. Gähnende Leere in den Gassen und in der restaurierten Fußgängerzone. Auch die Cafés am Marktplatz haben schon zu. Einzige Ausnahme: das Burger-Restaurant mit dem goldgelben "M". Hier brennt noch Licht, junge Menschen stehen vor der Türe, ziehen an Zigaretten. Keiner von ihnen will in Dessau bleiben. "Hier gibt’s keine Jobs – keine Zukunft", sagt die junge Frau.

Dessau, das ist die Stadt in Deutschland, die heute schon auf dem Stand ist, den der Rest der Republik erst in 20 Jahren erreichen wird – zumindest aus demografischer Sicht. Nirgendwo sonst in Deutschland sind die Menschen im Durchschnitt so alt wie in der einstigen Industriemetropole. Durchschnittlich jeder Dritte ist hier 65 Jahre oder älter. Nur 13 Prozent der Einwohner sind unter 20. In Europa toppt das nur die in Portugals Osten gelegene Region Pinhal Interior Sul (32,4 Prozent der Bevölkerung über 65) und die griechische Region Evrytania rund um die Stadt Karpenisi (32,2 Prozent). Das geht aus der jüngsten Erhebung des Statistischen Amtes der Europäischen Union (Eurostat) hervor.

Untersucht wurden 1315 Regionen in den 28 Mitgliedsländern der Europäischen Union. Der durchschnittliche Anteil an Menschen über 65 Jahre liegt demnach EU-weit bei 18,2 Prozent, in Deutschland bei 20,7 Prozent. In der deutschlandweiten Übersicht steht Dessau-Roßlau, wie die Stadt nach der Eingemeindung der Nachbarkommune Roßlau vor acht Jahren offiziell heißt, mit gehörigem Vorsprung vor dem thüringischen Suhl (27,5 Prozent). Auch die Vereinigung mit Roßlau führte nicht zum erhofften Aufschwung. Die Geburtenrate ging weiter nach unten, die Wirtschaftskraft sank. Dessau-Roßlau ist derzeit die wirtschaftlich schwächste Region Deutschlands. In einem Ranking des Focus vom Mai dieses Jahres landete die Bauhausstadt auf Rang 402 – dem letzten Platz.

Besonders deutlich zeigt sich die Überalterung der Dessauer Bevölkerung auf dem Marktplatz. Wo sich vor zwanzig Jahren jeden Morgen ein geschäftiges Treiben abspielte, ist heute tote Hose. Es ist 9 Uhr an einem Donnerstag im August. Die Sonne scheint, ein kräftiger Wind fegt über das Kopfsteinpflaster – bestes Marktwetter also. Doch die etwa 15 Händler, die heute gekommen sind, stehen gelangweilt hinter ihren Verkaufsflächen. "Der Marktplatz ist Sinnbild dafür, wie sich die Stadt in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat", sagt der Markthändler Hans Perne. Als er vor 25 Jahren als Gemüsehändler angefangen hat war der Markt "bis zum letzten Quadratmeter voll mit Ständen – und Kunden".

Die Szenerie wirkt trostlos. Kaum einer der wenigen Marktbesucher ist jünger als 70 Jahre. Für Perne hatte sich der Gemüseverkauf nicht mehr gerechnet. Also verkauft der 58-Jährige nun Ersatzteile für Vorwerk-Staubsauger. "Damals nach der Wende kamen zuallererst die Vorwerk-Verkäufer aus dem Westen", erklärt er. Fast jeder Haushalt hätte einen teuren Staubsauger gekauft und "sich übers Ohr hauen lassen". 25 Jahre später geben die grünen Sauger den Geist auf. "Mit den gebrauchten Ersatzteilen verdiene ich mehr, als ich früher mit Bananen verdient hätte", sagt Perne und muss schmunzeln. Heute hat er nur zwei Verschleißteile für den "Kobold" verkauft – zu wenig, um auf Dauer davon leben zu können. "Lange tue ich mir das hier nicht mehr an. Wenn das so weitergeht, hau’ ich ab – vielleicht ja sogar nach Südbaden, da soll’s ja genug Jobs geben – und immer gutes Wetter."

Solche Abwanderungsgedanken bereiten Peter Kuras Kopfzerbrechen. Dessaus Oberbürgermeister steht in seiner geräumigen Amtsstube vor dem geöffneten Fenster und schaut hinab auf den Markt. "Wenn hier nichts geschieht, dann sterben wir aus!" Aus seiner Stimme klingt Wut – und Verzweiflung. Seit einem knappen Jahr sitzt der FDP-Mann im Chefsessel des Rathauses. Seinen Wahlsieg verdankt er der Unzufriedenheit der Dessauer Bevölkerung. "Ich wurde weniger gewählt, als mein Vorgänger abgewählt wurde", sagt der 57-Jährige. Kuras ist Anhaltiner durch und durch. Er sagt: "Hier ist es doch schön – das müssen die Menschen doch endlich einmal kapieren." Dann deutet er Richtung Westen, wo sich hinter Hochhäusern und Bahngleisen das Aushängeschild der Stadt befindet – das 1925 nach Plänen von Walter Gropius erbaute Bauhaus. "Nur 15 Kilometer in die andere Richtung liegt mit dem Wörlitzer Park noch ein Unesco-Erbe", sagt er. Für Peter Kuras liegen die Gründe für die aktuelle Misere in der Vergangenheit. In den vergangenen 100 Jahren habe Dessau zweimal auf dem Sprung zur Metropole gestanden. Alleine das Werk der Junkers Flugzeugbau beschäftigte in den 1930er-Jahren mehr als 40 000 Menschen. 1940 lebten zeitweise mehr als 130 000 Menschen in der Stadt. Auch zu DDR-Zeiten war die Demografie kein Problem. "In Dessau gab es Arbeit, junge Familien und Kultur", sagt Kuras. Dann macht er einen Schwenk ins 18. Jahrhundert, schwärmt davon, wie groß und wichtig Dessau einst war, zählt auf, wie oft Goethe die Stadt besuchte, und berichtet, dass auch Berlin eine Dessauer Gründung gewesen sei. "Hier wurde die Moderne begründet – Halle und Magdeburg hatten gar nichts zu melden."

Die Gegenwart jedoch zeigt, dass daraus nichts wurde. Heute leben im Stadtgebiet von Dessau weniger als 70 000 Menschen. In Roßlau und im Umland sind es 14 000 Menschen – Tendenz sinkend. Trotz ausgeglichenem Wanderungssaldo wird in Dessau die Bevölkerung weiter abnehmen. Im Rathaus geht man davon aus, dass in 20 Jahren nur noch 60 000 Einwohner in der Doppelgemeinde leben werden – ein Rückgang also um die Hälfte, seit 1991.

"Das Übel nahm schon nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Lauf", erklärt Kuras. Kaum ein Ort in Deutschland sei dermaßen zerbombt worden wie Dessau. "Aus der sowjetischen Besatzungszone machten dann die schlauen Köpfe rüber", sagt der gelernte Schiffbauingenieur. Trotzdem siedelten sich in der Region große Staatsunternehmen an. Dessau wurde wieder eine Industriestadt für Maschinen- und Anlagenbau und der größte Brauereistandort in der DDR.

Das letzte, traurige Kapitel der Geschichte Dessaus spielt sich seit der Wiedervereinigung ab. Knapp 20 000 Dessauer wanderten seit 1991 ab. Die Industriebasis der Region ging weitgehend verloren, hohe Arbeitslosigkeit machte sich breit – und Verdruss. "Nur die Alten sind geblieben", sagt Kuras. Nicht aber die Jungen, die gut Ausgebildeten.

Einer der "schlauen Köpfe", die sich bereits vor dem Bau der Mauer in den Westen aufgemacht haben, ist Adolf Herbst. Zusammen mit seiner Frau Karin flüchtete der damals 24-jährige Ingenieur 1956 in den Westen. Er landete in Saarbrücken und kehrte auch nach dem Fall der Mauer nicht zurück in seine Heimatstadt. Nun, 60 Jahre nach der Heirat, sind die Herbsts nach Dessau gekommen. Zu Besuch. "Wir feiern unsere diamantene Hochzeit und wollten das an genau dem Ort tun, an dem wir uns damals das Jawort gegeben hatten", berichtet Karin Herbst. Vom Zustand der Stadt ist sie begeistert. "Wir haben uns das alles hier schlimmer vorgestellt", sagt die 79-Jährige. Ein Umzug in die alte Heimat kommt für das Ehepaar trotzdem nicht infrage.

Sollten die Herbsts doch noch zurückkommen, wäre zumindest die Altenpflege kein Problem. 14 Alten- und Pflegeheime, ein Dutzend mobiler Pflegedienste – Dessau hat sich der demografischen Situation angepasst. "Wir können den Bedarf mittlerweile gut decken", sagt Peter Müller, Leiter der Seniorenresidenz Dessau. Lediglich die Suche nach qualifiziertem Pflegepersonal sei schwer. "Von den Auszubildenden verschwinden die meisten nach der Lehre in den Westen oder nach Leipzig und Berlin", sagt Müller, der jetzt vermehrt auf osteuropäische Arbeitskräfte setzt.

Erzieher und Lehrer gibt es hingegen genügend. In den vergangenen 20 Jahren mussten in Dessau und Umgebung ein halbes Dutzend Schulen und Kindergärten schließen. Entsprechend leer sind die Spielplätze zwischen den teilweise leerstehenden Wohnblocks im Norden der Stadt. Rutschen, Schaukeln und Kletterstangen haben Rost angesetzt, in den Sandkästen wächst Unkraut. Kein Kindergeschrei stört die Mittagsruhe. Oder die Abendruhe. Statt Buggys schieben Passanten Rollatoren – die altengerechte Stadt verträgt kein Kopfsteinpflaster. Grau ist die vorherrschende Haarfarbe – Dessau fühlt sich an wie ein riesiges Altenheim, in das sich nur selten einmal ein Besucher verirrt.

"Wenige Geburten und Wegzug – das ist ein Hexenkreis", sagt OB Kuras. Alle Versuche der Stadtverwaltung, die Veralterung zu bremsen, waren gescheitert. Schuld daran sei "eine systematische Vernachlässigung" Dessaus durch die Politik. "Der einzige Kampf, den wir gewinnen konnten, war, dass das Umweltbundesamt in unsere Stadt zog", so Kuras. Als jüngstes Beispiel für die fehlgeleitete Landespolitik führt Kuras die baldige Schließung der Justizvollzugsanstalt an. "Seit 100 Jahren besteht die JVA – da gehen jetzt 100 Jobs und damit auch 100 Familien verloren."

Um nicht noch weiter abzurutschen, will der OB das Heft des Handelns selbst in die Hand nehmen. Er will Unternehmen ansiedeln, attraktiv werden für junge Menschen, die anhaltische Kultur wiederbeleben. "Wir brauchen einen Paradigmenwechsel", fordert Kuras. Über Jahre wurde immer nur einfacher, bezahlbarer Wohnraum erstellt. "Wir müssen auch endlich mal höherwertigen Mietraum anbieten." Auch beim Tourismus plant Kuras neue Wege zu gehen, durch modernes Stadtmarketing und mehr Fahrradtourismus.

Die aktuelle Flüchtlingssituation in Deutschland sieht der OB indes als Chance. "Dessau kann nur noch durch Zuwanderung gerettet werden", sagt Kuras. "Wenn ich dürfte, wie ich könnte, würde ich die meisten Familien aus Syrien, dem Irak oder Zentralafrika sofort einbürgern und zu Dessauern machen." Aus eigener Kraft habe die Stadt nämlich keine Überlebenschance mehr. Doch die offenkundige Skepsis der Bevölkerung, rechtsextreme Verbände und das deutsche Asylrecht machen Kuras einen Strich durch die Rechnung. "Jeder Schritt auf die Flüchtlinge zu, ist ein Ritt auf Messers Schneide", sagt er.

Um dennoch frisches Blut in die Stadt zu bekommen, setzt Dessau auf seine Bauhaustradition – und die Hochschule Anhalt. Seit 1992 ist die Fachhochschule mit einem Kreativstandort in unmittelbarer Nähe zum Bauhaus angesiedelt. 1330 Studenten gibt es derzeit in der Stadt. "Diese jungen Menschen gilt es an Dessau zu binden – langfristig", sagt Kuras.

Doch leider kommt die Hälfte der Dessauer Studenten aus dem Ausland – keine Zielgruppe also, die man an Dessau fesseln könnte. Viele der deutschen Studierenden stammen aus dem Umland und pendeln nach Dessau. Da kann sich so etwas wie studentisches Leben nur schwer entfalten. "Wir kommen hier nur hin, wenn es nicht anders geht", sagt Jens Wehner. Der 23-Jährige stammt aus der Nähe von Karlsruhe. Nach Dessau hat ihn sein Studium der Geoinformatik gebracht. "Dessau ist tot – für junge Menschen gibt es hier nichts", lautet das vernichtende Fazit. "Die meisten wohnen hier von Montag bis Donnerstag und gehen dann zurück in die Zivilisation."

Erin Nies ist 22 Jahre alt, studiert im sechsten Semester Architektur: "Als Student lebt man hier in einer Parallelwelt." Nach dem Bachelor-Abschluss will sie irgendwo anders hin. "Auf Dauer wird es hier schon sehr schnell langweilig", so das Fazit nach drei Jahren. Außerdem stört sie die Mentalität der Dessauer. "Die Menschen hier sind alt, destruktiv, vorurteilsbehaftet und verdrossen – eine unheimliche Lahmarschigkeit herrscht hier." Das Einzige, was die junge Frau vermissen wird, ist ihr tolles Atelier mit Blick direkt auf das Bauhaus – und die billige Miete: "In Dessau will man nicht alt werden – dafür ist Dessau einfach schon zu alt."