Wie in Frankreich

Braucht auch Deutschland eine Kindergartenpflicht?

dpa/BZ

Von dpa & BZ-Redaktion

Fr, 06. April 2018 um 20:57 Uhr

Deutschland

Frankreich weitet die Schulpflicht aus – alle Drei- bis Sechsjährigen sollen in die École maternelle gehen müssen. Soll auch in Deutschland der Besuch des Kindergartens verpflichtend werden?

Nach der Entscheidung für eine Kindergartenpflicht in Frankreich wird das Thema auch in Deutschland diskutiert – eine Zwangsbetreuung trifft dabei aber weitgehend auf Skepsis. Eher werden mehr Plätze und eine bessere Qualität der Betreuung in Kindergärten gefordert. "Es fehlen Erzieherinnen und Erzieher, sogar im dramatischen Maße", sagte FDP-Generalsekretärin Nicola Beer. Die Grünen-Fraktionsvize Katja Dörner sagte: "Wir brauchen einen finanziellen Kraftakt für mehr Plätze und für eine Qualitätsoffensive."

Hintergrund ist die jüngste Entscheidung der französischen Regierung, dass ab dem kommenden Jahr in Frankreich die Schulpflicht bereits ab drei statt ab sechs Jahren gelten wird. Gemeint ist der Besuch der dem deutschen Kindergarten vergleichbaren École maternelle. Ziel ist es, mögliche Sprachschwierigkeiten zu mindern. Die Kinder sollen auch das soziale Miteinander lernen.

Beer sagte, hierzulande sei eine derartige Pflicht überflüssig. Die meisten Kinder über drei Jahre besuchten bereits einen Kindergarten. Dennoch sei eine bessere Vorbereitung der Jüngsten auf die Grundschule nötig. Dafür brauche Deutschland bestens qualifizierte Erzieher mit ausreichend Zeit für die ihnen anvertrauten Kinder, sagte die bildungspolitische Sprecherin der Freidemokraten im Bundestag. "Statt einer Besuchspflicht brauchen wir eine Qualitätspflicht."

Zum Mangel an Kindergartenplätzen in vielen deutschen Regionen sagte die frühere hessische Kultusministerin, die Städte und Gemeinden müssten sich auf diese wichtige Aufgabe konzentrieren und "entschlossen dafür sorgen, dass es genügend Plätze gibt". In Deutschland kämen auch wieder mehr Kinder zur Welt. Da sei auch der Bund gefragt. Erzieher müssten zudem besser bezahlt werden. "Dazu zählt aber vor allem, dass wir im Gegensatz zu bisher die ersten drei Ausbildungsjahre für den Erzieherberuf wie bei anderen Berufen auch vergüten."

Die Grünen-Bildungspolitikerin Dörner warf der Regierungskoalition absehbares Versagen bei den Herausforderungen für die Kitas vor (also bei der Betreuung der 1- bis 3-Jährigen). "Es fehlen Plätze, trotzdem drückt sich der Bund davor, seinen Anteil am Platzausbau zu finanzieren und lässt die Kommunen im Regen stehen."

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) ist generell für einen frühen Kita-Besuch und gegen das Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder länger zu Hause lassen. Studien belegten, dass Kinder mit Migrationshintergrund, wenn sie in der Kita waren, später in der Schule deutlich besser abschnitten, sagte der SVR-Vize Haci Halil Uslucan. Dies gelte besonders für Kinder aus sozial schwachen Familien sowie für Kinder aus Stadtvierteln mit einem geringen Anteil deutschsprachiger Kinder. Ein Zwang würde jedoch verfassungsrechtliche Probleme aufwerfen.

"Wichtiger wäre es bei Eltern aus Migrantenfamilien für den Besuch von Kita und Kindergarten zu werben", sagte Uslucan. Denn nicht alle verstünden, dass die Kinder dort auch "spielerisch lernen". Im städtischen Milieu von Istanbul beispielsweise gebe es zwar auch Kindergärten mit ausgebildeten Pädagogen, in der Türkei sei diese Art von frühkindlicher Betreuung aber nicht weit verbreitet. Auch wüssten Eltern ausländischer Herkunft oft nicht, wie sie es anstellen müssten, für ihre Kinder einen der mancherorts raren Kita-Plätze zu ergattern.