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14. Januar 2016

Merkel

"Da ist für uns in der Politik auch noch was übrig geblieben"

Kanzlerin Angela Merkel würdigt den Freiburger Ökonomen Walter Eucken – und geht dabei auf Distanz zur Wirtschaftswissenschaft, wenigstens ein bisschen.

  1. Gruppenbild mit Raute: Kanzlerin Angela Merkel mit Dieter Salomon (links), Lars Feld und Hans-Jochen Schiewer (rechts) im Foyer des Konzerthauses Foto: dpa/patrick seeger

Schnell muss es gehen. Kurz nach 18 Uhr huscht Angela Merkel durch die Eingangstür des Freiburger Konzerthauses. "Dann wollen wir uns mal gruppieren", sagt sie keine Minute später und eine Etage höher vor einer Stellwand, auf der geschrieben steht, weshalb sie an diesem Mittwochabend mal eben von Berlin nach Freiburg geflogen ist. "Festakt zum 125. Geburtstag Walter Euckens" heißt es in grünen Lettern. Dieter Salomon, der grüne Oberbürgermeister steht an Merkels rechter, Lars Feld, der Leiter des Walter-Eucken-Instituts, und Universitätsrektor Hans-Jochen Schiewer, stehen an ihrer linken Seite. Die Kanzlerin selbst faltet noch rasch die Hände zur berühmt-berüchtigten Raute. Auf die Plätze, fertig, Fotografen los – der Saal wartet.

Dort erheben sich die Gäste, darunter reichlich südbadische Prominenz, spontan zur Begrüßung. Was einen Augenblick lang wirkt wie das auf Parteitagen übliche Beifallsritual, ist bei den ersten Klängen eines Streicher-Trios vergessen. Die Musiker bieten ein Werk Max Regers dar, jenes Komponisten, der im Elternhaus des Wirtschaftswissenschaftlers ein- und ausging. Musik als Mittel zur Entschleunigung. Ob Merkel diese (Zwangs)-Momente des Innehaltens zwischendurch bei ihren vielen Terminen womöglich schätzt?

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"Schon Ihr Pensum in normalen Zeiten ist kaum zu begreifen", staunt Lars Feld und fragt: "Aber wann haben Sie normale Zeiten zuletzt erlebt?" Wie außergewöhnlich die Zeiten für die Regierungschefin sind, daran hat vor Feld bereits Dieter Salomon keinen Zweifel gelassen. Der OB hebt Merkels Einsatz für die Aufnahme der Flüchtlinge hervor, den er nicht zuletzt als Handeln einer Politikerin begreift, die "wie Walter Eucken die Erfahrung der Unfreiheit" gemacht habe. "Im Namen der überwiegenden Zahl der Freiburger" wolle er "für diese humanitäre Geste schlichtweg einmal Dankeschön sagen", betont der OB. Falls Merkel Salomons Worte wohl tun, bleibt das zumindest fürs Publikum ein Geheimnis.

Die Kanzlerin tut, was sie als Rednerin meistens tut: Sie erfüllt ihre Pflicht. Dazu gehört, dass sie an diesem Abend zunächst einmal Stellung nimmt zum Terroranschlag in Istanbul vom Vortag, der zehn deutsche Touristen das Leben gekostet hat. Sie trauere um die Landsleute und fühle mit den Hinterbliebenen, sagt sie. Sie sagt aber auch, der Terrorismus habe es darauf abgesehen, "unser freies Leben in unseren freien Gesellschaften anzugreifen". Und dass es zum Verzagen keinen Grund gebe: "Unser freiheitliches Leben ist stärker als jeder Terror."

Auch Eucken, so schlägt Merkel schließlich – wie Salomon – den Bogen zum Begründer der Freiburger Schule, habe mit seinen Erkenntnissen selbst in der Nazizeit nicht hinterm Berg gehalten. Als Menschenfreund, der abseits eingefahrener Wege gewandelt sei, ohne sich von radikalen Kräften vereinnahmen zu lassen, beschreibt sie den Erfinder jener ordoliberalen Grundsätze, die dazu dienen sollten, die Macht des Staates wie der Wirtschaft zu begrenzen, um das Wohl möglichst vieler Menschen durch eine florierende Wirtschaft zu ermöglichen.

Merkel ist Physikerin, keine Ökonomin. Man darf annehmen, dass ihr Experten ein paar der fachspezifischen Passagen in ihrer Rede aufgeschrieben haben. Aber Merkel ist auch Praktikerin. Früher schon hat sie in Freiburg die theorielastigen Ökonomen gehänselt. "Da ist für uns in der Politik auch noch was übrig geblieben", frotzelt sie auch diesmal, als sie Euckens Lehre in Stichworten referiert und beim Punkt "Durch Verlässlichkeit Verunsicherung vermeiden" angelangt ist.

Wie viel mehr dann doch für die Politik zu tun übrig bleiben wird, ahnt der Zuhörer, als Merkel den Bogen spannt in Gegenwart und Zukunft. Vom Zwang, ordnungspolitische Prinzipien global zu verankern spricht sie da. Vom Ringen um Regeln in der Eurokrise und – dann doch – von der Herausforderung, welche die Flüchtlingskrise bedeute. Merkel bleibt hier ganz bei sich. Offene Grenzen seien schon wegen des europäischen Binnenmarktes nötig. Im Übrigen würden 500 Millionen Europäer ja wohl "eine Million Syrer temporär aufnehmen können".

Spricht’s, harrt aus, bis das Klatschen verebbt – und eilt fort. Draußen lärmen Milchbauern und Demonstranten für ein freies Kurdistan. Beide nimmt sie wohl kaum mehr wahr. Es muss schnell gehen.

Autor: Thomas Fricker