"Die Anforderungen an uns sind stetig gestiegen"

Ines Alender

Von Ines Alender

Do, 19. März 2015

Deutschland

BZ-INTERVIEW mit dem Leiter der Freiburger Kita Taka-Tuka-Land, Michael Domonell, über den Erzieherberuf und die Entlohnung.

Gewerkschaft und Arbeitgeberseite diskutieren darüber, welche Vergütung für Erzieherinnen fair ist. Doch was sagen die Betroffenen selbst? Ines Alender hat mit dem Leiter einer Freiburger Kita, Michael Domonell, gesprochen.

BZ: Herr Domonell, fühlen Sie sich unterbezahlt?
Domonell: Ich denke, man muss differenzieren. Ich kann mit meinem Lebensstandard gut leben. Wenn ich aber mein Einkommen mit den Gehältern in anderen Branchen vergleiche, fühle ich mich für die Arbeit, die ich leiste, in der Bezahlung nicht genügend wertgeschätzt.
BZ: Verdi fordert zehn Prozent mehr Gehalt. Warum wäre eine solche Gehaltssteigerung gerechtfertigt?
Domonell: Sie wäre deshalb gerechtfertigt, weil bisher nach der alten Gehaltseingruppierung aus dem Jahr 1991 bezahlt wird. 2009 gab es zwar eine Verhandlungsrunde, aber in der haben wir nur erreicht, dass junge Erzieherinnen den älteren gleichgestellt werden. Ich bin der Überzeugung, dass Erzieherinnen heutzutage eine sehr wichtige, gesellschaftliche Aufgabe leisten. Und dafür werden sie nicht angemessen bezahlt. Der durchschnittliche Bruttolohn einer Erzieherin liegt bei 2900 Euro, der eines Arbeitnehmers in Deutschland im Durchschnitt aber 600 Euro höher.
BZ: Und das, obwohl die Erwartungen an Erzieher immer größer werden.
Domonell: Richtig. Seit der Pisastudie sind die Anforderungen an den Erzieherberuf stetig gestiegen. Wir sollen zunehmend Bildungsarbeit übernehmen, so dass die Kinder für den Schulstart bessere Voraussetzungen haben. Kinder aus Migrationsfamilien sollen besser gefördert werden, hinzu kam der Ausbau der Kindertagesstätten für die unter Dreijährigen. Außerdem haben wir die Aufgabe, Flüchtlingskinder gut zu integrieren und wir sollen inklusiv arbeiten. Wir haben Handlungsrichtlinien, die wir erfüllen und Qualitätskonzepte, die wir umsetzen sollen. Ich finde, das hört sich durchaus nach anspruchsvoller Arbeit an.
BZ: Absolut. Im Zuge des Rechtsanspruchs wurde zuletzt aber auch die Qualität in deutschen Kitas bemängelt. Sind da zehn Prozent Gehaltssteigerung tatsächlich angemessen?
Domonell: Ich kann natürlich nicht für alle Kitas sprechen, aber für mein Haus und die städtischen Kitas gilt: Wir liefern eine hochqualifizierte Arbeit ab. Wir haben noch nie andere Rückmeldungen der Eltern bekommen. Sie bescheinigen uns immer, dass wir tolle Arbeit abliefern. Hinzu kommt natürlich auch, dass bei Tarifverhandlungen – so ehrlich muss man sein – zu Beginn immer mehr gefordert wird, als später dabei herauskommt.
BZ: Die Gewerkschaft meint, dass der Fachkräftemangel nur mit einer Gehaltssteigerung bekämpft werden kann. Fehlen in der Praxis tatsächlich so viele Leute, wie die Zahlen vermuten lassen?
Domonell: Der Fachkräftemangel ist tatsächlich so gravierend. Freiburg hat noch einen Standortvorteil, trotzdem bleiben auch bei uns mehrere Stellen im Jahr unbesetzt. Deshalb gibt es bei uns jetzt eine Personalreserve. In ländlichen Gebieten sieht es noch viel schlimmer aus. Da müssen zum Teil ganze Gruppen schließen, weil die Fachkräfte fehlen.

Michael Domonell (56) ist Diplom-Sozialpädagoge. Seit 1998 leitet er das Kinderhaus Taka-Tuka-Land im Freiburger Stadtteil Rieselfeld. Er hat 26 Mitarbeiterinnen und vier Mitarbeiter unter sich
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