Forschung ohne Kontrolle

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Fr, 20. Juli 2018

Deutschland

Immer mehr Wissenschaftler schreiben für unseriöse Publikationen.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) tritt dafür ein, Fehlentwicklungen bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu prüfen. "Es ist im Interesse der Wissenschaft selbst, die jetzt aufgeworfenen Fragen gründlich zu untersuchen und zu beantworten." Karliczek reagierte damit auf Medienberichte, wonach mehr als 5000 deutsche Forscher Beiträge in unseriösen Journalen publiziert haben. Laut SWR sind darunter auch Wissenschaftler aus Baden-Württemberg.

In der Welt der Wissenschaft ist Jeffrey Beall bestens bekannt. Im Jahr 2010 schuf der Bibliothekar an der Universität von Colorado den Begriff der Raubtierzeitschriften (Englisch predatory journals) und begann, darüber in einem Blog zu schreiben. Ihm war aufgefallen, dass er es plötzlich mit Fachjournalen und wissenschaftlichen Zeitschriften zu tun bekam, deren Namen er zuvor nie gehört hatte. Im Grunde, sagte Beall im Frühjahr 2017 in einem Gespräch mit der Zeitschrift New Yorker, handelte es sich um "pay-to-publish-operations", also um Einrichtungen, die gegen Bezahlung alles veröffentlichen – ganz gleich, ob der Artikel den Grundsätzen guten wissenschaftlichen Arbeitens entsprach oder eher "fake science" (gefälschte Wissenschaft) war.

Um zu verstehen, was Beall damals beobachtete, muss man die frühere Struktur betrachten. Die Wissenschaft war bestimmt von einer überschaubaren Zahl an lange eingeführten Fachjournalen, die mit Werbung und Verkauf des Journals an Universitäts- und Forschungsbibliotheken ihr Geld verdienten. Mit dem Internet kamen Online-Journale auf, die kostenfrei gelesen werden konnten ("open access"). Solange sie die "peer review", also die Kontrolle durch die Koryphäen des Fachs, durchführten, war dieser Wandel von vielen begrüßt worden – solange also Wissenschaftler vor Veröffentlichung eines Artikels dessen Güte beurteilten.

Allerdings tauchten bald auch "Raubtierjournale" auf, die von Forschern zwar Geld verlangten, auf eine "peer review" aber verzichteten und den eingereichten Beitrag rasch veröffentlichten. Sie missbrauchten also das "open access"-Modell. Der Versuchung, dort zu publizieren, konnten viele Forscher offenkundig nicht widerstehen. Denn in vielen wissenschaftlichen Disziplinen hängt ihre Karriere stark davon ab, wie häufig sie innerhalb eines bestimmten Zeitraums Arbeiten veröffentlichen. "Publish or perish", veröffentliche oder geh’ unter, so lautet international die Losung.

Im Jahr 2015 kamen die Forscher Cenyu Shen und Bo-Christer Björk von der finnischen "Hanken"-Wirtschaftsuniversität in einer Studie zu dem Ergebnis, dass "Raubtierjournale" 2010 etwa 53 000 Artikel veröffentlichten. Im Jahr 2014 waren es schon 420 000. Inzwischen steht fest, dass diese nur im Internet existierenden Zeitschriften auch Pseudo-Wissenschaftskonferenzen veranstalten.

Selbst sinnfreie Texte werden akzeptiert

Auf seiner Website berichtet der IT-Fachmann Christoph Bartneck von der Universität Canterbury in Neuseeland, er sei im Herbst 2016 zu einer Konferenz über Nuklearphysik eingeladen worden. Obwohl er davon so gut wie nichts wisse, habe er einen Beitrag geschrieben, um als Referent auftreten zu können. Dazu tippte er die Worte "atomic" oder "nuclear" in sein iPhone und ließ die automatische Wortergänzung einen Text verfassen, der, so Bartneck, keinen Sinn ergab. Den reichte er ein – und wurde drei Stunden später für die Konferenz akzeptiert.

Veranstalter der Tagung war, so Bartneck, eine Firma namens "Omics Group", gegen die die US-Handelsbehörde wegen des Vorwurfs der Täuschung Klage eingereicht hat. Wie fragwürdig das Unternehmen ist, zeigt auch die Tatsache, dass Fachdatenbanken Publikationen von "Omics" indexiert haben – das heißt, vereinfacht gesagt, dass die Qualität der Artikel aus dieser Quelle als zweifelhaft galt. Schon seit einiger Zeit versuchen Universitäten und Wissenschaftsorganisationen, dem unseriösen Treiben Einhalt zu gebieten. So mahnt beispielsweise die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren Wissenschaftler zur Vorsicht. Auf ihrer Internetseite gibt sie Tipps, wie man sich vor Beiträgen in "Raubtierjournalen" schützen kann.

Wie andere wissenschaftliche Einrichtungen hat auch die Helmholtz-Gemeinschaft Richtlinien über Publikationen erlassen. Sie legen beispielsweise fest, nach welchen Gesichtspunkten ein Text zur Veröffentlichung freigegeben wird. Auch ist es weltweit an Universitäten durchaus üblich, Listen mit den Journalen zu erstellen, die man für seriös hält – und in denen die Forscher veröffentlichen sollen.

Eine der wenigen "schwarzen Listen" war der Blog von Jeffrey Beall. Seine Liste war umstritten, weil Kritiker Beall vorwarfen, seine Kriterien nicht klar zu benennen. Im Januar 2017 gab er den Blog allerdings auf. Dabei lässt er keinen Zweifel daran, wie gravierend das Problem aus seiner Sicht ist. So sagte er in einem Interview mit The scholarly kitchen, dass miserable Wissenschaft die Wissenschaft selbst "verschmutze". Dieses Problem werde sich verschärfen.

Beall fürchtet zudem, dass in einer bibliografischen Datenbank wie "Google Scholar" nicht mehr zwischen echten und unsinnigen Einträgen unterschieden werde: "Das größte Opfer ist die Wissenschaft selbst." Zwar sieht Beall durchaus gelungene Beispiele für "open access". Trotzdem gebe es nur eine Lösung des Problems: Das System, bei dem der Autor für die Publikation bezahle, müsse aufhören, weil es die wissenschaftliche Kommunikation korrumpiere.