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17. Dezember 2014

Debatte

Freier sollen Strafe zahlen

Die Organisation Survivors setzt sich dafür ein, dass Prostituierte mehr Unterstützung erfahren.

MÜNCHEN. "Survivors" (zu Deutsch Überlebende), das ist der selbstgewählte Name, mit dem sich Aussteigerinnen aus der Prostitution auf der ganzen Welt bezeichnen. Vor knapp drei Jahren gründete die irische Aussteigerin Rachel Moran "Space International", einen Zusammenschluss von bisher zwölf Survivors aus sieben Ländern, die öffentlich über ihre Erfahrungen in der Prostitution sprechen. Space hat sich zum Ziel gesetzt, das sogenannten Nordische Modell weltweit politisch durchzusetzen.

Das Nordische oder Schwedische Modell geht auf das seit 1998 in Schweden bestehende Gesetz zurück, nach welchem der Kauf von Sex strafbar ist, während der Verkauf von Sex straffrei bleibt. Es handelt sich also nicht um ein Prostitutionsverbot, sondern um ein Sexkauf-Verbot. Gleichzeitig beinhaltet das Modell eine umfassende Unterstützung von Prostituierten, unabhängig davon, ob sie aussteigen wollen oder nicht. Weitere Staaten, die dem Nordischen Modell folgen, sind Norwegen, Island, Kanada, Irland, Nordirland und demnächst voraussichtlich Frankreich. In Deutschland ist seit dem Jahr 2002 sowohl das Betreiben von Bordellen als auch die Prostitution legal, jedoch arbeitet die Regierung in Berlin seit einiger Zeit an einer Überarbeitung des Gesetzes.

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Die Survivor-Bewegung in Deutschland steht noch am Anfang. Während in anderen Ländern längst auch Survivors in Politik und Medien zu Wort kommen, treten sie hierzulande kaum öffentlich in Erscheinung. Ein Meilenstein war der Kongress "Stop-Sexkauf" Anfang Dezember in München, zu welchem Survivors aus ganz Europa eingeladen waren. Vor rund 250 Teilnehmerinnen berichteten sie über ihre Erfahrungen und diskutierten gemeinsam mit Politikerinnen, Juristinnen und Traumatherapeutinnen über das Thema Prostitution.

Tanja Rahm, Space-Mitglied aus Kopenhagen, sagte: "Prostitution hat nichts mit Selbstbestimmung zu tun. Prostitution dreht sich um das Recht der Männer, Frauen auszubeuten und zu unterdrücken." Während des Traumata-Workshops erklärte sie, dass sie in ihren drei Jahren in der Prostitution die Käufer niemals als gewalttätig bezeichnete, weil sie zu glauben gelernt hatte, dass dies alles normal und okay sei. "Um all diese Gewalt auszuhalten, ohne die Verantwortung dorthin zu platzieren, wo sie hingehört, musst du dich vollständig von dir selbst dissoziieren."

Die Aussteigerin Huschke Mau schrieb Ende November in einem offenen Brief an die Prostitutionsbefürworterinnen: "Es geht in der Prostitution nicht um Sex, es geht um Macht. Prostituierte sind keine Personen mehr im Moment des Aktes, sie sind ein verfügbar gemachtes, gekauftes, auf die Erfüllung von Männerbedürfnissen abgerichtetes Ding."

Zur Überarbeitung des bestehenden Prostitutionsgesetzes hatte im Juni eine Anhörung im Bundesfamilienministerium unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden. Gehört wurden unter anderem Interessenvertreter von Unternehmen der Prostitutions- und Erotikbranche sowie selbständige Sexarbeiterinnen. Nicht eingeladen hingegen wurden prostitutionskritische Initiativen und Aussteigerinnen. Deshalb wurde dem Ministerium von mehreren Seiten vorgeworfen, eine Audienz für einschlägige Lobbyisten abgehalten zu haben.

Dass hinter der Sexindustrie auch wirtschaftliche Interessen stehen, machen die Zahlen deutlich: Der von der Gewerkschaft Verdi geschätzte Umsatz durch Prostitution in Deutschland liegt bei 14,5 Milliarden Euro pro Jahr, weltweit sollen es 186 Milliarden US-Dollar sein. Jana Koch-Krawczak, eine der wenigen Survivors, die hierzulande öffentlich sprechen, stellte auf dem Kongress nüchtern fest: "Die Lobby macht unsere ganzen Erfahrungen zunichte."

Auch aus der Politik waren Vertreterinnen nach München angereist. Stuttgarts Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer sagte, sie wünsche sich von dem überarbeiteten Prostitutionsgesetz eine Anhebung des Mindestalters für Prostituierte auf 21 Jahre. Außerdem halte sie es für sinnvoll, eine verpflichtende Beratung mit freiwilliger Gesundheitsuntersuchung für Prostituierte einzuführen. Denn dies sei oft die einzige Möglichkeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Gerade Zwangsprostituierte werden häufig von Zuhältern und Bordellbesitzern abgeschirmt. Doch für Fezer ist letzten Endes offensichtlich: "Das Thema Prostitution und Menschenhandel bekommen wir nur in den Griff, wenn es keine Sexkäufer mehr gibt."

Autor: Johanna Schmidbauer