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04. Dezember 2012

Mobilität

Immer weniger junge Menschen besitzen ein eigenes Auto

Das Auto galt jungen Menschen lange als Statussymbol. Jetzt fahren sie statt einen tiefer gelegten Golf lieber Bus, Bahn oder Fahrrad. Mitfahranbieter profitieren von diesem Trend.

Das eigene Auto ist nicht mehr der dringlichste Wunsch aller Jugendlichen. Punkt genau zum 18. Geburtstag den Führerschein machen, gleich ein Auto kaufen, irgendeins, Hauptsache man hat einen eigenen fahrbaren Untersatz – das war einmal. Der Anteil von jungen Erwachsenen, die regelmäßig ein Auto nutzen, nimmt ab. Der Führerschein ist von diesem Trend nicht betroffen. Spätestens bis zum 28. Lebensjahr hat der Großteil der Bevölkerung die Fahrerlaubnis erlangt. Doch auch wer einen Führerschein besitzt, nutzt ihn nicht mehr so stark.

Laut dem deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) fahren die 18- bis 19-Jährigen im Schnitt nur noch 17 Kilometer pro Tag mit dem Auto, vor zehn Jahren waren es noch 28. Die Wege, die mit dem öffentlichen Verkehr zurückgelegt werden, werden dagegen länger. Gleichzeitig benutzen Jugendliche innerhalb eines bestimmten Zeitraums mehr als nur ein Verkehrsmittel.

Wissenschaftler des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (Innoz) fragen nach den Gründen für diese Entwicklung. Als treibende Kraft vermuten die Experten einen Wertewandel. Dass die Jugendlichen immer öfter das Auto stehen lassen, ist allerdings nicht unbedingt ein Zeichen von Umweltbewusstsein. Viel eher zeigt es, wie pragmatisch sie geworden sind. "Junge Menschen wählen das Verkehrsmittel, das in ihrer Situation gerade am hilfreichsten ist", sagt Benno Bock vom Innoz. Wenn es billiger oder schneller ist, fahren sie Bus, Bahn oder Fahrrad. Das Verkehrssystem unterstützt dieses Verhalten durch verbesserte Radwege oder den Ausbau des öffentlichen Verkehrs.

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Folglich sinkt das Interesse am eigenen Auto: "Der Anteil junger Menschen, die einen Pkw besitzen, ist in den vergangenen 15 Jahren rückläufig", sagt Robert Schönduwe, Mitherausgeber der Innoz-Studie.

Das erklärt auch das gestiegene Alter der Neuwagenkunden: 30 Prozent der Menschen, die einen Neuwagen kaufen, sind älter als 60 Jahre. Das Durchschnittsalter der Neuwagenkäufer liegt somit bei 51,3 Jahren. 1995 lag es noch bei 46,1 Jahren. Zwar gibt es für dieses Jahr keine Zahlen, "doch gehen Sie davon aus, dass der Trend nach oben im Alter bleibt", sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen, der die Zahlen ermittelt hat.

Das Leitbild Auto erodiert – vor allem in der Stadt und bei jungen Männern. Dass es sich um einen urbanen Trend handelt, ist leicht nachvollziehbar. Auf dem Land ist das Auto häufig noch Garant der Unabhängigkeit von den Eltern und dem öffentlichen Nahverkehr. Doch warum verzichten gerade junge Männer auf ihren Pkw? "Vielleicht muss man das im Rahmen von Emanzipierungsprozessen betrachten. Junge Männer sind offener geworden, sie müssen nicht mehr die klassischen Wege gehen", meint Benno Bock. Auf diese Weise gleichen sich die Geschlechter in ihrem Mobilitätsverhalten an.

Das Budget vieler junger Menschen ist begrenzt

Veränderte Biographien von jungen Männern und Frauen sind auch ein weiterer möglicher Erklärungsfaktor für den Trend. So steigen beispielsweise viele Jugendliche später in den Beruf ein, die Phase finanzieller Unsicherheit ist für sie länger. Ein begrenztes Budget muss sich dann auf viele verschiedene Wünsche verteilen lassen.

Auch die neuen Medien spielen eine Rolle. Eine lange Zugfahrt wird von vielen zum Arbeiten oder zum Vergnügen genutzt. Gleichzeitig machen Smartphones die Fahrtplanung und den Ticketkauf einfacher.

Das pragmatische Denken der Jugendlichen erklärt den Boom von Angeboten wie Mitfahrgelegenheiten. 30 Prozent Wachstum im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet das Unternehmen Carpooling, der Betreiber von mitfahrgelegenheit.de, in Deutschland. Eine Million Fahrten im Monat vermittelt Carpooling nach Angaben ihres Sprechers Simon Baumann.

Und wie reagiert die Autoindustrie? "Ein eigenes Auto zu besitzen, ist für junge Leute heute so wichtig wie eh und je", glaubt der Präsident des Verbandes der deutschen Automobilindustrie, Matthias Wissmann. "Richtig ist allerdings, dass junge Menschen heute etwas später in eine ,autoaffine Lebenssituation’ gelangen: Mehr junge Leute studieren, die Familiengründung folgt erst später. Der Autokauf wird also nicht aufgegeben, sondern nur um ein paar Jahre verschoben." Auf diesen Trend reagieren Autobauer, indem sie ins Carsharing einsteigen und junge Menschen so an ihre Marken heranführen.

"Wir wissen noch nicht, welcher dieser Faktoren von Dauer sein wird", schränkt auch Bock Spekulationen über die Folgen ein. Allerdings sei zu vermuten, dass der Pragmatismus bleibe.

Autor: Anna Schughart