In der Urlaubsmaschine

Katja Bauer

Von Katja Bauer

Mo, 05. August 2013

Deutschland

Geplant für 20 000 Urlauber, genutzt als Lazarett, Kaserne und Offiziersschule – das Seebad Prora auf Rügen startet wieder einmal einen Neuanfang.

Hier sollen Menschen Urlaub machen? In einer Naziruine? Musterwohnung steht an der Straßenlaterne, in 50 Metern rechts abbiegen. 250 Apartments, freier Blick aufs Meer, elfenbeinfarbener Sandstrand, außen Denkmal, innen modern, und Abschreibungsmöglichkeiten, die jeden Bauherrn ins Schwärmen bringen.

Und dann: viereinhalb Kilometer Beton praktisch am Stück, eine endlose Wand in matschigem Graubraun, fünf Stockwerke hoch. Fenster, Türen, Fenster, Türen, ein Durchgang. Dasselbe noch mal, und noch mal, und noch mal. Ein unvorstellbar langer Bau in Blöcken. Wer davor steht, wird ganz klein. Treppentürme, Flure, geduckte Decken. Stahlstäbe, die aus den Wänden ragen, glaslose Fensteröffnungen, die in die Landschaft gähnen.

Der freundliche Herr der Berliner Baufirma Irisgerd öffnet seine Arme weit und lädt mit großer Geste ein, doch bitte hereinzukommen. Drinnen ist es dunkel, es riecht nach altem Mauerwerk, wie in Großmutters Einmachkeller. Und dann schnappt die Nase was anderes auf, den Geruch nach Meer und einem sonnenwarmen Kiefernwäldchen. Sommerferienduft. "Schauen Sie", sagt der Herr, "diesen Originalboden werden wir erhalten. Das war ja hier alles 30er Jahre, Neue Sachlichkeit." Man schaut auf rote Treppen, in der Mitte ein bisschen heruntergelatscht. Originalboden, das klingt schön. Ein Haus mit Geschichte. Über den Originalplan, der hier einmal gefasst wurde, redet der Herr nicht viel.

Aber wer hierher kommt, der kennt ihn sowieso. In Prora auf Rügen, am Rand des Seebades Binz, haben die Nationalsozialisten ihre Vorstellung einer totalitären Erholungsmaschine verwirklicht: 20 000 Menschen sollten hier in einer Urlaubskaserne den Volkskörper stählen – mit guter Luft, Leibesübungen, Blick aufs Meer, Lautsprechern für Führerreden in jedem Zimmer und einem Kino für die Propaganda. Prora sollte das erste von fünf Seebädern sein, in dem der Leiter der Arbeitsfront, Robert Ley, jeden Deutschen einmal im Jahr "überholen" wollte – damit er Leistung bringe für die Nation und gute Nerven habe für den Krieg.

Zwischen Dünen und Ostsee plante der Architekt Clemens Klotz den langen Riegel am Strand entlang, eine eigene kleine Stadt. 1936 wurde der Grundstein gelegt. Der Bau, der heute so kolossal wirkt, war manchem Nazi zu modern – Klotz errichtete einen schlanken Riegel mit Licht und Luft für alle – der Entwurf wurde bei der Pariser Weltausstellung ausgezeichnet. Aber 1939, das meiste war fertig, legten die letzten Bauarbeiter die Kelle weg: Der Krieg war wichtiger. Die Nazi-Urlaubsmaschine ging nie in Betrieb.

Aber sie blieb übrig, bis heute, als Ruine, als größte NS-Hinterlassenschaft nach dem Nürnberger Parteitagsgelände. Mitten am Strand. Erst nach der Wende tauchte das Bauwerk im öffentlichen Bewusstsein überhaupt wieder auf: zu DDR-Zeiten war Prora Sperrgebiet, die Nationale Volksarmee hatte hier tausende Soldaten kaserniert, Offiziere machten Ferien im "Walter-Ulbricht-Heim", Bausoldaten litten hier unter schrecklichen Schikanen und errichteten die Fischfabrik von Mukran. Über all das wurde geschwiegen, jahrzehntelang. Auf der Urlaubsinsel haben die Menschen seit der Wende ihre liebe Not mit dem "Koloss von Rügen". Abreißen, das wünschen sich viele Rüganer. Aber Prora ist denkmalgeschützt – und eine Sehenswürdigkeit mit leichtem Gruseleffekt.

Was macht man mit einem solchen Bau, an dem nichts normal ist? Mit der Geschichte, die ja auch die Geschichte der Insulaner ist und die von tausenden jungen NVA-Soldaten? Mit der Sorge, dass hier wer auch immer irgendwann einmal die Mär von den guten Seiten des Dritten Reichs weiterspinnen kann? Mit der Angst vor der dunklen Seite des Tourismus, vor einem Wallfahrtsort für Neonazi-Reisende? Und ganz praktisch mit viereinhalb Kilometern maroder Bausubstanz, mit dünnen Zwischendecken und niedrigen Raumhöhen?

Der Bund, einst Eigentümer der zerfressenen Immobilie, verkaufte Block um Block des Kolosses, Investoren kamen und gingen mitsamt ihren Ideen für ganz groß angelegte Urlaubsanlagen. Im schicken Binz hatten die Hoteliers Sorgen vor einer billigen Massenkonkurrenz und vor zu viel Verkehr. Ein Gesamtkonzept, das gibt es bis heute nicht. Dafür "Rügens größte Diskothek", eine Töpferei, ein Eisenbahnmuseum, ein NVA-Museum, in dem zeitweilig Traditionsabende für Ex-Offiziere stattfanden, und ein ambitioniertes Dokumentationszentrum, in dem zehntausende Touristen im Jahr die Geschichte dieses Ortes erforschen.

"Eine Lage, wie man
sie in Deutschland gar
nicht mehr findet."

Axel Bering, Investor
Seit diesem Jahr wagen nun erstmals zwei private Investoren, ihren Traum einer Ferienwohnungsanlage zu verwirklichen. Am östlichen Rand der Siedlung will die Firma Irisgerd in größeren Stil investieren. Deren Mitarbeiter steht jetzt in der Musterwohnung, alles ist sehr hell gehalten, der Blick aufs Meer nimmt den Besucher gefangen. Draußen hinter Kiefern rauscht die Ostsee, und der Verkäufer verweist auf den Extrastauraum für die Waschmaschine.

Ein Stück den Flur runter öffnet sich plötzlich ein niedriger Riesenraum, der Seewind pustet durch die Fensteröffnungen. Die Liegehalle, in der der Volkskörper auch im Herbst und Winter gesunden sollte. Zu DDR-Zeiten wohl Partyzone für Offiziersfamilien. An einer Gardinenschiene hängt ein roter Stofffetzen mit weißen Troddeln, Nachwendesprayer haben sich mit Graffiti an den Wänden versucht. Was daraus werden soll? "Wir entwickeln das noch, da sind wir dran." Man kann 250 Wohnungen in verschiedenen Größen erwerben, auch als Hotelappartements zur Kapitalanlage, sagt der Herr, Sonderabschreibung, ermäßigte Steuer für Hotels, ein dolles Geschäft. Es wird ein Fitnesscenter geben, Boutiquen, eine Strandpromenade, Urlaub vom Feinsten. Wenn es dann losgeht. Wann? Bald. Wie viel? Über Preise redet er nicht so gern, besser gesagt gar nicht.

Und auch nicht über die Vergangenheit. Kein Wort über das Dritte Reich steht im Prospekt der Firma. Lieber bemüht man Victor Hugo: "Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist." Von einem "weltberühmten Baudenkmal" ist die Rede. "Wissen Sie, wer für mich ideologisch belastet ist?", fragt der Immobilienmann. "Der Schäuble. Erstens muss ich dem immer viel zu viel Steuern zahlen. Und zweitens arbeitet der doch im ehemaligen Reichsluftfahrtministerium."

Auch Axel Bering empfängt seine Interessenten nicht gerade mit einem Geschichtsvortrag. "Das ist es nicht, was die Menschen interessiert." Der Berliner Unternehmer investiert direkt nebenan in kleinerem Stil. "Meersinfonie" nennt er sein Projekt, im Prospekt ist die Rede von Dornröschenschlaf und von behutsamer Umwandlung. Es ist Berings erstes Immobilienunternehmen, ein Wagnis, das, wenn man Bering so reden hört, wenig mit Renditestreben zu tun hat, dafür aber sehr viel mit der Faszination, die von diesem Ort ausgeht. "Eine Lage, wie man sie in Deutschland gar nicht mehr findet", sagt er. Dazu dieser Bau, der die Idee vom Meer für alle perfektioniert hat. Gemeinsam mit seinem Partner Michael Jacobi kaufte Bering einen Teil von Block Zwei, hier sollen nun 60 Wohnungen entstehen. Die ersten 29 sind demnächst fertig – und laut Bering fast alle verkauft. Teil zwei des Projekts soll demnächst starten. Und glaubt man Bering, so ist das Interesse groß. Auch an diesem Wochentag mitten im Sommer vergehen keine zwei Minuten ohne Besuch im Baustellenbüro.

Bering führt ein Ehepaar aus Hessen in die Musterwohnung, die Familie Lehnert macht schon lang Urlaub an der Ostsee, nun soll Geld angelegt werden. Antonio Lehnert will wissen, ob es WLAN geben wird, wie das mit der Eigentümerversammlung ist, und ob die Trockenbauwände denn auch doppelt verplankt werden.

Die Geschichte? Axel Bering hat sich, wie jeder hier, einen Satz dazu zurechtgelegt: "Der Bau kann doch nichts dafür, dass die Nazis ihn geplant haben." Ansonsten verweist er in solchen Momenten auf eine Klausel im Kaufvertrag: Darin erklärt der Käufer ausdrücklich "auf die Historie der Liegenschaft dergestalt Rücksicht zu nehmen, dass eine Nutzung durch nationalistische oder neofaschistische Kräfte ausgeschlossen ist."

"Die braune
Vergangenheit ist
nicht im Vordergrund."

Antonio Lehnert, Kaufinteressent
Die Lehnerts sehen die Sache sehr pragmatisch. "Die braune Vergangenheit ist nicht im Vordergrund", sagt Antonio Lehnert. "Und die Idee, die da drinsteckte, was für die normalen Leute zu tun, war doch gut." Seine Frau interessiert sich dafür, ob man auch Fliesen statt Parkett legen kann, des Sandes wegen, und ob es stimmt, dass Leute vom Strand in den Wald vor dem Haus pinkeln. Ganz normale Fragen an einem Ort, der nie normal war, der nicht einmal ein Ort war, niemals wirklich bewohnt, jahrzehntelang auf keiner Karte verzeichnet.

In Block Fünf interessiert das nun wirklich niemandem. Zum Mittag gibt es Nudeln, danach ist Mitarbeiterbesprechung, zwei Jungs brauchen dringend eine Ballpumpe, eine Familie kommt gerade an, und zwei Gäste aus Norwegen wollen wissen, ob das Gebäude früher mal eine Kaserne war. Dennis Brosseit versucht, alle Anfragen nacheinander abzuarbeiten. Er ist der Leiter der größten Jugendherberge des Landes, die hier vor gut einem Jahr eröffnet hat. "Modern, lässig, multikulturell", so wirbt der "Hotspot" im Internet für sich.

Geschichte? Gibt es. "Steht aber nicht im Vordergrund." Schulklassen auf Reisen kommen hier her, Ferienfreizeiten, junge Leute aus ganz Deutschland, Familien. Vor ein paar Wochen feierten Hunderte ein indisches Holifest, gerade eben ein großes Fußballturnier. Prora ist ausgebucht. Die Lage, sagt Dennis Brosseit. Ein idealer Ort für Ferien.