BZ-Interview

Kommt es unter den Ärmsten zum Verteilungskampf?

Sarah Beha

Von Sarah Beha

Fr, 09. März 2018 um 20:30 Uhr

Deutschland

Zeigt das Beispiel der Essener Tafel, dass deutsche Bedürftige gegenüber Flüchtlingen im Nachteil sind? Nein, sagt Caritas-Präsident Peter Neher. Er möchte nicht von einem Verteilungskampf sprechen.

Die Entscheidung der Essener Tafel, vorerst keine Migranten mehr aufzunehmen, hat deutschlandweit für Diskussionen gesorgt. Werden deutsche Bedürftige durch Flüchtlinge benachteiligt? Peter Neher, Präsident der Caritas, die Trägerin von Tafeln ist, möchte nicht von einem Verteilungskampf sprechen. Sarah Beha hat sich mit ihm unterhalten.

BZ: Herr Neher, die Essener Tafel will zunächst keine zusätzlichen Menschen mehr ohne deutschen Pass aufnehmen. Als Grund nannte der Vorsitzende die Verdrängung von deutschen Tafelbesuchern durch ausländische. Hätten Sie an seiner Stelle auch so gehandelt?
Peter Neher: Ich finde es gut, dass die Essener Tafel ihre Probleme benennt. Die eingeleitete Lösung halte ich allerdings nicht für geeignet.

BZ: Wieso?
Neher: Weil hier bedürftige Menschen gegeneinander ausgespielt werden.

BZ: Welche Lösung haben Sie?
Neher: Kritik von außen hilft den Ehrenamtlichen nicht. Dass sie teilweise in die rechte Ecke gestellt werden, ist ein Unding. Vielmehr brauchen sie Unterstützung. Es wird in Essen mit allen Beteiligten einen runden Tisch geben, das ist gut. Bei anderen Tafeln begegnet man solchen oder ähnlichen Problemen, indem man für eine bestimmte Zielgruppe, zum Beispiel für Familien, Einkaufstage festlegt. Bei den Berliner Tafeln gibt es dafür ein Losverfahren.

BZ: Ist die Situation in Essen ein Einzelfall oder eher trauriger Alltag?
Neher: Ich würde auf keinen Fall von einem flächendeckenden Problem sprechen. In Deutschland gibt es über 900 Tafeln. Natürlich gibt es an so einem Ort, an dem unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen, auch Probleme. Das würde ich aber nicht überbewerten. Das hat nicht immer etwas mit Flüchtlingen zu tun. Zu sagen, dass es durch die Flüchtlinge bundesweit an den Tafeln zu Problemen kommt, ist unangemessen.

"Tafeln sind nicht dazu da, politische Probleme zu bewältigen." Peter Neher
BZ: Sie sehen also keinen Verteilungskampf unter den Bedürftigen?
Neher: Ich finde diesen Begriff sehr schädlich. Er vertieft Gräben und verstärkt Vorurteile. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Wohnen. Die Wohnungsnot verschärft sich durch die Flüchtlinge, das Problem war aber schon vorher da. Die Debatte um zusätzliche Stadtteile hier in Freiburg beispielsweise ist viel älter. Solche Probleme müssen schnellstmöglich politisch bearbeitet werden.



BZ: Was heißt das in Bezug auf die Tafeln?
Neher: Tafeln sind nicht dazu da, politische Probleme zu bewältigen. Sie sind entstanden, weil Ehrenamtliche keine Lebensmittel vergammeln lassen wollten. Ihr Plan war außerdem, bedürftige Menschen zu unterstützen. Es kann aber überhaupt nicht angehen, dass staatliche Stellen auf Tafeln verweisen, wenn Menschen Entlastung brauchen. So missbraucht man die Ehrenamtlichen. Es ist die Aufgabe des Sozialstaats, den Grundbedarf eines Menschen abzudecken.

BZ: Eine alleinstehende Person erhält einen Hartz IV Regelsatz von 416 Euro im Monat. Reicht das nicht?
Neher: Das sagt jeder ganz leicht, der selbst ein höheres Einkommen hat. Die Regelsätze sind sicherlich so berechnet, dass niemand verhungern muss. Doch zu einem würdevollen Leben gehört auch ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Teilhabe. Die Menschen müssen die Möglichkeit haben, auch mal ins Kino zu gehen oder an Veranstaltungen teilzunehmen. Deshalb fordert die Caritas schon lange eine Erhöhung des Hartz-IV-Regelsatzes um mindestens 60 Euro im Monat.

BZ: Dann sind alle Probleme gelöst?
Neher: So einfach ist es natürlich nicht. Doch statt auf die Tafeln zu setzen, muss die Politik dafür Sorge tragen, dass Armut entschieden bekämpft und letztlich vermieden wird.

BZ: Kann die neue Große Koalition das schaffen?
Neher: Zumindest stehen im Koalitionsvertrag ein paar gute Ansätze. Mehr Eltern sollen vom Kinderzuschlag profitieren. Die finanzielle Unterstützung für die schulische Förderung und für das Schulessen soll verbessert werden. Was nicht drin steht, was wir aber fordern, ist eine adäquate Berechnung des Hartz-IV-Regelsatzes und damit eine entsprechende Erhöhung. Langfristig muss die Politik darauf hinarbeiten, dass Menschen nicht in diese Armut hineingeraten. Das muss ganz oben auf der politischen Agenda stehen.

Peter Neher (62) ist promovierter Theologe und seit 2003 Präsident des Deutschen Caritasverbandes. Er lebt in Freiburg.


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