Bremen

Marieluise Beck verabschiedet sich wegen sinkenden Rückhalts in ihrer Partei 2017 aus dem Bundestag

Eckhard Stengel

Von Eckhard Stengel

Sa, 13. August 2016

Deutschland

"Grünen-Urgestein" Marieluise Beck verabschiedet sich wegen sinkenden Rückhalts in ihrer Partei 2017 aus dem Bundestag.

BREMEN. Marieluise Beck hat ein großes Herz und ein großes Haus. Das Herz der grünen Bundestagsabgeordneten schlägt für Minderheiten und Oppositionelle vor allem in Osteuropa. Und ihr stuckverziertes Reihenhaus in Bremen-Peterswerder ist offen für Besuchergruppen; man sieht es an dem großen Korb mit Pantoffeln im Vorflur. Seit 2002 hat Beck mehr als 2500 Menschen in ihrem geräumigen Esszimmer empfangen, um vor allem in Wahlkampfzeiten über Gott und die Welt zu diskutieren, unter dem Motto "Beck@Home". Im nächsten Bundestagswahlkampf aber wird sie keine Getränke und Obstschalen mehr auftragen. Die 64-Jährige tritt ab. Sie will nicht erneut kandidieren, weil ihr Rückhalt an der Basis schwindet.

"Teile der Partei finden, dass es Zeit für einen Wechsel ist", weiß sie selber. Und dass sie sich doch bitte mehr um Bremer Belange kümmern solle. Ja, sie muss sogar befürchten, bei der Kandidatenaufstellung für die Wahl 2017 einer Konkurrentin zu unterliegen. Die 15 Jahre jüngere Bürgerschaftsabgeordnete Kirsten Kappert-Gonther hatte schon bei der Nominierung 2012 fast gewonnen und will jetzt wieder antreten. Dann doch lieber in Ehren selber gehen.

Mit Marieluise Beck verliert ihre Partei ein Urgestein. Von den derzeitigen Grünen-Bundestagsabgeordneten ist sie die einzige, die schon in der ersten Fraktion von 1983 saß – damals zusammen mit Petra Kelly und Otto Schily im Fraktionssprecher-Team. Zieht man zwei Unterbrechungen ab, kommt man auf eine Amtszeit von bisher 27 Jahren. Oder in ihren Worten: "Ich bin seit gefühlten 175 Jahren Bundestagsabgeordnete." Zwischendurch war sie von 1998 bis 2005 zunächst Ausländer-, dann Migrationsbeauftragte der rot-grünen Bundesregierung, zudem sitzt sie in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats. Als Sprecherin für Osteuropapolitik der Grünen-Fraktion reist sie von einem verfolgten Bürgerrechtler oder Umweltschützer zum anderen, beobachtet Strafprozesse wie das Moskauer Chodorkowski-Verfahren, übernimmt Patenschaften für inhaftierte Oppositionelle in Belarus oder kümmert sich um Einzelschicksale von Migranten in Bremen.

Dass sich Beck mit voller Kraft für Bedrängte einsetzt, wird ihr allseits hoch angerechnet. Weniger gut zu sprechen sind viele Parteifreunde darauf, dass sie einen strammen Anti-Putin-Kurs vertritt und vor allem, dass sie sich vom Pazifismus verabschiedet hat. Ihr Umdenken begann mit den Balkankriegen Mitte der 1990er-Jahre. "Warum schützt ihr uns nicht?", bekam sie zu hören, als sie mit einem Bremer Hilfskonvoi Überlebensspenden nach Bosnien brachte und mit Einheimischen im Schutzkeller saß. Seitdem befürwortet sie auch Auslandseinsätze der Bundeswehr.

"Partei für die Opfer von Unrecht und Gewalt zu ergreifen" – diese Lebensaufgabe ist für Beck eine Art Wiedergutmachung für die Untaten der Nazis. Ihre Eltern waren bekennende Nationalsozialisten. Als junge Frau wollte Beck mit Politik gar nichts zu tun haben. Aufgewachsen bei Osnabrück, arbeitete sie zunächst als Deutsch-, Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrerin in Pforzheim. Doch dann lernte sie einen Holocaust-Überlebenden kennen, den Gewerkschafter Heinz Brandt. Und der überzeugte sie davon, sich einzumischen. Bei den frisch gegründeten Grünen in Baden-Württemberg stieg sie 1980 innerhalb von vier Monaten zur Landessprecherin auf – "entdeckt" vom heutigen Regierungschef Winfried Kretschmann.

Wenn ihre Politikkarriere 2017 zu Ende geht, will sie sich trotzdem weiter in ihren bisherigen Netzwerken engagieren. "Ganz oben auf meiner Liste", verrät sie, steht der Aufbau eines Sterbe-Hospizes im ukrainischen Odessa. Ihren Ehemann Ralf Fücks, Chef der grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, und die beiden erwachsenen Töchter dürfte sie also nicht häufiger zu sehen bekommen als bisher.