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16. März 2015 00:01 Uhr

Nicht wie Smarties

Deutschland gibt die Notfall-Pille frei

Befreiungsschlag für Frauen oder unkalkulierbares Risiko? Die Pille danach ist nun rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Die neue Verordnung bringt enorme Veränderungen.

  1. Einzelstück: Die Pille danach hat noch keine eigene Packung – in der Verpackung der normalen Pille wirkt sie ein wenig verloren. Foto: dpa

Einerseits entfallen für Frauen t umständliche Gänge zum Arzt oder – am Wochenende – zur Notfallpraxis. Wer nicht verhütet hat, oder wem beim Sex eine Verhütungspanne passiert ist, der hat’s nun also leichter, eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern.

Befürworter feiern das als Schritt hin zu mehr Selbstbestimmung der Frauen über ihren Körper. Gegner warnen, dass die neue Freiheit auch Risiken birgt: Denn kontrollieren kann keiner, wie viele der Pillen gekauft und eingenommen werden. Und auch Minderjährige ab 14 Jahren haben freien Zugang.

Als eines der letzten drei EU-Länder (neben Italien und Polen), in denen die Pille danach nicht frei zugänglich war, hat Deutschland die Freigabe beschlossen – allerdings nicht ganz freiwillig. Denn mit der Anpassung der Arzneimittelverschreibungsordnung entsprach Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe einer Entscheidung der EU-Kommission.

Die Reaktionen nach der Zustimmung durch den Bundesrat sind gespalten. Gröhe hatte die Freigabe wegen möglicher schwerer Nebenwirkungen lange abgelehnt. Laut den SPD-Gesundheitsexpertinnen Hilde Mattheis und Mechthild Rawert begrüße die SPD-Bundestagsfraktion, dass Frauen endlich selbstbestimmt entscheiden könnten. Grünen-Politikerin Kordula Schulz-Asche wandte sich über den Kurznachrichtendienst Twitter an CDU-Politiker Jens Spahn: "Ich habe Ihre #WieSmarties Kampagne nie verstanden. Frauen sind ja nicht blöd. Aber jetzt hat ja die EU Fakten geschaffen." Jens Spahn hatte bereits 2013 unter dem Hashtag #WieSmarties bei Twitter gegen die Freigabe protestiert.

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Die Freigabe betrifft das Präparat "ellaOne" mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat sowie Mittel mit dem Wirkstoff Levonorgestrel wie "PiDaNa". Diese verhindern eine Schwangerschaft, indem sie den Eisprung unterdrücken oder verzögern. "Je schneller die Notfallkontrazeptiva eingenommen werden, desto sicherer ist Wirkung", erklärt Stefan Möbius, Pressesprecher der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg. Deshalb begrüßt der Apothekerverband die Änderung prinzipiell. "Der Zugang wird niedrigschwelliger. Die betroffenen Frauen müssen nicht noch zum Arzt oder zum ärztlichen Notdienst, sondern können direkt in die Apotheke", sagt Möbius.

Die Betroffenen

sind oft Jugendliche

Wichtig sei, dass die Pille danach kein Ersatzverhütungsmittel, sondern für Notfälle gedacht sei. Deshalb gilt auch: "Man kann die Pille danach nicht auf Vorrat kaufen", so Möbius. Doch kontrollieren lässt es sich nicht, wie oft eine Frau in Apotheken geht, um das Notfallkontrazeptivum zu kaufen. Missbrauchsfälle lassen sich nicht ausschließen – ein Grund weshalb die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) besorgt auf die Freigabe blickt. Außerdem gebe es weitere Tücken, sagt Annette Affhüppe, Sprecherin der DGGG. "Die Wirkung von Levonorgestrel lässt bei einem Körpergewicht von über 75 Kilo nach, bei Ulipristalacetat ist das ab 90 Kilo der Fall." Das fehle in der Handlungsempfehlung für die Apotheker. Ebenso der Hinweis darauf, dass eine Kupferspirale eine Alternative sei, die vom Körpergewicht unabhängig ist – auch wenn der Zeitpunkt des ungeschützten Sex bereits länger verstrichen ist. Eine fehlerhafte Beratung, so die DGGG, erhöhe die Gefahr unerwünschter Schwangerschaften dramatisch

Eine ausführliche Beratung der Apotheker ist wichtig – gerade bei Jugendlichen. Schon Mädchen ab 14 Jahren können sich die Pille danach nun frei besorgen. Und "nicht selten handele es sich bei den betroffenen Frauen um Jugendliche", teilte die Bundesärztekammer mit.

Einen generellen Ansturm auf die Apotheken erwartet Möbius aber nicht. Eine Umsatzsteigerung sei auch nicht das Ziel, im Gegenteil: Die Apotheker fordern ein Werbeverbot. Das würde das Verbot zum Versandhandel ergänzen, auf das der Bundesrat Wert gelegt hatte.

Autor: Julia Dreier