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26. November 2013 08:09 Uhr

Überalterung

Senioren in Deutschland droht Wohnungsnot

Barrieren in der Wohnung, teure Mieten und niedrige Renten stellen viele Senioren vor Probleme: Deutschland altert – doch der Wohnungsmarkt ist darauf nicht vorbereitet.

  1. Senioren kochen gemeinsam mit einer Helferin (Mitte) in einer Wohngemeinschaft ihr Mittagessen. Foto: DPA

Fahrstuhl, Rampe, breite Türen – das sind unerlässliche Hilfen für viele Menschen in der späten Lebensphase. Doch Millionen Menschen werden im Alter keine seniorengerechte Wohnung finden, so das Ergebnis einer Studie des Pestel-Instituts in Hannover. Die vom Verbändebündnis Wohnen 65plus in Auftrag gegebene Studie belegt: Unsere Gesellschaft altert, und zwar in großem Maße. Im Jahr 2035 wird fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung älter sein als 65. Etwa 40 Prozent mehr als heute. Zurzeit sind es nur knapp 21 Prozent. "Darauf ist der Wohnungsmarkt überhaupt nicht vorbereitet", sagt Matthias Günther, Leiter des Pestel-Insituts. "Alt, arm, alleine", lautet seine pessimistische Prognose für die Zukunft von Senioren in Deutschland.

Senioren wohnen, nach dem Ergebnis der Studie, überwiegend in Wohngebäuden, die 20 Jahre und älter sind. Viele dieser Häuser sind laut Bundesbauministerium nicht altersgerecht. Nur fünf Prozent der Menschen über 65 leben in barrierearmen Wohnungen. "Obwohl Fachleute schon lange darauf hingewiesen haben, dass Wohnungen umgebaut werden müssen, geschieht das eher selten", erklärt Franz-Georg Rips, Präsident des deutschen Mieterbundes. "Jährlich werden nur ein Prozent der Wohnungen altersgerecht saniert." Dabei seien die nötigen Maßnahmen oft recht einfach, zum Beispiel der Bau ebenerdiger Duschen.

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Teurer Umbau

Um gegen die Wohnungsnot anzugehen, müssen laut Studie rund 2,5 Millionen Wohnungen seniorengerecht saniert werden. Für den Umbau hat das Bundesbauministerium Kosten von 39 Milliarden Euro veranschlagt. Pro Wohnung sind das durchschnittlich 15.600 Euro, die für Rampen, Fahrstühle oder breitere Türen ausgegeben werden müssten. Zu teuer für viele Rentner. "Die Regierung hat die Bundesmittel für das KfW-Programm "Altersgerecht Umbauen" für das Jahr 2013 gestrichen. Das halte ich für einen schweren Fehler", so Rips.

Stationäre Pflege ist aber noch deutlich teurer. Im Schnitt geht man von Kosten zwischen 48.000 und 60.000 Euro jährlich aus. Deshalb wäre ein Umbau auch wirtschaftlich von Vorteil, wenn man danach noch mindestens zwei Jahre in den eigenen vier Wänden bleiben könne. Für den Fall, dass der Wohnungsmarkt nicht seniorengerechter wird, beziffert das Pestel-Institut für 2035 ein Mehr an Pflegekosten von etwa 25 Milliarden Euro. Pflegebedürftig sind derzeit elf Prozent der älteren Menschen in Deutschland, etwa drei Prozent der Gesamtbevölkerung. Bis zum Jahr 2050 wird sich nach Berechnungen der Studie die Zahl der Pflegebedürftigen verdoppeln. Die meisten Senioren bleiben lieber in ihrer vertrauten Umgebung. Doch eine Versorgung durch die Familie ist oft nicht möglich. Denn viele Alte haben wenige oder keine Kinder und leben alleine.

Einkommensschwache Haushalte

Ein weiteres Problem sind sinkende Renten und steigende Wohnkosten. Ein Viertel der Seniorenhaushalte gilt als einkommensschwach. 2010 bezogen drei Prozent der Senioren in Deutschland Grundsicherung, einen Betrag von 382 Euro im Monat. Anspruch hätten laut Günther sogar weitere sechs Prozent. Im Jahr 2035 wird jeder vierte Rentner auf Grundsicherung angewiesen sein, so das Ergebnis der Studie. "Uns droht eine riesige Altersarmut", prophezeit Rips. Viele könnten sich ihre große Wohnung alleine bald kaum noch leisten.

Auch aus diesen Gründen suchen viele Senioren mittlerweile nach Alternativen. "Suche Gleichgesinnte für die Gründung einer gemischten Senioren-Wohngemeinschaft in Freiburg oder Umgebung", schreibt ein Rentner aus Oberbayern in einem Internetportal. Dort sucht auch eine "Dementen-WG" nach Mitbewohnern. Geboten werden eine Pflegekraft, zu Fuß gut erreichbare Geschäfte und gesellige Mitbewohner.

Solche alternativen Wohnformen sind laut Studie nötig. Zum Beispiel Mehrgenerationenhäuser, Senioren-WGs oder "Wohnen für Hilfe". Letzteres wird von vielen Universitäten in Deutschland angeboten. Studierende bekommen ein Zimmer bei einem älteren Mitbürger. Sie helfen im Garten, bei Einkäufen oder Arztbesuchen. Dafür wird ihnen die Miete erlassen. "Viele ältere Menschen leben alleine in riesigen Häusern oder Wohnungen", so Rips. Studenten seien oft lange auf Zimmersuche, Mieten überteuert. Außerdem sei "Wohnen für Hilfe" ein konkretes Beispiel für generationenübergreifendes Handeln.

Alternative Wohnformen für Senioren würden von den Kommunen jedoch nicht ausreichend unterstützt, so Rips. Doch handle es sich dabei um Projekte mit Zukunft. Auch Matthias Günther wünscht sich hier die Hilfe der Gemeinden: "Sie sollten mehr investieren, in gemeinschaftliches Wohnen, in Leute mit weniger Geld, aber guten Ideen."

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Autor: Claudia Schwarz