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20. Oktober 2015 00:00 Uhr

Hamburg

So funktioniert Deutschlands größte Kleiderkammer

In Hamburg haben Ehrenamtliche eine riesige Kleiderkammer für Spenden an Flüchtlinge aufgebaut – und meistern täglich eine logistische Mammutaufgabe. Sina Gesell war in der Hansestadt.

  1. Gut sortiert – auf mehr als 7000 Quadratmetern stapeln sich unzählige Kartons. Foto: Sina Gesell

  2. Natascha Held und Nina Orgel (von links) legen Hemden und T-Shirts zusammen. Foto: Sina Gesell

  3. Wer geholfen hat, klebt seinen Namen an die Tür. Foto: Sina Gesell

Wie viele Hemden sie an diesem Tag schon zusammengelegt hat, weiß Natascha Held nicht. "Wenn der eine Haufen abgearbeitet ist, kommt auch schon jemand und bringt einen neuen", sagt die 18-Jährige, während sie ein T-Shirt inspiziert, es für gut befindet und auf den Stapel legt. Der Stimmung schadet die viele Arbeit nicht. Es wird gelacht und herumgealbert. Von Überforderung keine Spur.

Dabei haben sich Ehrenamtliche in der Hansestadt einiges vorgenommen – und bewältigen täglich eine logistische Mammutaufgabe. In einer der elf Hamburger Messehallen ist seit ein paar Wochen eine Kleiderkammer eingerichtet. Aber nicht eine, wie es sie zu Hunderten gibt, seitdem verstärkt Flüchtlinge nach Deutschland kommen und nicht viel mehr dabei haben, als die Kleider, die sie am Körper tragen. Laut Welt ist es die größte Kleiderkammer Deutschlands. Auf mehr als 7000 Quadratmetern haben Menschen etwas aufgebaut, das man schon eher als Unternehmen bezeichnen kann mit Abteilungsleitern, eigener Software, ständig aktualisierter Homepage und vor allem vielen Mitarbeitern.

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Einer, der über all das den Überblick hat, ist Rene Grassau. Der 42-Jährige, der ein Dienstleistungsunternehmen für Informationstechnologie betreibt, hat die Software entwickelt, fährt aber auch Kartons mit dem Gabelstapler durch die Messehalle. Vor allem ist er einer, der in größeren Dimensionen denkt. "Mit zehn Paar Socken fange ich erst gar nicht an", sagt der Unternehmer und blickt sich in der Halle um, "das hier ist schon eher mein Stil." Zusätzlich hat Grassau einen Bunker westlich von Hamburg gemietet. Auch dort lagern auf 5000 Quadratmetern Hemden, Hosen und Schuhe.

"Hier läuft alles

unkompliziert."

Natascha Held, Helferin
Während sich andernorts die Organisatoren von Kleiderkammern schwertun, die Spenden zu koordinieren und sortieren, zu lagern und verteilen und wie in Freiburg oder Stuttgart zeitweise Annahmestopps verhängen, wirkt die Hamburger Kleiderkammer strukturiert, und zumindest an diesem Nachmittag bleibt das Chaos aus. In der Anfangsphase im August und September waren bis zu 1000 Helfer in der Halle, wie Grassau erzählt. Heute sind um die 50 gekommen. "Die Euphorie ist noch immer da", sagt Grassau, während er durch die Halle hastet. "Aber auch die Leute, die ihren Urlaub geopfert haben, müssen wieder zur Arbeit, und für die Studenten hat das Semester begonnen." Grassau hat kaum eine freie Minute, in der nicht sein Handy klingelt. Über Headset gibt er Anweisungen: "Die Bestellung an den Malteser Hilfsdienst kann raus." Wenig später fährt ein kleiner weißer Bus mit Malteser-Logo auf der Motorhaube in die Halle, ein paar Männer hieven Kartons auf die Ladefläche.

Die Spenden stammen zum überwiegenden Teil von Privatleuten – im Schnitt kommen, schätzt Grassau, täglich zwei Siebeneinhalb-Tonner zusammen, am Wochenende mehr. Und jedes Teil geht durch mehrere Hände. Schon draußen sortieren Helfer vor: Pullover oder Jacken, T-Shirts oder Hosen, für Mann, Frau oder Kind. Ist auf den Sortiertischen kein Platz mehr, werden die Kleiderberge in die Halle geschafft, wo wiederum Helfer die Sachen zusammenlegen oder aussortieren. Und das scheint vor allem eines zu machen: Spaß.

"Ist das echt ein T-Shirt für Männer?", fragt Nina Orgel und hält es sich unters Kinn. "Na ja, vielleicht bauchfrei", sagt Natascha Held, "ordne es mal lieber bei den Kindersachen ein." Die beiden jungen Frauen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Jugendherberge machen, helfen zum dritten Mal in der Kleiderkammer. "Ich hätte gerne etwas gespendet, aber ich habe selbst nicht so viele Sachen im Schrank", sagt Nina Orgel, die wie alle anderen Einmalhandschuhe trägt. Denn längst nicht alles kommt gewaschen an. Die 18-Jährige rümpft die Nase: "Igitt, was ist denn das? Riecht wie Zahnpasta." Ab damit in den Wäschesack. "Habt ihr noch Kartons?", fragt ein älterer Mann und stellt vorsichtshalber schon mal welche ab. "Hier läuft alles unkompliziert", sagt Natascha Held.

Bis vor Kurzem waren in der Halle nebenan noch Flüchtlinge untergebracht. Ende September mussten sie umziehen, die Aufbauarbeiten für die Messe "Hanseboot" hatten begonnen. Und auch die Kleiderkammer musste mit rund 3000 Europaletten und schätzungsweise einigen Hundert Tonnen an Textilien umziehen – erst mal in eine andere Halle, Anfang 2016 braucht sie einen ganz neuen Standort. Wo der sein wird, weiß selbst der Initiator nicht. Dass die Ehrenamtlichen-Fabrik, wie Grassau die Kleiderkammer nennt, gebraucht wird, davon ist er überzeugt. Zurzeit kommen bis zu 500 Menschen täglich in Hamburg an, in diesem Jahr hat die Hansestadt mehr als 13 000 Menschen aufgenommen. Das treibt nicht nur die Stadt an ihre Grenzen, auch die Ehrenamtlichen sind gefordert.

Immerhin müssen die Tonnen an Kleidung, Schuhen, Hygieneartikeln oder Bettwäsche nicht nur sortiert werden. Als stünde man am Fließband, geht die Verarbeitung weiter: Während nach und nach Kartons angeschleppt werden, gibt ein Ehrenamtlicher einem anderen den Inhalt durch, der tippt die Infos in den Computer ein und druckt einen Schein mit einer Buchstaben- und Zahlenfolge aus, die den Lagerplatz ausweist. Sobald die Zettel auf den Kartons kleben, holen andere Helfer diese ab und lagern sie. "Wir haben auch schon Menschenketten durch die halbe Halle gebildet", sagt Grassau und wirkt stolz.

Sobald dann eine der Notunterkünfte etwas braucht, schickt sie eine E-Mail mit der ungefähren Anzahl der benötigten Sachen, und die Ehrenamtlichen suchen diese kartonweise zusammen. Zwar ginge in etwa so viel raus, wie reinkäme. Aber Angebot und Nachfrage passen nicht zusammen. Männerhemden in kleinen Größen benötigen die Flüchtlinge reichlich, große Größen bleiben liegen. 30 Einrichtungen beliefert die Kleiderkammer laut Grassau, allein im Hamburger Stadtteil Altona gibt es aber um die 20. Viele Notunterkünfte müssten sich erst organisieren, so der Unternehmer. 95 Prozent der Bestellungen brächten die Helfer der Kleiderkammer selbst mit dem Lkw zu den jeweiligen Einrichtungen – täglich müsse im Durchschnitt dreimal ein voll beladener Siebeneinhalb-Tonner losgeschickt werden.

An was es mangelt und was im Überfluss da ist, wird täglich auf der Internetseite http://www.zusammenschmeissen.de aktualisiert. "Ganz dringend" werden Helfer gesucht; aber auch Winterjacken für Männer sowie Europaletten werden benötigt. Nicht nur auf der Webseite erhalten Helfer und Spender Infos, sondern auch in der Facebook-Gruppe, die um die 20 000 Mitglieder zählt, sowie über eine Hotline. "Drücken Sie die Eins, wenn Sie Kleidung spenden wollen. Drücken Sie die Zwei, wenn …", erklärt eine warm klingende Männerstimme.

Je später es wird, desto mehr Helfer wuseln durch die Halle, einige flitzen auf Cityrollern vorbei, andere löffeln gerade einen Teller Suppe. Neben vielen jungen Menschen – die meisten von ihnen Studenten –, kommen auch einige Berufstätige nach Feierabend. Einer von ihnen ist Benjamin Patela. Der 31-Jährige ist Vermessungstechniker und hilft dreimal die Woche in der Kleiderkammer. "Man kriegt das hin", sagt er, "und tut gleichzeitig was Gutes." Seine Motivation rührt aber noch aus einem anderen Grund: "Meine Verlobte musste auch fliehen, aus dem Iran." Er will weiterhin dranbleiben, wie er sagt. Zumal die Hilfsbereitschaft langsam schrumpfe.

Das sieht Rene Grassau nicht so. "Das hier ist hanseatische Hilfe", sagt er, "ein harter Kern bleibt." Und das seien immerhin um die 500 Menschen. Der Unternehmer berichtet auch von problemlosen Anfragen bei Firmen: "Egal ob ich einen Gabelstapler oder einen Lkw brauche, ein Anruf genügt und ich habe eine Zusage."

Doch manchmal könnte sich Grassau auch aufregen. Er führt ins hinterste Eck der Kleiderkammer und öffnet einen der Kartons. "Damen, zu sexy" steht darauf. Rote High Heels, Lack und Leder kommen zum Vorschein. Der Unternehmer zieht schwarze Netzstrümpfe und ein milchig-durchsichtiges Oberteil heraus, das sicher nicht bis zum Hosenbund reicht – für eine Stadt, die auch wegen ihres Nachtlebens bekannt ist, nichts Ungewöhnliches. Aber: "Gerade muslimische Frauen können das wohl nicht gebrauchen", sagt er. Schlimmer als die paar Kisten, die auf der Reeperbahn besser aufgehoben wären, sind die Berge an Schmutzwäsche. Sie nehmen so lange Lagerplatz weg, bis eine Wäscherei gefunden ist, die sich unentgeltlich um die Reinigung kümmert.

Vor der Halle – es wird langsam dunkel – öffnet Heike Knauer den Kofferraum ihres silbernen Kombis, den ein großer blauer Sack ausfüllt. "Da sind Damenmäntel drin, frisch gewaschen", sagt die 71-Jährige. In der Woche zuvor habe sie schon die Kleidung ihres Mannes abgegeben, der kürzlich gestorben ist. "Ich hoffe, dass die Sachen noch einen guten Zweck erfüllen", sagt sie. "Die Menschen haben das bitter nötig." Mit dem Sack unterm Arm läuft sie zum Eingang und drückt ihn dort einem der Helfer in die Hand – der sie gleich weiterreichen wird.
Kleiderspenden in Baden-Württemberg

In nahezu jeder Kommune in Baden-Württemberg gibt es Kleiderkammern, die Ehrenamtliche betreiben. Hier ein Überblick über einige der größten Einrichtungen: In der Bedarfsorientierten Erstaufnahmeeinrichtung (BEA) in Freiburg wird die rund 80 Quadratmeter große Kleiderkammer auf der Facebookseite "Kleiderspende f. Flüchtlinge in Freiburg" koordiniert. Konkrete Anfragen sollen an die E-Mail-Adresse kleiderspende-frb@freenet.de geschickt werden. Derzeit herrscht ein Annahmestopp für alles, außer Herrenschuhe. In der Landeserstaufnahmestelle (LEA) in Meßstetten, in der die ehemalige Bekleidungskammer der Bundeswehr für Spenden genutzt wird (circa 300 Quadratmeter), wurde ebenfalls ein Annahmestopp verhängt. "Die Ehrenamtlichen sind voll beschäftigt und die Kleiderkammer proppenvoll", sagt Alfred Sauter, einer der Koordinatoren. Über benötigte Sachen wird im Amtsblatt oder den örtlichen Zeitungen informiert. In Stuttgart, in der unter anderem in den Messehallen eine Notunterkunft eingerichtet wurde, können laut Stadtverwaltung derzeit keine Sachspenden gelagert werden. Spender werden gebeten, sich an den Bedarfsmeldungen zu orientieren, die online auf den Internetseiten der Freundeskreise zu sehen sind oder auf der Facebook-Seite "Refugees, welcome to Stuttgart". In Donaueschingen, wo Flüchtlinge unter anderem in der ehemaligen Kaserne untergebracht sind, stellt der Arbeitskreis Asyl ins Internet, was gebraucht wird. Alles andere kann nicht angenommen werden. Die Seite http://www.ak-asyl-ds.de wird oft aktualisiert. Die Kleiderkammern sowie die Internetseiten für Villingen-Schwenningen – dort ist ein Großteil der Flüchtlinge in der BEA in der Dattenbergstraße untergebracht – befinden sich noch im Aufbau, einige Infos sind bereits auf http://www.asyl-villingen.de zu finden.

Autor: Sina Gesell