Zeitgeschichte

Stehen geblieben: Die DDR und ihre Atomuhr

Bernhard Honnigfort

Von Bernhard Honnigfort

Sa, 21. Juni 2014 um 00:00 Uhr

Deutschland

Jahrelang bezog die DDR die Zeit aus dem Westen, dann baute sie eine eigene Atomuhr – als sie fast lief, war alles zu spät: Die Zeit der DDR war abgelaufen.

Es ist ihr freier Nachmittag, der Montag, und eigentlich hat sie keine Zeit, aber nun ja, sagt Bettina Gunkel, warum eigentlich nicht, nach dem Mittagessen, meinetwegen. Sie komme hoch zur Osterburg, aber viel zu sehen gäbe es ja nicht. Kisten und Rohre und Kabel. Nichts zusammengebaut, es liegt da nur herum, das ganze Zeug.

Und dann ist sie da, den langen Weg hoch, die Sonne scheint, ein angenehmer Wind jagt über den trockenen Platz. Sie schließt die Tür auf zum alten Amtsgerichtssaal der Burg, der zu DDR-Zeiten der Speisesaal einer Jugendherberge war. Nun ist alles leer und eine Baustelle, neue Fenster, die Türen frisch gestrichen, der Rest Staub, Zementsäcke, Gipsplatten, Werkzeug, Kram. Die halbe Burg von Weida in Ostthüringen, einer zauberhaften alten Stadt, 9000 Einwohner, muss noch renoviert werden. Vorgerichtet, sagt Bettina Gunkel. Sie ist die Hauptamtsleiterin von Weida, sie hat nicht viel Geld in der Stadtkasse, dafür steckt sie voll guter Laune und Tatkraft. Sie will aus der Burg irgendetwas machen, was den Fremdenverkehr ankurbelt, etwas mit Wissenschaft, mal sehen.

Sie geht ein paar Schritte übers staubige alte Parkett. Es knirscht. Vor der Ostwand des Saales stehen Kisten und Kartons. Eine große dunkle Röhre liegt auf dem Boden, feist wie ein alter Wasserboiler, daneben beindicke Rohre aus Edelstahl, ein Metallschrank mit zahllosen Knöpfen und einer gewaltigen Digitaluhr. Sie zerrt eine Plane beiseite, ein Karton taucht auf: "Schrauben Atomuhr" steht mit Filzstift darauf. "Das ist das Ding. Und wir haben es an der Backe", sagt sie. Sie lacht dabei, sieht aber nicht unbedingt glücklich aus, sondern ratlos.

Strandgut aus einer anderen Zeit und Welt. Ein Haufen Metall, Rohre, Schalter, Kabel und Schrauben. Die einzige Atomuhr der DDR. Reste eines Traumes und ehrgeizigen Projektes, das nicht funktionieren wollte: Selber die Zeit definieren und messen. Die eigene sozialistische Zeit. Heute ist das alles nur noch gut eine Tonne Metallschrott. "Wollen Sie es haben?", fragt Gunkel. "Können Sie mitnehmen." Sie lacht dabei, obwohl sie es ernst meint.

Ein Telefonanruf. "Nein, ich will nicht mehr darüber reden", sagt Dietrich Kahnt. "Das alles ist vorbei, es ist bitter." Er lebt in Berlin, er ist jetzt über 80 Jahre alt. Er ist wahrscheinlich der Letzte aus dem alten Kollegium. Zu DDR-Zeiten arbeitete er im Amt für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung in Berlin-Friedrichshagen. Mit anderen Physikern bastelte er seit den 70er-Jahren an einer Atomuhr für die DDR. Sie sollte den Arbeiter- und Bauernstaat unabhängig machen von der westdeutschen Atomzeit, deren Signale von der Nationalen Volksarmee vom Brocken aus abgehört wurden.

Zeit ist wichtig, Zeit ist nicht nur Geld. Genauigkeit, ihre Messung und Definition, das ist auch Prestige. 1984 wollte sich der Ostblock ausklinken aus der Weltzeit. Man unterschrieb einen Vertrag, die UdSSR, die Mongolei, Polen, Bulgarien, Ungarn, die DDR, außerdem Kuba: "Auf der Grundlage der Prinzipien des sozialistischen Internationalismus" wolle man zusammenarbeiten und einen "einheitlichen Zeitdienst" schaffen. Die DDR-Atomuhr sollte ein Baustein der sozialistischen Zeitmessung werden.

Seit November 2012 liegen die Überreste dieses Planes im alten Speisesaal in der Osterburg. Außerdem gibt es noch fünf Gramm Cäsium 133 in einer Glasampulle. Aber, sagt Frau Gunkel: "Ich verrate niemandem, wo." Cäsium 133 ist nicht ungefährlich, es reagiert heftig an der Luft und explodiert.

Eine Sekunde ist genau eine Sekunde, nicht mehr, nicht weniger, seit dem 6. Dezember 1946. Immer und überall auf der Welt gleich lang. Damals präsentierte der amerikanische Forscher Willard Frank Libby die erste funktionierende Atomuhr. Sie war extrem genau und ging theoretisch in 300 000 Jahren eine Sekunde nach.

Davor wurde die Zeit nur astronomisch gemessen. Man beobachtete den Himmel, peilte die Sterne mit Teleskopen an und maß die Rotation der Erde: 360 Grad, eine Umdrehung, ein Tag. Macht allerdings nicht genau 24 Stunden, sondern nur 23 Stunden 56 Minuten, 4,09 Sekunden. Die Erde ist nicht rund. Sie eiert und schlingert, weil die Landmassen ungleich auf ihr verteilt sind, mehr im Norden als auf der Südhalbkugel. Der Mond zerrt mit seiner Anziehungskraft daran, lässt Ebbe und Flut entstehen, er bremst und beschleunigt den Erdenlauf. Im Juni dreht sie sich langsamer, im Oktober wieder schneller, es geht um 0,48 Sekunden Unterschied.

Was ist also eine Sekunde, wenn als Maß die unrund dahintrudelnde Erde genommen wird, ihre mal glatt und mal rumpelig verlaufende Umdrehung als Basis, aufgeteilt in Stunden, Minuten und Sekunden? Was ist das wert, wenn ständig korrigiert und mit Schaltsekunden nachgefüllt werden muss?

Also musste etwas davon Unabhängiges her, die Atomzeit. Der Amerikaner Libby fand heraus, wie es geht: Man nehme das stabile Cäsiumisotop 133. Es gibt den Takt vor, indem es seinen Energiezustand ändert. Cäsium 133 wechselt seinen Energiezustand in einer ewig gleichen typischen Frequenz, einer Naturkonstante: 9 192 631 770-mal. Das ist heutzutage die Sekunde. Überall auf der Welt, 9 192 631 770 Wechsel des Energiezustandes von Cäsium 133. In Deutschland wird die Zeit in Braunschweig gemacht, in der PTB, der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt. Wenn man das überhaupt sagen kann: die Zeit machen. Eigentlich kann man es nicht so sagen.

Eine flaches Gebäude am Rand von Braunschweig, der Kopfermann-Bau, die Wände mit Kupferfolie ausgekleidet, an der Decke Stahlträger, an denen schwere Kräne hin- und herfahren können. Auf dem Boden Apparate wie der im Speisesaal des Weidaer Schlosses, nur zusammengebaut und größer und staubfrei. Und vor allem: funktionierend. An der Wand eine große rot leuchtende und ruhig dahinzählende Digitaluhr.

Es ist totenstill. Andreas Bauch, Physiker, Regierungsdirektor, Leiter der Arbeitsgruppe 4.42 "Zeitübertragung" geht durch die Halle, betrachtet seine Atomuhren. "Jaja, die DDR-Atomuhr. Ein Trumm, ich erinnere mich. Hat nie richtig funktioniert."

1989, die Mauer fiel, 1990 Wiedervereinigung. Die Uhr war nicht fertig geworden. Sie lief drei Tage am Stück, dann wieder nicht. "Sie haben es nicht hinbekommen mit dem stabilen Atomstrahl und dem Quarzoszillator. Die Messung der Atome war ein Problem." Und das Embargo des Westens, alles hätten sich die Kollegen aus der DDR selber basteln müssen. "Eine Mammutaufgabe."

Und dann war es zu spät gewesen. Andreas Bauch ist ein humorvoller Forscher mit Erzähltalent. Er hat sich die DDR-Atomuhr damals angesehen. "Kein Interesse, völlig veraltete Technik", war sein Befund. "Vergebene Liebesmüh." Er erinnert sich an Dietrich Kahnt, der später eine Zeit lang in Braunschweig bei ihm arbeitete. "Das alles war sicher bitter."

Elf Atomuhren stehen im Kopfermann-Bau. Sie liefern die Zeit für ganz Mitteleuropa. In Mainflingen bei Frankfurt am Main steht ein Sendeturm, der das Braunschweiger Zeitsignal bis nach Nordafrika verschickt. Supergenaue und rechtsfeste Zeit ist heute ein Muss: Das Internet würde nicht funktionieren, kein Navigationsgerät, kein Satellit, kein Handy. Es gäbe keinen E-Mail-Verkehr, kein Telefonieren, keine Astronomie, keine Funkuhren, die Bahn wäre noch unpünktlicher. Alles muss getaktet werden, genau aufeinander abgestimmt, alles muss hintereinander passen, darf sich nicht in die Quere kommen. Ohne die Zeitangaben aus Braunschweig würde heute weder die Strom- noch die Wasserversorgung funktionieren. Alles hängt an den Cäsiumuhren des Herrn Bauch, mehr als 100 Millionen Menschen in Europa.

Und es muss immer genauer sein. Eine Millionstelsekunde ist ein grobes Korn Zeit, eine Milliardstelsekunde auch noch nicht fein genug. Es geht um Femto-Sekunden, zehn hoch minus fünfzehn, Billiardstel – und noch kleiner. "Eigentlich", sagt sogar Zeitexperte Bauch, "gibt es wichtigere Probleme der Menschheit, nur sind die nicht so sexy." In drei Millionen Jahren soll die Uhr nur eine Sekunde abweichen.

Es gibt Forschungsinstitute in Japan, den USA, Italien, Großbritannien, Russland. Alle jagen nach noch kleineren Zeitbröckchen. Warum nur, wer braucht so etwas? "Im Moment niemand", sagt Bauch. "Man forscht danach, weil man es tut. Es ist wissenschaftlicher Wettbewerb."

Bauch kommt gerade aus der Schweiz zurück, wo sich die ITU traf, die Internationale Fernmeldeunion, eine Organisation der Vereinten Nationen. Tagelang diskutierten Experten aus aller Welt, ob man die Schaltsekunde abschaffen soll oder nicht. Seit Jahren wird das debattiert, die Welt ist sich nicht einig.

Was Zeit ist, Andreas Bauch weiß es auch nicht, niemand weiß es. Er sagt auch nicht, er messe die Zeit. Bauch definiert. Zeit, Zeitpunkte, alles reine Definitionssache. Die Zeit fließt, verstreicht, vergeht – was auch immer – Herrn Bauchs Cäsiumuhren zerlegen sie in winzige Häppchen, er benennt sie. Ab da weiß jeder, wie spät es ist. Etwa ein Dutzend andere Institute auf der Welt machen das Gleiche, man wirft alles zusammen und bildet den Mittelwert: die Weltzeit.

"Zeit ist eine Abfolge von Ereignissen", sagt Bauch ganz trocken. "Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist damit alles gesagt. Mehr ist nicht. Der Rest ist Philosophie oder Biologie." Er hat einmal ein Buch über die Kulturgeschichte des Weckers gelesen. Es hat ihn amüsiert, aber nicht weitergebracht.

Nein, sagt Andreas Bauch, die DDR-Atomuhr wollte und wolle er nicht haben. Die kriege sowieso kein Mensch mehr ans Laufen. Nach dem Ende der DDR war sie zerlegt und 1992 in Teilen in die Tschechoslowakei gebracht worden. In Bratislava baute man sie wieder zusammen, man kontrollierte alles, die Vakuumröhren, die Cäsium-Öfen. Die Slowaken kauften ein paar neue Vakuumpumpen, und siehe da: Sie lief ein ganzes Wochenende lang. Dann gab es wieder Störungen, aber immerhin: Einwandfrei erzeugte akkurate Atomsekunden, nur eben nicht "auf der Grundlage der Prinzipien des sozialistischen Internationalismus" und Made in GDR.

Die Uhr verschwand im Keller des Instituts in Bratislava. Man brauchte sie nicht, von der Zeit überholt. Sie war veraltet, bevor sie fertig wurde. Ein Heimatforscher und zwei Wissenschaftler aus Thüringen fanden sie wieder, brachten sie nach Weida, wo sie im Herbst 2012 Teil einer Ausstellung wurde über die Berliner Physikalisch-Technische Reichsanstalt, die während des Zweiten Weltkrieges aus Angst vor Bombardierung kurz nach Weida ausgelagert worden war.

Und dort ist sie endgültig stehen geblieben im alten Speisesaal, der einmal ein Gerichtssaal war und heute Baustelle ist. "Nehmen Sie das Ding mit. Ich bin froh, wenn es weg ist", sagt Frau Gunkel. Sie lacht, und nun muss sie fort. "Wirklich, nehmen Sie es mit."