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31. Oktober 2015 00:01 Uhr

Anstand

Flüchtlingshilfe: Deutschland hat seine Lektion gelernt

Fluchthilfe ist zu einem Geschäft geworden, das menschenverachtende Züge aufweist. Im Mittelmeer kentern überladene Boote, in geschlossenen Lastwagen von Schleusern ersticken Menschen.

  1. Flüchtlinge in Deutschland heute Foto: (Aktion Deutschland Hilft e.V,ASB,Hannibal)

Angeblich wird dabei gegenwärtig mehr verdient als im Drogenhandel. Dabei gerät in Vergessenheit, dass Fluchthilfe auch von rein humanitären Motiven geleitet sein kann. Wie in der Zeit der NS-Diktatur.

Die Welt staunt über Deutschland und seine Willkommenskultur. Viele Flüchtlinge aus Nahost und Nordafrika wählen ausgerechnet jenes Land als Ziel, das vor sieben Jahrzehnten mit seinen Kriegen und Massenverbrechen der Welt Angst einflößte. Vor dem Hintergrund des Befundes, dass die Deutschen damals weltweit in einem denkbar schlechten Licht dastanden, muss man die aktuelle Bereitschaft einer großen Mehrheit, die Flüchtlinge willkommen zu heißen, sie aufzunehmen und ihnen bei ihrem Weg in eine gesicherte Zukunft behilflich zu sein, aus humanitärer Sicht als eine geradezu beglückende Entwicklung empfinden.

Wer in der NS-Diktatur Juden half, ging ein hohes Risiko ein. Judenhilfe oder "Judenbegünstigung", wie es damals hieß, war nicht nur verpönt; sie stand in den Jahren des Weltkrieges auch unter Strafandrohung. In der Wehrmacht konnte ein Judenretter schlimmstenfalls mit dem Tode bestraft werden, weil man dort Judenhilfe mit Feindbegünstigung gleichsetzte, und auf diese stand nach dem Militärstrafgesetzbuch die Todesstrafe. Bei Zivilisten, die innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches Juden halfen, drohte die Verhaftung durch die Geheime Staatspolizei und als Strafe eine dreimonatige Einlieferung in ein Konzentrationslager. Aber das war gar nicht allgemein bekannt. Der Terror des Regimes zeigte sich darin, dass das Strafmaß für "Judenbegünstigung" für die potentiellen Helferinnen und Helfer nicht kalkulierbar war, wodurch ein besonderer Druck ausgeübt werden konnte.

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Die stillen Helden

Und doch gab es sie damals, die Menschen, die sich ihre humane Einstellung bewahrten und in irgendeiner Weise "aktiven Anstand" gegenüber den verfolgten Juden praktizieren wollten. Es waren in unserer Region herausragende Persönlichkeiten wie die Freiburgerin Gertrud Luckner oder der Stegener Pater Heinrich Middendorf. Zu ihnen zählt auch der aus dem Schwarzwald stammende Erwin Dold, der – als Kommandant des KZ-Außenlagers Dautmergen – die Zwangsarbeiter unter Umgehung der Vorschriften anständig behandelte und sie so gut wie möglich versorgen ließ. Viele sahen in ihm später ihren Retter. Aber es gab auch nicht wenige weitgehend unbekannte Helfer.

Die Schweiz war seit 1938 und besonders seit 1941 das Nadelöhr im Fluchtgeschehen. Die Flüchtenden betrachteten die Schweiz meist als ein Transitland, von dem aus sie weiter fliehen wollten. Die Regierung betrieb eine ambivalente Flüchtlingspolitik. Die Schweiz schottete sich ab – Stichwort "das Boot ist voll!" –, nahm aber auch Flüchtlinge auf. Etwa 30 000 jüdischen Flüchtlingen soll die Flucht in die Schweiz geglückt sein. Das konnte in der Regel nur dann gelingen, wenn es auf der deutschen wie auf der schweizerischen Seite ortskundige und solidarische Menschen gab, die halfen. Allerdings sollen, so schätzt man heute, ebenso viele jüdische Flüchtlinge an der Schweizer Grenze abgewiesen worden sein, was für die meisten von ihnen Deportation und Tod bedeutete.

Nach dem Ausreiseverbot

Das vom NS-Staat erlassene Ausreiseverbot für Juden vom 23. Oktober 1941 stellte eine Vorstufe der Deportation in die Vernichtungslager dar. Jetzt ging die Gestapo zur Jagd auf flüchtende Juden über. Von da an hatten die Juden zwei Möglichkeiten: Sie konnten untertauchen oder versuchen, illegal in die Schweiz zu fliehen. Untertauchen war in der Großstadt Berlin mit einiger Aussicht auf Erfolg möglich, weniger jedoch in Kleinstädten und auf dem Land. Eine Flucht nach Frankreich kam seit dem Sommer 1940 nicht mehr in Frage, da der größte Teil Frankreichs unter deutscher Besatzungsherrschaft stand und das Vichy-Regime im unbesetzten Teil in der Judenpolitik mit dem NS-Regime kollaborierte. Die Blicke der Verfolgten richteten sich daher konzentriert auf die Schweizer Grenze und auf Helfer und Retter, die bereit waren, beim illegalen Grenzübertritt behilflich zu sein. In Berlin entschlossen sich im Oktober 1940 etwa 5000 Jüdinnen und Juden, unterzutauchen und ein Überleben in der Illegalität zu versuchen. 3500 von ihnen wurden in den nächsten Jahren aufgegriffen, deportiert und ermordet. Die restlichen 1500 Untergetauchten vermochten sich – mit Unterstützung vieler nicht-jüdischer Berliner Helfer – der Gestapo zu entziehen. Sie konnten überleben. Das bedeutet, dass sich damals vielleicht doch mehrere Zehntausend Deutsche an der Rettung von jüdischen Nachbarn, Freunden und Fremden beteiligt haben, trotz der antisemitischen Verhetzung und trotz der verbreiteten Denunziationsbereitschaft.

Flucht aus dem SED-Staat

Übrigens: Auch nach Kriegsende kennt die deutsche Geschichte noch Fluchthelfer – in der DDR. Dort war Hilfe bei der Republikflucht mit hohen Strafen bedroht, bis hin zur lebenslangen Freiheitsstrafe. Waren die Grenztruppen der DDR doch schon seit 1960 mit dem allgemeinen Befehl ausgestattet, an der Grenze auf Republikflüchtlinge scharf zu schießen. Und oft genug setzten die Grenzwächter ihn auch um: Mindestens 136 DDR-Flüchtlinge kamen beim Versuch, in die Bundesrepublik zu gelangen, ums Leben. Gleichzeitig galt in der Bundesrepublik dagegen die Flucht aus der DDR selbst dann als eine ehrenwerte Handlung, wenn sich die Fluchthelfer gut bezahlen ließen. Besonderen Beifall fanden im Westen Deserteure der NVA, die in voller Uniform in den Westen flohen. Republikflüchtlinge, die illegal in den Westen gelangen wollten, benötigten in der Regel kundige Schlepper als Überlebenshilfe.

Es geht ums Überleben

Hat das Geschehen damals und heute etwas mit einander zu tun? Und: Was unterscheidet die Fluchterfahrungen in der Zeit des Zweiten Weltkrieges von den gegenwärtigen großen Fluchtbewegungen aus Bürgerkriegsgebieten? Wo gibt es Parallelen, Ähnlichkeiten? Das Nachdenken über diese Fragen kann unsere politische und emotionale Einstellung zur Flüchtlingsproblematik sensibilisieren.

Beginnen wir mit der Sicht der Flüchtlinge damals und heute. Versuchen wir, uns in deren Lage hineinzuversetzen. Zu Beginn der NS-Zeit gab es in Deutschland etwa 500 000 Juden, was knapp einem Prozent der deutschen Bevölkerung entsprach. Sie wurden in den Jahren 1933 bis 1940 ausgegrenzt und zur Auswanderung gedrängt, nicht selten mit Hilfe der Gestapo. 1940 lebten noch etwa 150 000 von ihnen in Deutschland. Sie wurden in der Folgezeit in die Vernichtungslager in Polen deportiert und dort umgebracht. Nur wenige überlebten in Deutschland im Untergrund.

Die Bedrohung der Juden war in den beiden Phasen der Verfolgung unterschiedlich stark. Für Südbaden gilt: Wer nach dem Ausreiseverbot vom 23. Oktober 1941 außer Landes zu fliehen versuchte, riskierte sein Leben. Es drohte die Verhaftung und Deportation in eines der Vernichtungslager im Osten, und das bedeutete den Tod. Im Februar 1942 wurde das Ausreiseverbot übrigens auf alle deutsch besetzten Gebiete Europas ausgedehnt. Den flüchtenden Juden ging es also ums nackte Überleben.

Die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien, Irak, Afghanistan, Eritrea, Somalia, Mali und Kongo fliehen aus ihren Ländern ebenfalls wegen konkreter Gefahren für Leib und Leben. Allerdings werden sie nicht aus rassistischen Motiven verfolgt und mit dem Tode bedroht. Die Gefahren erwachsen für sie aus den kriegerischen Auseinandersetzungen in ihren Ländern. Unter den Kämpfen der Bürgerkriegsparteien hat insbesondere die Zivilbevölkerung zu leiden. Diesen Flüchtlingen geht es ebenfalls ums nackte Überleben. In der Regel haben sie ihr Hab und Gut in ihrem Heimatland verkauft oder zurückgelassen und sich mit kleinstem Überlebensgepäck auf einen langen Fluchtweg begeben.

Wir können also festhalten: Sowohl die verfolgten Juden als auch die Flüchtlinge von heute flohen und fliehen aus ihrer Heimat aus einem existentiellen Grund: um ihr Leben zu retten. Alle anderen Motive waren damals und sind heute zweitrangig. Niemand flieht freiwillig.

Fluchtursache Bürgerkrieg

Betrachten wir als Nächstes die Rolle der Staaten. Der Nazi-Staat entrechtete und verfolgte die jüdische Minderheit, drängte sie zur Auswanderung und ermordete die noch im Lande Verbliebenen. Auswanderung und Flucht waren also eine direkte Folge der rassistisch motivierten Politik des NS-Staates. Die bewaffneten Organe des NS-Staates – Gestapo, SD, Ordnungspolizei, unterstützt von der Wehrmacht – exekutierten die Verfolgungs- und Vernichtungspolitik. In den Bürgerkriegsländern von heute gibt es keine Staaten in unserem Sinne, die das Monopol legitimer physischer Gewaltanwendung durchsetzen könnten. Stattdessen gibt es rivalisierende, zum Teil von Großmächten unterstützte Bürgerkriegsparteien, die sich ein religiöses Legitimationsmäntelchen umhängen. Es geht vorrangig um machtpolitische Auseinandersetzungen in Kriegsform. Die Bürgerkriegsflüchtlinge von heute sind also nicht von Staaten systematisch Vertriebene, sondern Menschen, die vor dem Krieg fliehen. Sie wollen sich in Sicherheit bringen und sich anderswo ein neues Leben aufubauen.

Mit offenen Armen

Während heute bei den Schleppern Hilfe, Eigeninteresse, Profit und Verbrechen eng beieinander liegen, war Fluchthilfe in der NS-Zeit meistens von humanitären Motiven geleitet. Geld sollte lediglich zur Deckung ihrer Unkosten dienen. Sie nahmen ein großes Risiko auf sich, weil sie illegal handelten und weil ihr Handeln als staatsfeindlich ausgelegt wurde. Hilfe für Flüchtende findet heute in Deutschland legal, öffentlich, staatlich finanziert und gesellschaftlich unterstützt statt – und ist außerdem konsensfähig. Lediglich rechtsradikale Gruppierungen, die aus der Vergangenheit nichts gelernt haben, wehren sich mit Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte und einer fremdenfeindlichen Hasspropaganda.

Damals, im Zweiten Weltkrieg, gelangten etwa 30 000 jüdische Flüchtlinge in die Schweiz. Die Zahl der 2015 nach Deutschland Flüchtenden wird mit 800 000 oder gar einer Million angegeben. Wir haben es also mit einer ganz anderen Größenordnung zu tun. In Deutschland engagieren sich karitative Organisationen, staatliche Institutionen, Kirchen, einzelne Helferinnen und Helfer sowie unzählige Helferkreise. Sie empfangen die Flüchtlinge heute aus humanitären und aus ökonomischen Gründen mit offenen Armen. Es bedarf in der aktuellen Situation in Deutschland also keiner illegal tätigen Fluchthelfer wie in der Zeit des Zweiten Weltkrieges, sondern der tätigen Mithilfe vieler hilfsbereiter Menschen in Flüchtlingsnetzwerken, die mit den staatlichen Stellen und den karitativen Organisationen eng zusammenarbeiten.Damals wie heute braucht es Empathie mit Flüchtlingen, braucht es eine humane Einstellung, Bereitschaft zur Hilfe im Rahmen des je Möglichen, praktisches Mitanpacken, Abwehr fremdenfeindlicher Aktionen. Damals, in der NS-Zeit, gab es nur ganz wenige Menschen, die unter den extremen Bedingungen damals den Mut hatten, verfolgten Juden zu helfen. Heute haben wir völlig andere Rahmenbedingungen und eine massenhafte Hilfsbereitschaft, die mit keinerlei vergleichbaren Gefahren verbunden ist.

Es könnte sein, dass wir Deutsche nicht nur in Sachen Demokratie, Krieg und Frieden aus der Vergangenheit gelernt haben, sondern auch in Sachen Humanität, also in der Frage des Umgangs mit bedrohten Menschen, mit Flüchtlingen, mit Fremden. Das wäre nicht die schlechteste Lektion aus der Katastrophengeschichte des vergangenen Jahrhunderts.

Autor: Wolfram Wette