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10. Juli 2015 07:09 Uhr

Katholische Kirche

"Überdurchschnittlich viele im Klerus sind schwul"

Der Theologe David Berger sagt, dass die Homophobie der katholischen Kirche mit dem hohen Anteil Homosexueller zusammenhängt.

  1. David Berger Foto: Jo Goede

Es hätte eine Bilderbuchkarriere in der katholischen Kirche werden können. David Berger war Professor an der Päpstlichen Akademie des heiligen Thomas von Aquin und Lektor der Vatikanischen Glaubenskongregation. Dann hat er sich geoutet. Sebastian Kaiser hat mit ihm über Homophobie in der katholischen Kirche, schwule Priester und Papst Franziskus gesprochen.

BZ: Herr Berger, wie bewerten Sie die harschen Äußerungen der katholischen Kirche zur Homo-Ehe?

Berger: Sie überraschen mich nicht. Zwar hat sich Papst Franziskus zu homosexuellen Menschen bislang recht freundlich geäußert. Aber wenn es darum geht, dass sich Homosexuelle politisch engagieren und gleiche Rechte einfordern, dann sind die Reaktionen der Kirche nach wie vor recht aggressiv. Bereits am Anfang seines Pontifikats hat Franziskus die französische Regierung in einem Brief dazu aufgefordert, die Regelungen zur Homoehe zu kippen. Gewundert hat mich nach dem Referendum in Irland eher der harsche Ton.

BZ: Warum tut sich die Kirche so schwer im Umgang mit Homosexualität?

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Berger: Das gilt ja nicht nur für die katholische Kirche. Die gleiche Frage könnte man auch zu unserer evangelischen Bundeskanzlerin stellen. Der Wunsch homosexueller Männer und Frauen nach der Ehe ist im Grunde ein ganz wertkonservativer, ein urchristlicher Wunsch. Der Wunsch mit einem Partner in Treue bis zum Lebensende zusammenzuleben und Verantwortung zu übernehmen. Wenn also Ehe und Familie noch konservative Werte darstellen, dann müsste die CDU und Frau Merkel eigentlich stolz auf ihre homosexuellen Mitbürger sein. Ebenso wie die die katholische Kirche.

BZ: Viele homosexuelle Menschen erfahren jedoch das Gegenteil.

Berger: Die Ursachen liegen oft im emotionalen und psychologischen Bereich. In der katholischen Kirche hängt das damit zusammen, dass man über Jahrzehnte eine Kirche geschaffen hat, die für homosexuelle Männer sehr anziehend wirkt. Beispielsweise die Rituale, die Gewänder und die Männergesellschaft. Deshalb gibt es im katholischen Klerus auch überdurchschnittlich viele schwule Geistliche. Es gibt Studien, die von 30 bis 40 Prozent sprechen. Nach den Erfahrungen, die ich im Vatikan und auch in der katholischen Kirche in Deutschland sammeln konnte, praktiziert ein Großteil dieser Männer auch ihre Homosexualität.

BZ: Wie passt das mit der Homophobie der katholischen Kirche zusammen?

Berger: Homosexuelle leben aus kirchlicher Sicht permanent in einer unglaublich schweren sündhaften Situation. Sie dürften eigentlich nicht Priester sein. Dadurch entsteht ein perfekter Machtmechanismus, mit dem man Menschen gefügig halten und unter Druck setzen kann. Das passiert auch in der katholischen Kirche. Wenn Priester illoyal oder zu papst- oder kirchenkritisch werden, dann wird ihre Homosexualität ausgepackt und als Druckmittel verwendet. Ich habe Ordner von Briefen katholischer Priester, die das belegen, und kann mich an Dutzende Gespräche mit Geistlichen erinnern, die mir von ihren Erfahrungen berichtet haben.

BZ: Es gibt auch andere Beispiele.

Berger: Richtig. Für diejenigen, die wegen ihrer Homosexualität ein schlechtes Gewissen haben, kann das auch ein Grund dafür sein, besonders kirchentreu aufzutreten. Um das Manko ihres Schwulseins auszugleichen, sind diese Priester von sich aus besonders papsttreu, besonders fromm und besonders liturgisch engagiert. Die besonders Frommen und Fleißigen haben auch bessere Aufstiegsmöglichkeiten. Das führt dazu, das ganz oben in der Kirchenhierarchie der Anteil homosexueller Kleriker deutlich größer ist. Viele von ihnen geben den Druck, den sie selbst erlebt haben, nach unten weiter. Dieses System nährt sich also immer wieder neu. Das hab ich so auch in meiner eigenen Biographie erlebt. Ich spreche also auch über mich. Über das, was bei mir schiefgelaufen ist. Psychologisch sind das ganz einfache Mechanismen, die da greifen.

BZ: Viele Menschen verbinden mit Franziskus die Hoffnung, dass sich der Umgang der Kirche mit Homosexuellen verändern wird. Teilen Sie diese Ansicht?

Berger: Nein. Er hat den Ton der Kirche verändert. Das ist zu begrüßen. Aber in Fragen der Lehre wird Franziskus hart bleiben. Nicht nur beim Thema Homosexualität, sondern auch in anderen Punkten. Beispielsweise bei der Frage des Frauenpriestertums oder der künstlichen Empfängnisverhütung. Zu alldem findet der Papst nette, manchmal auch überraschend stammtischartige Worte. Aber an den grundsätzlichen kirchenrechtlichen Fragen verändert er gar nichts. Das ist die eigentliche Tragödie dieses Pontifikats.

BZ: Das heißt, Sie glauben nicht, dass die Familiensynode im Herbst etwas ändert?

Berger: Die Synode im Herbst wird auf dem Boden des Katechismus der katholischen Kirche bleiben. Dort steht, dass homosexuellen Menschen mit Takt und Respekt zu begegnen ist. Dass man den Sünder lieben, aber die Sünde verurteilen muss. In diesem Sinne wird es sicherlich irgendwelche Aussagen der Kirche geben, die guten Willen signalisieren sollen. Diese Unterscheidung zwischen Veranlagung und Handlung ist allerdings völlig unsinnig und funktioniert auch nicht. Aus meiner Sicht ist das eine Schizophrenie des Denkens, die an dieser Stelle sichtbar wird. Als ob es bei einer homosexuellen Veranlagung von Menschen irgendeine Wahlfreiheit gäbe.

BZ: Allerdings werden nicht alle Vorgaben aus Rom buchstabengetreu umgesetzt. Wie ist das beim Thema Homo-Ehe?

Berger: Es gibt in Deutschland auch katholische Priester, die homosexuelle Paare "trauen". Ich war selbst schon bei solchen Zeremonien. Allerdings darf dies nicht in der Öffentlichkeit geschehen. Foto- oder Filmaufnahmen sind beispielsweise nicht erlaubt. Solange es heimlich passiert, wird ein Auge zugedrückt.

BZ: Was heißt das für die Gemeinden?

Berger: Dort ist die Stimmung vielerorts ganz anders. Ein Katholik ist ja nicht von Natur aus homophob. Dort sitzen vernünftige Leute, die mit Homosexualität genauso gut oder schlecht umgehen können wie andere Menschen auch. Viele Homosexuelle sind in ihren Gemeinden gut verankert und genießen auch Zuspruch. Es gibt aber auch andere, die das was die Kirche sagt und das, was in der Bibel steht, sehr ernst nehmen. Manche von ihnen, gerade jüngere, bekommen deshalb auch große psychische Probleme im Umgang mit ihrer Homosexualität. Häufig sind das junge Männer aus katholischen Migrantenfamilien.
David Berger

Der 47-jährige Theologe hat 2010 sein Schwulsein öffentlich gemacht. 2011 wurde ihm die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen. Der Bestsellerautor ("Der heilige Schein") arbeitet heute als Autor und Publizist in Berlin.

Autor: Sebastian Kaiser