Jubiläum

20 Jahre nach der Gründung erleben die "Tafeln" großen Andrang durch Bedürftige

kna

Von kna

Do, 05. November 2015

Deutschland

Der Andrang an den Tafeln hat sich in manchen Städten verdoppelt. Im Verteilungswettbewerb um kostenlose Lebensmittel stehen nun auch Zehntausende Flüchtlinge Schlange. 20 Jahre nach Gründung des Bundesverbandes scheinen die Tafeln wichtiger denn je.

Es ist eine Idee, die vor allem durch ihre Einfachheit besticht: Unternehmen produzieren Überschüsse, bei sozial Bedürftigen fehlt es am Monatsende oft am Notwendigsten. Warum also nicht einfach überflüssige Lebensmittel an diese Bedürftigen verteilen? Anfang der 90er Jahre fing eine Berliner Fraueninitiative an, diese Idee umzusetzen und gründete in der deutschen Hauptstadt die erste Tafel. Was in den USA schon seit einigen Jahren funktionierte, sollte auch in der Bundesrepublik Schule machen, hieß es damals.

20 Jahre gibt es den Bundesverband Deutsche Tafel, zwei Jahre zuvor wurde in Berlin die erste dieser Initiativen gegründet. Mehr als 900 sind im Laufe der Jahre dazugekommen. 60 000 Ehrenamtliche engagieren sich dafür und helfen rund 1,5 Millionen Menschen, monatlich über die Runden zu kommen. Getragen werden die Tafeln von Wohlfahrtsverbänden und Bürgervereinen. Dazu kommt ein Bundesverband, der sich mit seinen sieben fest angestellten Mitarbeitern vor allem um die Logistik kümmert.

Bei allem Lob gibt es seit einigen Jahren auch Kritik an der Tafel-Bewegung. Hauptvorwurf ist, dass sich die Tafeln inzwischen von ihrem ursprünglichen Ansatz als Notlösung entfernt hätten und der Politik inzwischen als eine Art Alibi dienten. Einer der größten Kritiker ist der Sozialwissenschaftler Stefan Selke. Die Tafeln, die sich um bedürftige Menschen kümmern, leisteten im Prinzip wertvolle Arbeit, sagt er. Wirklich notwendig seien aber politische Lösungen wie eine armutsvermeidende Mindestsicherung, so Selke. Seiner Initiative "Kritisches Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln" schlossen sich auch einzelne Verbände von Caritas und Diakonie an.

Die Tafeln kontern: Natürlich müsse die Bewegung aufpassen, sich nicht vereinnahmen zu lassen – nicht von der Politik, nicht von Lebensmittelketten, so argumentieren sie. Und natürlich hätten sie im Laufe der Jahre Fehler gemacht und dazu gelernt. Zugleich betont der Bundesverband, dass die Tafeln nie den Anspruch gehabt hätten eine Vollversorgung zu bieten, das sei eindeutig Aufgabe des Staates. Stattdessen wollten die Tafeln Menschen ermöglichen, sich vielleicht auch mal eine kulturelle Veranstaltung leisten zu können.

Dazu kommt in diesen Tagen ein weiterer Aspekt: Es kämen immer mehr Flüchtlinge zu ihren Einrichtungen, erklärte der Vorsitzende des Bundesverbands Deutsche Tafel, Jochen Brühl, am Dienstag in Berlin. Aktuell würden bis zu 220 000 Flüchtlinge mit Lebensmitteln unterstützt. Vor einem Jahr sei es knapp die Hälfte gewesen, und die Zahl steige weiter: Im kommenden Jahr sei mit 500 000 zusätzlichen Tafelnutzern zu rechnen.

Besonders betroffen sei Nordrhein-Westfalen: Erst kürzlich kapitulierten einige Tafeln im Münsterland vor dem immensen Andrang. In Hessen und Hamburg mussten Helfer ebenfalls neue Bedürftige abweisen. Auch erste Verteilungskämpfe zwischen den Neuankömmlingen und den Stammkunden zeichnen sich ab, wollen Helfer beobachtet haben, wenngleich oft im Stillen. So manche Tafel löst das Problem des wachsenden Andrangs aber auch einfach pragmatisch: So hatte eine Einrichtung in Müllheim im Schwarzwald für Flüchtlinge und die einheimische Bevölkerung unterschiedliche Öffnungszeiten ausgewiesen.

Sabine Werth gehörte vor über 20 Jahren der Berliner Fraueninitiative an, die die US-amerikanische Idee nach Deutschland brachte. Die Tafel-Bewegung ist für die 57-jährige Berlinerin so etwas wie ein Lebenswerk. Viele Menschen, die die Tafeln aufsuchten, kämen nicht in erster Linie wegen der Lebensmittel, sagt sie, ihnen gehe es um die Kontakte. Sie selbst habe es erlebt, so erzählt die Tafel-Gründerin, dass eine Frau nachmittags beim Abholen der Lebensmittel sagte: "Sie sind heute der erste Mensch, mit dem ich rede." Alleine dafür sei es doch toll, dass es die Tafeln gebe.