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01. Juni 2013

Freiwillige Arbeit in der Dritten Welt

Weißer Mann, wohin?

Immer mehr Jugendliche gehen nach dem Abitur als Freiwillige zum Arbeiten in die Dritte Welt und zahlen dafür noch viel Geld – was aber lernen sie dort?.

  1. Kenia, deutsche junge Menschen beim freiwilligen Dienst in der Dritten Welt Foto: Projects Abroad

  2. Sozialarbeit in Indien, viele junge deutsche arbeiten freiwillig in der Dritten Welt Foto: Projects Abroad

Es ist, als ob der Scheinwerfer angeht und sich alle Blicke auf ihn richten. Da steht er plötzlich wie auf einer Bühne und doch neben sich, der Abiturient aus Berlin, und verfolgt ungläubig staunend, was mit ihm geschieht. "Obruni", rufen die afrikanischen Kinder, und ihre Augen leuchten. Das bedeutet: "Weißer Mann." Heute lacht Joshua Franz, 20, verlegen, wenn er von seinem ersten Tag in Ghana erzählt. Davon, wie ihn Kinder anfassten. So, als wollten sie sich vergewissern, dass seine helle Haut echt war, keine Schminke. Es kommt nicht so oft vor, dass sich westeuropäische Touristen in dieser Ecke von Ghanas Hauptstadt Accra verirren, einem Moloch mit 2,3 Millionen Einwohnern.

7500 Kilometer liegen zwischen der Ersten und der Dritten Welt, doch in diesem Moment schwindet die Distanz. Die Ghanaer begrüßen den Zwei-Meter-Mann wie jemanden, den sie schon lange kennen, einen Popstar oder einen verschollen geglaubten Sohn.

Vielleicht ist ihm da zum ersten Mal bewusst geworden, worauf er sich eingelassen hat, als er nach dem Abitur eine Karte zieht, die viele spielen, die noch nicht so genau wissen, wer sie sind und was sie wollen. "Etwas mit Menschenrechten", sagen viele. Jetzt ist er hier, als Praktikant in einem Menschenrechtsbüro von Projects Abroad, einem der größten kommerziellen Anbieter von Auslandsreisen für Freiwillige. Er soll straffällig gewordene Jugendliche in Englisch unterrichten, das ist der Plan. Doch seine bloße Anwesenheit erscheint auch anderen Einheimischen als Hoffnungsschimmer, als ein Versprechen, das es einzulösen gilt, Joshua Franz aber nicht einlösen kann. Längst ist er mit Projects Abroad weiter nach Südafrika geflogen – in ein neues Land zu neuen Erfahrungen.

Werbung


"Voluntourism" nennt sich diese Form des Tourismus. Sie erlebt einen Boom, seit die Bundesregierung 2010 die Wehrpflicht abgeschafft hat. Waren es früher in erster Linie Mädchen, die sich nach dem Abitur als Au-Pair durchschlugen, nutzen jetzt auch immer mehr Jungs die Gelegenheit, die Wartezeit auf den Studienplatz mit Jobs oder Praktika im Ausland zu überbrücken. Nach einer Untersuchung des gemeinnützigen Berliner Freiwilligenvereins Sobia stieg der Anteil der jungen Männer auf 40 Prozent. Die kommerziellen Veranstalter buhlen um eine Klientel, die nach dem Abiturstress so sehr nach Abwechslung dürstet, dass sie dafür ihre Ersparnisse plündert.

Einen Monat "Meeresschildkröten retten" in Mexiko kostet 1995 Euro. Acht Wochen Waisenkinder betreuen in Nepal 1595 Euro. Fünf Wochen Reittherapie mit behinderten Kindern in Ecuador gibt es für 1250 Euro -– alles ohne Flug.

Und die Arbeit? Sie ist nur Mittel zum Zweck. Sie ist ein Beitrag zur Entwicklungshilfe, das jedenfalls suggeriert die Werbung. Den unbezahlten Einsatz für ein "Löwenprojekt in Sambia" verkauft die Münsteraner Agentur Travelworks als Erweckungserlebnis: "Du atmest die frische Morgenluft Sambias ein, nimmst das besondere Licht zu Tagesbeginn wahr und weißt, dass du diesen Augenblick nie vergessen wirst."

Die Klientel dürstet
nach Abwechslung

Die Versprechen der Werbung decken sich in vielen Fällen mit den Vorstellungen der Teilnehmer. "Ich habe keine Lust, in den Semesterferien herumzusitzen und Däumchen zu drehen", sagt etwa Johanna Mößmer aus Augsburg, 22, Lehrsamtstudentin für Mathematik und katholische Religion, wenn man sie nach ihrer Motivation fragt. Ende Juli fliegt sie mit Projects Abroad auf die Philippinen, wo sie einen Monat lang als Betreuerin in einem Kinderheim arbeitet. Mehr ist nicht drin, weder zeitlich noch finanziell. 3500 Euro kostet der Trip, finanziert von Mama und Papa. Doch was sie am anderen Ende der Welt lerne, glaubt Johanna, sei das Geld wert. "Ich will sehen, ob die Arbeit mit Kindern überhaupt was für mich ist."

Die Frage, was Waisenkinder davon haben, wenn die Betreuer so oft wechseln, dass sie sich kaum die Namen merken können, muss die Veranstalter nicht interessieren. "Das Feedback der Rückkehrer ist durchweg positiv", sagt Michael Harms von Projects Abroad. "Für uns ist das Bestätigung genug."

Veranstalter staatlich subventionierter Reisen beurteilen die kommerziellen Angebote kritischer. Sie vermissen dabei einen entwicklungspolitischen Mehrwert. "Was hat ein Radiosender in der Karibik von einem deutschen Praktikanten, der nur Schulenglisch spricht?", fragt etwa Michael Katèrla, der für die Organisation Arbeiten und Studieren im Ausland (Asa) Studenten aus Deutschland und der Dritten Welt für Entwicklungshilfeprojekte wirbt. Im Zweifelsfall nehme dieser den einheimischen Jugendlichen den Platz weg. Andere Kollegen werden noch deutlicher. Sie sprechen von Abzocke auf Kosten der Armen.

Auch Anna Theresa Schmidt hat sich die Frage nach dem Nutzen für die Einheimischen gestellt. Nach dem Abitur ist die 18-Jährige mit Projects Abroad für ein halbes Jahr nach Indien gegangen. In Madurai, einer Metropole im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, sollte sie Mädchen in einem Waisenhaus betreuen. Die Mädchen begegneten ihr zurückhaltend bis misstrauisch. Kaum ein Kind habe englisch gesprochen. Um die Mädchen zu verstehen, habe sie deren Muttersprache Tamil gepaukt. "Innerhalb von drei Wochen konnte ich lesen und schreiben." Über ihre Zeit in Indien hat die Tochter einer Managerin ein Tagebuch in der Lokalzeitung ihrer bayrischen Heimat geführt. Humorvoll beschreibt sie dort, warum sie dieses Land zu lieben gelernt hat, obwohl sie in der Hektik der Großstadt nichts von der vielbeschworenen buddhistischen Ruhe wiederfand, die sie doch nach Indien gelockt hat. "Sogar während des In-den-Straßengraben-Pinkelns drehen sich die Inder nach Touristen um und rufen ihren Lieblingssatz: ,Welcome to India!’", berichtet Anna Theresa Schmidt. Vielleicht wird man in Zukunft noch mehr von ihr lesen. In Indien hat sie immerhin herausgefunden, was sie beruflich machen will: als Reisejournalistin arbeiten.

Ältere Freiwillige an ihrer Stelle hätten gleich ein Blog ins Internet gestellt und versucht, Anzeigen an Firmen zu verkaufen. "Fundraising wird immer wichtiger", sagt Michael Harms von Projects Abroad. Spenden sammeln. Den eigenen Trip als gute Tat verkaufen.

Ein halbes Jahr Afrika kann sich kaum ein Abiturient leisten. 7000 Euro hat Joshua Franz bislang bezahlt. Geld, das seine Großeltern für seine Ausbildung zurückgelegt hatten. Jetzt ist es alle, und seine alleinerziehende Mutter hat ein Problem. Die Lehrerin sagt, sie habe sich verschulden müssen, weil der Staat das Kindergeld nur für Freiwillige weiterzahlt, die als Stipendiaten staatlich anerkannter Organisationen im Ausland arbeiten.

Asa aus Berlin ist so ein Programm. 1960 wurde es gestartet von Studenten für Studenten. Lange, bevor das Bundesministerium für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit staatlich subventionierte Freiwilligenreisen 2008 in dem Programm Weltwärts bündelte, holten die Pioniere von Asa die Entwicklungshilfe aus ihrer Sackgasse heraus. Projekte werden bis heute von Teams gestemmt, von Studenten aus der Ersten und der Dritten Welt.

Bevor Gesche Marleen Hausin und Hanna Göppert im Juli als Stipendiatinnen für drei Monate nach Nicaragua fliegen, um Workshops zur Klimagerechtigkeit zu organisieren, probieren sie die an Berliner Schulen aus. Hilfe bekommen sie dabei von zwei ausländischen Kommilitoninnen, die erzählen können, wie dramatisch sich der Klimawandel schon heute auf ihren Alltag auswirkt. Maria Conchita Gonzales Moya, 21, und Yessenia Castro, 20, sind nach Berlin gekommen, um ihre Sicht einzubringen.

Jetzt sitzen sie zu viert vor einer Pizzeria in Neukölln, rühren in ihren Cappuccinos und diskutieren. Darüber, dass das Wasser in Nicaragua knapp wird und sich der Preis für Mais infolge der Dürre verdreifacht hat. Die Mädchen wählen ihre Worte mit Bedacht. "Entwicklung muss nicht primär im globalen Süden stattfinden, sondern im Norden. Wir müssen zum Beispiel unser Konsumverhalten ändern" , sagt Gesche ernst. Maria lächelt. Sie sagt, die Deutschen seien auf einem guten Weg. Dass die ihren Müll trennen, hat sie besonders beeindruckt. Die Studentinnen sagen, klar, ein Auslandsaufenthalt mache sich gut im Lebenslauf. In erster Linie gehe es ihnen aber um den Austausch.

Kritiker sprechen von
Abzocke auf Kosten der Armen

Andere wie Joshua Franz reisen in die Dritte Welt, um herauszufinden, wer sie sind. Er ist behütet mit Mutter und Oma aufgewachsen, war Klassensprecher und hat das Abitur an einer internationalen Schule gemacht. Man erwischt ihn in einem Internetcafé in Kapstadt, einen Schlaks in Jeans und T-Shirt, der Teint gebräunt, das Gesicht schmaler und ernster als auf dem Passbild, das noch aus Schulzeiten stammt.

Man würde gerne wissen, wie er im Großstadtdschungel von Accra herausgefunden hat, was er will: Politikwissenschaften studieren und Jura. Doch die Verbindung zum Skypen, zum Telefonieren übers Internet, ist schlecht. Der Ton bricht immer wieder ab. Joshua muss sich weit vorbeugen, um das Ohr direkt an den Lautsprecher zu halten. Er trägt es mit Humor. Er sagt, er habe in Afrika gelernt, dass nichts von dem selbstverständlich sei, was er für selbstverständlich hielt. Duschen, solange er wolle. Ein Salat zum Essen oder ein Stück Obst jeden Tag. Und auch nicht das Internet. Zweimal wurde ihm das Handy geklaut. Einmal stand er ohne Geld da, weil die Kreditkarte nicht funktionierte.

Aber für Notfälle sind ja die Betreuer seiner Organisation da, rund um die Uhr, allein 40 sollen es in Ghana sein. Damit begründet Michael Harms von Projects Abroad die hohen Kosten. Dieser Service beruhigt Joshuas Mutter ungemein. Afrika ist eine harte Schule. Da kann es nicht schaden, wenn wenigstens einer darüber wacht, dass die Menschenrechte auch für die gelten, die hier erst lernen, was das eigentlich bedeutet.

Autor: Antje Hildebrandt