Entschädigung von Kriegsgefangenen

Wenn die Reue zu spät kommt

Dietmar Ostermann

Von Dietmar Ostermann

Mo, 18. Januar 2016

Deutschland

Vor knapp einem Jahr wurde ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen eine Entschädigung zugesprochen, doch bislang haben nur acht Betroffene das Geld erhalten.

Vor ein paar Tagen bekam Eberhard Radczuweit wieder schlechte Nachrichten aus Armenien. Rund 100 ehemalige sowjetische Kriegsgefangene sind dort im Veteranenbund organisiert. "Vier davon sind allein in der ersten Woche des neuen Jahres gestorben", sagt Radczuweit. Der Gründer des Berliner Vereins "Kontakte" weiß: Die Zeit drängt. Wer einst als Rotarmist gegen Hitlerdeutschland gekämpft hat, ist heute mehr als 90 Jahre alt.

Lange hatten Radczuweit und seine Mitstreiter für eine Entschädigung ehemaliger Sowjetsoldaten gestritten, die im Zweiten Weltkrieg in deutsche Gefangenschaft geraten waren. Als Deutschland im Jahr 2000 zehn Milliarden D-Mark für frühere Zwangsarbeiter bereitstellte, wurden Kriegsgefangene von Zahlungen ausgenommen: Kriegsgefangenschaft begründe keine Leistungsberechtigung, hieß es. "Man hatte fürchterliche Angst vor einem Präzedenzfall", sagt Radczuweit.

Im vorigen Jahr kam dann doch der Durchbruch: 70 Jahre nach Kriegsende sprach der Bundestag sowjetischen Kriegsgefangenen eine symbolische "Anerkennungsleistung" zu, magere 2500 Euro für den Gang durch die Hölle. Denn das war die deutsche Gefangenschaft für einen Sowjetsoldaten in aller Regel: Von rund 5,7 Millionen in Gefangenschaft geratenen Rotarmisten kamen bis zu drei Millionen dort ums Leben. Kriegsgefangene aus westlichen Ländern hatten weit bessere Chancen zu überleben, nur rund drei Prozent starben in den Lagern der Wehrmacht. "Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden nicht geschützt durch die Genfer Konvention, sie waren für die Nazis klassische Untermenschen, Feind Nummer 1 und wurden anders behandelt als Westalliierte", sagt Radczuweit. Bundespräsident Joachim Gauck sprach im vorigen Jahr von einem der größten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs – und von einem Erinnerungsschatten, der sich darüber gelegt habe.

Wohl niemand hat mehr dafür getan, diesen Schatten zu beseitigen, als Eberhard Radczuweit. Der 1941 geborene Sohn eines Wehrmachtsoldaten mit NSDAP-Parteibuch, dessen Vater im Jahr darauf an der Ostfront fiel, hatte 1990 den Berliner Verein "Kontakte" gegründet, um zur Aussöhnung zwischen West und Ost beizutragen. Weil sowjetische Kriegsgefangene bei der Zwangsarbeiter-Entschädigung leer ausgingen, begann der Verein 2003 damit, auf eigene Faust Wiedergutmachung zu leisten: 300 Euro – aus privaten Spenden – gingen seither an fast 8000 ehemalige Rotarmisten. Noch wichtiger waren für manchen Betroffenen die persönlichen Schreiben aus Deutschland, in denen der noch immer von Radczuweit geleitete Verein um Vergebung für das erlittene Unrecht bat.

Die Betroffenen in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion hatte der Verein mühsam aufgespürt, denn sowjetische Kriegsgefangene waren oft auch in ihrer Heimat als vermeintliche Verräter geächtet. "Die Verbände der Kriegsveteranen in Russland etwa haben sie lange nicht aufgenommen", sagt Radczuweit.

Als der Bundestag im vorigen Mai doch noch eine staatliche Entschädigung beschloss, gingen Radczuweit und seine Mitarbeiter ihre Karteien durch. "Wir haben aus unseren Listen 5000 Rotarmisten angeschrieben, von denen wir dachten, sie könnten noch leben." Die Enttäuschung ist Radczuweit anzumerken: Die meisten Rückmeldungen kamen von Kindern oder Enkeln – viele ehemalige Kriegsgefangene, die "Kontakte" vor ein paar Jahren noch aufgespürt hatte, sind inzwischen tot. Hunderte Adressen von noch lebenden, hochbetagten Anspruchsberechtigten konnte der Verein an das zuständige Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen (BADV) immerhin übergeben.

Dank dieser Vorarbeit wurden dort bis heute insgesamt 850 Antragsteller erfasst. 140 ausgefüllte Antragsformulare liegen der Behörde vor, erklärt Sprecherin Jaqueline Bessé. 23 Anträge sind erledigt, 22 wurden bewilligt. "Besonders zu erwähnen ist, dass in dem kurzen Zeitraum von Oktober 2015 bis heute bereits acht Auszahlungen erfolgen konnten", rechnet Bessé vor. "Dies trotz der teilweise sehr langen Postläufe in die Länder der ehemaligen Sowjetunion."

Für Eberhard Radczuweit geht das alles trotzdem viel zu langsam. Acht Zahlungen in drei Monaten, vier Tote in einer Woche allein in Armenien. "Die ganze Prozedur ist auf drei Jahre angelegt", sagt Radczuweit: "In dieser Zeit werden die meisten sowieso gestorben sein."