Integration in Südbaden

Wie vermittelt man Flüchtlingen Sitten und Gebräuche?

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Mi, 28. Dezember 2016 um 13:49 Uhr

Südwest

Helfer versuchen junge Flüchtlinge aufzuklären, wie sie sich hierzulande zu verhalten haben. Es mangelt aber an Integrationskursen, die praktische Tipps vermitteln.

Ein Reihenhaus irgendwo in Bad Krozingen. Kerzen brennen auf dem Tisch. Die Gastgeberin reicht Gebäck. Geli R. (50) will bei dem heiklen Thema, über das sie spricht, nicht ihren Namen öffentlich machen. "Besonders im Sommer ist es vorgekommen, dass unsere Töchter von afrikanischen jungen Männern angesprochen wurden", erzählt sie. "Manche waren aufdringlich und haben die Mädchen bis nach Hause verfolgt. Das hat mich beunruhigt." Auch andere Eltern hätten sich über solche Vorkommnisse beklagt. In Bad Krozingen liegt ein Flüchtlingsheim direkt neben Realschule und Gymnasium. Missfallen hat Geli R. auch, dass junge Afrikaner im Sommer bekleidet im Schwimmbad saßen und den Mädchen nachschauten. "Ich mag das nicht, wenn jemand nur zum Glotzen kommt."

Seit der Silvesternacht in Köln ist die Besorgnis groß

Gerade seit der Silvesternacht in Köln, als vor allem Männer aus Nordafrika Frauen sexuell angingen, und dem Mord an Maria L. in Freiburg ist die Besorgnis groß. Mehrfach belästigten in Freiburg Flüchtlinge Frauen. Kürzlich wurden zwei Männer aus Gambia deshalb festgenommen. Geli R. betont allerdings, dass ihre Töchter nie in eine solche Situation kamen. Die Männer hätten nur reden wollen, aber in aufdringlicher Weise.

Khathutshelo Muthivi, der lange Zeit Sozialarbeiter in einem Freiburger Flüchtlingsheim war, kennt die Problematik. "Viele Afrikaner haben keine Bleibeperspektive, deshalb suchen sie nach einer Frau, die sie heiraten können", sagt der gebürtige Südafrikaner, der zu diesem Thema ein Buch geschrieben hat. Hinzu komme, so Muthivi, dass viele der Flüchtlinge aus Gesellschaften stammten, in denen Frauen und Männer nicht gleichgestellt seien.

"Manche kapieren nicht, dass Frauen keine Objekte sind", sagt er. Und dann sind da noch die anderen Sitten im Umgang zwischen Männern und Frauen. "In Südafrika sagt man zum Beispiel, dass eine Frau Ja meint, wenn sie Nein sagt", erzählt Muthivi. Deshalb versuchten viele der jungen Männer so lange Druck zu machen, bis die Frau nachgibt und sich auf ein Rendezvous einlässt. So machten sie es in Afrika, so machen sie es hier.

Wer setzt Flüchtlingen auseinander, dass ein Nein zu respektieren ist?

Doch wie werden die Flüchtlinge darüber aufgeklärt, dass solches Verhalten in Deutschland auf Ablehnung stößt? Wer setzt ihnen auseinander, dass Männer und Frauen in Deutschland gleichberechtigt sind? Und ein Nein einer Frau zu respektieren ist? Bei einem "Praxisworkshop Integration" der Konrad-Adenauer-Stiftung in Karlsruhe bemängelte das Lehrpersonal an Volkshochschulen, dass Flüchtlinge in den Integrationskursen zwar die Sprache erlernten und über das politische System der Bundesrepublik aufgeklärt würden, praktische Verhaltenstipps aber nicht auf dem Programm stünden. Dem stimmt Sozialarbeiter Muthivi zu. "Man müsste denjenigen, die hier ankommen, erst einmal in ihrer Muttersprache erklären, wie diese Gesellschaft funktioniert und wie man sich benimmt", meint er. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das sehr viel bewirkt."

Bisher übernehmen diese Aufgabe Sozialarbeiter, Flüchtlingshelfer, Lehrerinnen und Lehrer, wenn sie den Eindruck gewinnen, Aufklärung tue not – einen festen Rahmen gibt es nicht. Vor allem Neuankömmlinge, die der Sprache nicht mächtig sind, bleiben oft wochenlang ohne Informationen über die deutsche Gesellschaft und ihre Regeln.

Wie eine solche Aufklärung laufen kann, zeigen die Kurse, die der Afghan-Verein in Freiburg anbietet – zusätzlich zu den offiziellen Sprachkursen. Sechs Schülerinnen und Schüler aus Afghanistan, China, Togo und dem Irak sprechen über deutsche Festtagsbräuche. Dann kommen sie auf die Rolle von Mann und Frau in Deutschland und in ihrer Heimat, auf die sexuelle Revolution der 60er-Jahre in Europa zu sprechen. Safi Baborie, gebürtiger Afghane und an der Hochschule Furtwangen tätig, fragt seine Schüler, was sie davon halten, wenn Frauen und Männer Händchen halten, sich auf der Straße küssen. "Bei uns in Afghanistan ist das nicht normal", sagt Lida (32). "Aber für mich ist das trotzdem ok." Ihr Landsmann Moussa (19) nickt. "Für mich auch. Aber manche Afghanen, die so etwas nicht gewöhnt sind, könnten das schon falsch verstehen und sich deshalb falsch verhalten."

Der kleine Verein hat nur etwa 30 Schülerinnen und Schüler

Schnell kommen die Schülerinnen und Schüler auf die Belästigungen von Silvester 2015 zu sprechen. Sami (33) schüttelt den Kopf: "Ich kann das nicht verstehen. Sie bekommen alles in Deutschland, eine Unterkunft, Schule, Essen und Trinken – und dann machen sie so was", sagt der Iraker. "Das hat uns allen geschadet." Rosaline (50) aus Togo ergänzt: "Wir Afrikaner, die gut als Ausländer zu erkennen sind, leiden besonders." Die Frau, die in Bötzingen lebt, erzählt von einem älteren Deutschen, der sie und ihren Sohn beschimpfte und seinen Hund auf sie losließ, bevor er ihn zurückpfiff. Sie und die anderen Schüler haben davon gehört, dass ein afghanischer Flüchtling Maria L. ermordet haben soll. "Ein Mensch, der so was tut, ist mir genauso fremd wie den Deutschen", sagt Lida. In Afghanistan hat sie Schlimmes erlebt, wie sie erzählt. Die islamistischen Taliban zwangen sie, mit 16 Jahren einen ihrer Kämpfer zu heiraten. Jahre später konnte sie zusammen mit Sohn und Bruder flüchten.

"Uns sind Gespräche und der kulturelle Austausch wichtig", sagt Baborie. "Wir versuchen durch Begegnungen mit Deutschen, gemeinsamen Feiern oder Sketchen den Flüchtlingen die hiesige Kultur begreifbar zu machen." Baborie gibt den Lehrerinnen zum Abschied einen Kuss auf die Wange, um die Flüchtlinge an solche Begegnungen zwischen Mann und Frau zu gewöhnen. Zugleich macht er klar, dass mehr nicht erlaubt ist. Doch der kleine Verein hat nur etwa 30 Schülerinnen und Schüler. Anderthalb Stunden pro Woche werden sie unterrichtet. Das ist wenig, bedenkt man, dass 3600 Flüchtlinge in Freiburg leben.

Alleine steht der Afghan-Verein jedoch nicht da. Viele andere freiwillige Helferinnen und Helfer engagieren sich, damit die Integration klappt. So Masoud Farhatyar, der einen Kunsthandwerkladen in Freiburg betreibt. Mit Handschlag begrüßt er Hodi (15), einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aus Afghanistan.

Ein Theaterstück über das Rollenverhalten

Hodi, der früher als Fliesenleger arbeitete, strahlt: "Masoud hat mir viel geholfen", erzählt der Junge, dessen Vater von Taliban erschossen wurde. Farhatyar bestätigt die Geschichte, die er nachrecherchiert hat. "Als ich mich in der Schule für ein Mädchen interessiert habe und die nichts von mir wissen wollte, hat Masoud mir geraten, sie in Ruhe zu lassen." War’s schwierig? "Schon", sagt er und lächelt verlegen. "Aber ich hab’s hinbekommen."

Auch in Bad Krozingen gibt es ähnliche Bemühungen. "Nach den Beschwerden über Belästigungen haben wir im Helferkreis sofort reagiert", erzählt die Studentin Theresa Ogando. "Wir haben mit den Männern ein Theaterstück zum Thema gemacht." Diese seien verwundert gewesen: "Wie sollen wir jemanden kennenlernen, wenn wir niemanden auf der Straße ansprechen dürfen?", so ihre Frage. Die Flüchtlingshelfer empfahlen, den Weg über Vereine zu suchen. Es mag am Winter liegen, vielleicht aber waren die Helfer erfolgreich: Die Bad Krozingerin Geli R. jedenfalls hat zuletzt kaum etwas von Belästigungen durch afrikanische Männer gehört. Viele von ihnen haben vermutlich auch nicht mehr viel Zeit, auf der Straße herumzuhängen. 80 Prozent von ihnen gehen inzwischen zur Schule oder einer Arbeit nach.

Mehr zum Thema: