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09. September 2013

Die Bildoberfläche scheint lebendig

Roderich Brandsch malt Formenwelt des Mikrokosmos mit Öl, Sand und Glaskügelchen / Ausstellung in Gundelfingen.

  1. Roderich Brandsch zeigt Formenwelt des Mikrokosmos / Ausstellung im Gundelfinger Rathaus Foto: Andrea Steinhart

GUNDELFINGEN. Mit dem Titel "Natürlich Anders II" ist eine Ausstellung überschrieben, die jüngst im Rathausfoyer eröffnet wurde. Die 43 Exponate von Roderich Brandsch aus Bad Krozingen zeigen Formenwelten des Mikrokosmos. Die Materialien der experimentellen wie originellen Malerei sind Öl, Sand und Glaskügelchen. Musikalisch umrahmt wurde die Vernissage von Dorothee Hecking-Neu an der Harfe.

Brandsch Bilder zeigen die Grundstrukturen von Zellformen, Zellstrukturen und Zellsysteme. "Die Bilder thematisieren Ereignisse des Werdens und des Vergehens mit all ihren Ambivalenzen möglicher Deutungen von Angst und Aggression bis zu einer heiteren geordneten Welt, manchmal mit ironischem Unterton", sagte Hans-Werner Drawin, der detailliert in die Ausstellung einführte. So macht der Künstler die nur unter dem Mikroskop sichtbaren Formen des Blutes in einem Blumenbild sichtbar: Ein weißer Blutkörper als gelber Kreis symbolisiert dabei das Blütenzentrum, die roten Blutkörper wurden zu Blütenblättern. Andere Bilder zeigen fantasievolle Motive – etwa eine spindelförmige Blumenwinde oder ein vierbeiniges Fabelwesen. Im Bild "Sägen am Paradiesbaum" scheint es, als ob feindliche Zellen an der schwächsten Stelle den Baum angreifen. In einem weiteren Gemälde, das keinen Titel trägt, wächst eine blaue quallenförmige Figur zu einem bedrohlichen Gebilde heran, das mit seinem zentralen Zellauge durchs All schwebt.

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Nur die wenigsten der Bilder sind betitelt. Alle sind mit Ölfarbe gemalt, die kleineren auf Pappe, die größeren auf Leinwand. Für die Strukturierung der Malflächen hat Brandsch eine eigene Mischtechnik entwickelt, die konventionelle Mittel wie Ölfarbe mit Materialien wie Ionenaustauscher, Glaskügelchen und Sand verbindet. Die sichtbaren Spuren des Spachtels und der starke Farbauftrag strukturieren die Bildoberfläche und verleihen ihr einen reliefartigen Charakter.

Stränge und Fäden aus Farbe

Stränge und Fäden aus Farbe begrenzen und verbinden die Formen untereinander. Es entstehen lebendige und veränderliche Oberflächen, so dass die Bilder die Sinne ansprechen und greifbar wirken. Das Licht spielt für die Rezeption der Bilder eine wichtige Rolle: Die aufgetragenen Glaskügelchen reflektieren das einfallende Licht und lassen einzelne Partien des Bildes aufleuchten, wodurch eine einzigartige Dynamik und Tiefe von Formen und Farben entsteht. Je nach Standpunkt des Betrachters ergeben sich überraschend neue Sichtweisen, die Bilder enthalten mehr als das, was das Auge auf den ersten Blick erkennt. "Bei einigen Bildern scheinen Bildstrukturen dadurch geradezu über der Malfläche zu schweben", sagte Drawin.

Ein Zugang zu den Bildern eröffnet sich, wenn man die berufliche Tätigkeit des Künstlers betrachtet. Geboren in Siebenbürgen, wuchs Roderich Brandsch in einer der Kunst zugewandten Familie auf. Der Vater war ein bekannter Siebenbürgener Maler. "Daher hatte ich schon als Kind großes Interesse an der Malerei", erzählte Roderich Brandsch am Rande der Vernissage. Er entschied sich jedoch für eine wissenschaftliche Laufbahn, studierte Biologie und promovierte über ein Thema der Zellbiologie. Am Institut für Biochemie und Molekularbiologie der medizinischen Fakultät der Universität Freiburg arbeitete er als Wissenschaftler der Biochemie der Zellen, habilitierte sich und emeritierte vor nicht allzu langer Zeit als Hochschullehrer.

Seinen künstlerischen Durchbruch erlebte Brandsch 1974 und 1975, während eines Aufenthalt am Roche Institute for Molecular Biology in Nutley, New Jersey/USA. Angeregt durch den Kontakt mit der New Yorker Kunstszene, von Minimal Art, New Realism und anderen zeitgenössischen Kunstströmungen, entwickelte er eine eigene Bildsprache zu einem individuellen Stil.

Hinweis: Die Ausstellung ist bis zum 2. Oktober zu den Öffnungszeiten des Rathauses montags bis donnerstags von 8 bis 16 und freitags von 8 bis 14 Uhr zu sehen.

Autor: Andrea Steinhart