Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

12. November 2008

Die Eichstetter Synagoge brannte am hellen Tag

Gedenkfeier zur gewaltsamen Zerstörung des jüdischen Gotteshauses vor 70 Jahren / 1717 waren die ersten Juden zugezogen

  1. Bei der Feier zum 70. Jahrestag der Zerstörung der Eichstetter Synagoge sprachen Pfarrerin Irene Hassler und der katholische Gemeindereferent Hans Baulig vor der Gedenktafel Gebete. Foto: mario schöneberg

EICHSTETTEN. In Eichstetten brannte am 10. November 1938, am Tag nach der so genannten Reichskristallnacht die örtliche Synagoge. Am Montagabend gedachten mehr als einhundert Menschen am Ort des Geschehens der Eichstetter Juden und deren Vertreibung. "Der Brand der Synagogen und die Vertreibung der jüdischen Familien scheint heute lange her", betonte Bürgermeister Michael Bruder, nachdem der örtliche Posaunenchor die Gedenkfeier eröffnet hatte. "Umso wichtiger ist es daher, dass auch spätere Generationen noch der Opfer von damals gedenken. Es war eine dunkle Zeit, auch in der Geschichte unseres Dorfes", erklärte das Gemeindeoberhaupt. Er rief dazu auf, heute mutig gegen Diskriminierung von Menschen anderer Hautfarbe, Nationalität oder Glaubens vorzugehen.

Später beteten die gut hundert Anwesenden gemeinsam mit der evangelischen Pfarrerin Irene Hassler und dem katholischen Gemeindereferenten Hans Baulig für die Opfer von damals. 110 Jahre lang stand in Eichstetten eine Synagoge, blickte Ursula Kügele vom Arbeitskreis jüdische Geschichte auf das jüdische Leben im Dorf zurück. Begonnen habe alles 1717, als der Markgraf von Baden- Durlach als damaliger Landesherr es sechs jüdischen Familien gestattete, nach Eichstetten zu ziehen. Es seien so genannte Schutzjuden gewesen, erläuterte Kügele. Sie hatten für ihr Bleiberecht ein jährliches Schutzgeld zu entrichten. Um 1800 waren es dann schon 140 Juden, die im rund 2000 Einwohner zählenden Eichstetten lebten. Ihren Betsaal hatten sie in einem Privathaus.

Werbung


1809 erließ der badische Großherzog ein Toleranzpatent, was den Juden die staatsbürgerliche Gleichstellung brachte. Dies sei aber nicht mit der bürgerlichen Gleichstellung von 1862 zu verwechseln, betonte Kügele. Aber die Juden hatten nun in Baden das Recht auf einen erblichen Nachnamen, für die Kinder bestand Schulpflicht und sie bekamen eine kirchenähnliche Struktur. 1809 wurde dann auch gleich ein jüdischer Friedhof in Eichstetten angelegt. Und es entstand der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus. Doch der Widerstand im Dorf sei stark gewesen, erläuterte Kügele. Niemand wollte hierzu sein Grundstück verkaufen. Erst 1828 war es ein Bürger aus Nimburg, der seinen Obstgarten am unteren Altweg an die mittlerweile 200 Menschen zählende jüdische Gemeinde verkaufte. Noch im selben Jahr soll die im klassizistischen Stil gehaltene Synagoge fertiggestellt worden sein. Aus dem Folgejahr seien Schmierereien mit Geißen- und Menschenkot aktenkundig, berichtete Kügele. Bald darauf wurde zudem eine Mikwe, ein rituelles Tauchbad, angebaut.

In den Folgejahren verlief das Leben der Juden in Eichstetten weitestgehend friedlich. 1864 war mit 427 Juden und einem Bevölkerungsanteil von über 15 Prozent das mitgliederstärkste Jahr der Gemeinde. Die Synagoge wurde in den Jahren 1879 und 1920 renoviert. "Die Eich-stetter Juden lebten vom Handel, waren Lehrer oder Metzger und arbeiteten in der Papierfabrik", erinnerte Rudolf Stein anschließend an die Zeit bis 1933. Damals gab es noch 91 Menschen jüdischen Glaubens im Dorf. Der Kontakt zur übrigen Bevölkerung sei nur noch verstohlen möglich gewesen. Bis dann 1938 SS-Mannen aus Freiburg kamen, um die Synagoge anzuzünden. Der Sprit hierfür wurde bei örtlichen Handwerkern erworben, berichtete Stein, der sich ebenfalls im Arbeitskreis jüdische Geschichte engagiert.

Die Feuerwehr durfte seinerzeit nicht eingreifen, sie beschützte einzig die Nachbargebäude. Einen Tag später wurden zudem das rituelle Bad zerschlagen und der Leichenwagen verbrannt. Außerdem mussten die noch in Eichstetten lebenden Juden mit 900 Reichsmark für die Feuerwehrrechnung aufkommen. Ein großer Teil der Männer wurde in Konzentrationslager abtransportiert.

Autor: Mario Schöneberg