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20. Juli 2012

Strommarkt

Die Gasturbine macht eine Sommerpause

Die Stromerzeugung wäre aktuell ein Verlustgeschäft / Das üppige Stromangebot im Großhandel verdirbt die Preise.

FREIBURG. Seit April schon steht die Gasturbine im Freiburger Wärmeverbundkraftwerk (WVK) still. Und daran wird sich vor Oktober auch nichts ändern. So müssen die Betreiber damit leben, 120 Millionen Kilowattstunden Strom weniger zu erzeugen. Das bedeutet Umsatzeinbußen in sechsstelliger Höhe.

Der einfache Grund: Der Verkauf des Stroms lohnt sich derzeit nicht, unter anderem weil die erneuerbaren Energien für ein üppiges Stromangebot sorgen. Die Versorgung der Rhodia mit Heißdampf und der Betrieb der Dampfturbine des WVK gehen jedoch weiter, da hier die Dampflieferung für die Kalkulation entscheidend ist. Auch das Badenova-Gaskraftwerk bei der Firma Roche in Grenzach-Wyhlen läuft noch, weil der Strom hier überwiegend in der Produktion von Roche direkt verbraucht wird. Damit kann man anders rechnen.

Dass die Gasturbine im Verbundkraftwerk derzeit unrentabel ist, scheint paradox, wo doch Strommarktexperten das Erdgas als die ideale Übergangsenergie des Atomausstiegs betrachten. Doch die Anlage hat ein Problem, das für Gaskraftwerke eher untypisch ist: Die Technik ist auf jährlich 7500 bis 8000 Betriebsstunden ausgelegt – also auf einen Rund-um-die-Uhr-Betrieb. Solche Grundlastkraftwerke werden in Zukunft immer weniger gebraucht, weil Sonne und Wind zeitweise die Komplettversorgung übernehmen. Die Grundlast bezeichnet die Belastung eines Stromnetzes, die während eines Tages nicht unterschritten wird. Stattdessen sind Kraftwerke gefragt, deren Erzeugung sich von einer Stunde auf die nächste an den Bedarf anpassen lässt.

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Der Einfuhrpreis für Erdgas ist seit 2009 kräftig gestiegen

Entsprechend läuft ein durchschnittliches Erdgaskraftwerk in Deutschland nur rund 3000 Stunden im Jahr. Doch wie die Betreibergesellschaft des WVK auf Anfrage mitteilt, könne ihre Gasturbine "nicht uneingeschränkt flexibel angefahren oder abgestellt werden, schon gar nicht stundenweise im Laufe eines Tages".

Damit ist es der Anlage verwehrt, die Stromerzeugung nur auf die hochpreisigen Zeiten zu beschränken. Und die Erzeugung von Grundlast macht wenig Freude, weil der Großhandelspreis für Grundlaststrom aktuell sehr niedrig ist: Mit 48 Euro pro Megawattstunde liegen die Preise am Strommarkt für die kommenden zwei Jahre auf dem niedrigsten Stand seit Jahren, was ein Indiz dafür ist, dass es an Strom nicht mangelt. Hinzu kommt, dass die Betreiber des Gaskraftwerks – Badenova, Rhodia und die Erdgas-Beteiligungsgesellschaft Süd – derzeit teuer Gas einkaufen müssen. Das betrifft auch andere Marktakteure: Nach Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen ist der Einfuhrpreis für Erdgas seit Sommer 2009 um 50 Prozent gestiegen. "Wir bezahlen für das Gas aktuell einen Preis, den wir durch den erzeugten Strom nicht erlösen können", sagt Badenova-Sprecher Roland Weis. Jede erzeugte Kilowattstunde brächte also Verlust.

Mitverantwortlich für die Entwicklung sind die niedrigen Preise im Schadstoff-Emissionshandel: Da der Ausstoß einer Tonne klimabelastendes Kohlendioxid derzeit nur acht Euro kostet, haben die Stromerzeuger kaum einen Anreiz, von der klimaschädlichen Braunkohle auf das klimaschonendere Erdgas umzustellen. Entsprechend wird nun viel Kohle verbrannt.

Ab Oktober werde sich die Situation für das Freiburger Gaskraftwerk wohl wieder verbessern, sagt Weis, weil dann günstigere Verträge für den Gaseinkauf greifen. Zudem liegen die Preise am Strommarkt im Winterhalbjahr höher. Doch schon im nächsten Sommer könnte die Situation wieder ähnlich sein.

Nun hofft die Betreibergesellschaft des WVK auf die Politik: Es müssten neue Bedingungen geschaffen werden, damit Gaskraftwerke in Zukunft wirtschaftlich betrieben werden können. Eine Möglichkeit seien Kapazitätsmärkte: Energieversorger bekämen eine Prämie dafür, dass sie Kraftwerke bereithalten, auch wenn diese keinen Strom liefern – ähnlich einer Feuerwehr, die auch bezahlt wird, wenn sie nicht zum Einsatz gerufen wird. Die Politik diskutiert über solche Marktmodelle, doch das Thema ist komplex: "Eine kurzfristige Lösung sehen wir nicht", heißt es beim WVK. Und der Badenova-Sprecher weist dann auch darauf hin, dass es das natürlich nicht umsonst geben kann: "Eine Kapazitätsprämie würde natürlich auf den Strompreis umgelegt."

Autor: Bernward Janzing