Preisverleihung

Die Grammys zelebrieren eine Nacht der Frauen

Johannes Schmitt-Tegge

Von Johannes Schmitt-Tegge (dpa)

Mo, 11. Februar 2019 um 14:38 Uhr

Rock & Pop

Bei der Grammy-Verleihung in Los Angeles gehen zwei der vier Hauptpreise an Musikerinnen. Aber nicht nur das trägt den neuen Kraftverhältnissen in den Popcharts Rechnung.

Die Verleihung der Grammys, des wichtigsten Preises der Musikindustrie hat die neuen Verhältnisse in der Branche dokumentiert. Erstens: R&B und all seine hybriden Ausformungen sind der neue Pop. Childish Gambinos politisch aufgeladenes Stück "This is America" wurde zum Song des Jahres gekürt. Erstmals hat damit ein Rapper die Königsdisziplin gewonnen. Zweitens: Country ist der neue Rock. Die Sängerin Kacey Musgraves gewann vier Grammys, darunter den für das beste Album. Drittens: Die Grammys werden weiblicher.

Als Michelle Obama am Sonntag in Los Angeles die Bühne betritt – drei Minuten nach Beginn der Verleihung – ist klar: Diese Gala für den wichtigsten Musikpreis der Welt steht im Zeichen der Frau. Die Feier steht für Frauen, die sich in der von Männern beherrschten Musikindustrie durchsetzen. Für Frauen, die trotz ungleicher Chancen für ihre Musik kämpfen, aber auch für diejenigen, die es in dem oft gnadenlosen Geschäft nicht schaffen.

Eine stärkere Symbolfigur als die ehemalige First Lady hätte es kaum geben können. Obama erinnert an all die "Who Run the World"-Songs – ein Verweis auf den gleichnamigen Song von Pop-Königin Beyoncé, den Männer durchaus als Kampfansage verstehen können. Neben Michelle Obama stehen Lady Gaga, Jada Pinkett Smith und Jennifer Lopez, nachdem Gastgeberin Alicia Keys dieses Quartett als "meine Schwestern" vorgestellt und auf die Bühne geholt hat.

Es war ein langer Weg bis hierhin, und das Ziel ist noch längst nicht erreicht: Von 2013 bis 2018 waren 91 Prozent der Nominierten bei den Grammys männlich, wie die University of Southern California herausfand. Vor allem hinter den Kulissen herrscht Ungleichheit: Die nominierten Produzenten, Toningenieure und Songschreiber sind größtenteils Männer. Eine neue Initiative der Recording Academy soll helfen, hier mehr Frauen zu fördern.

Am Sonntag scheint sich das Blatt endlich gewendet zu haben. Zwei der vier Hauptpreise gehen an Frauen. Kacey Musgraves holt mit "Golden Hour" die Trophäe für das beste Album, Dua Lipa wird beste neue Künstlerin. Cardi B gewinnt mit "Invasion of Privacy" als erste weibliche Solo-Künstlerin den Grammy für das beste Rap-Album, H.E.R. gewinnt ihre ersten beiden Grammys. Zu den ausgezeichneten Männern zählen Beck (Bestes Alternative-Album), Greta Van Vleet (Bestes Rockalbum) und Willie Nelson für das beste traditionelle Popgesangsalbum.

Ein Jahr ist es her, dass – wie in Vorjahren – die große Mehrzahl der Preise an Männer oder von Männern geführte Bands gingen und Männer auch viel häufiger auf der Bühne zu sehen waren als Frauen. Die Gala der 61. Verleihung war nun eine überfällige 180-Grad-Wende: Männliche Stars wie Shawn Mendes, Travis Scott und Rapper Post Malone samt der Red Hot Chilli Peppers wirken wie eingestreut. Quer durch die musikalischen Genres beherrschen Frauen den Abend. Da ist Janelle Monáe, die mit ihrem Moonwalk zu "Make Me Feel" den Saal elektrisiert. Da ist Ariana Grande, die nach einem Streit über Planungen ihren Auftritt absagte, aus dem Off aber trotzdem Fotos von sich im Abendkleid postet und dann den ersten Grammy ihrer Karriere gewinnt.

Nachdem zum Auftakt die ehemalige First Lady der Politik auf der Bühne stand, folgen bald die First Lady des R&B (Diana Ross) und die First Lady des Country (Dolly Parton). Über Genres und Generationen hinweg soll die Botschaft starker Frauen greifen, als Parton (73) ihre Hits mit Katy Perry (34), Kacey Musgraves (30) und Miley Cyrus (26) singt.

Am besten fasst Cardi B zusammen, wie die Musikindustrie mit Frauen umgeht. Trotz ihrer Schwangerschaft habe sie "Invasion of Privacy" schnell fertigstellen müssen, sagt sie. Es habe geheißen: "Wir müssen dieses Album abschließen, damit wir die Videos drehen können, während man den Bauch noch nicht sieht."