Die Melodie der Gedichte

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Do, 04. Januar 2018

Literatur & Vorträge

BZ-PORTRÄT: Der in Freiburg lebende Pavel Polian und sein Buch "Ossip Mandelstams letzte Jahre".

Es war im Jahr 1969 an der Universität in Moskau: Da verliebte sich Pavel Polian in die Gedichte von Ossip Mandelstam. So schildert er es in seinem Buch "Ossip Mandelstams letzte Jahre". Es ist im Herbst unter seinem Pseudonym Pavel Nerler auf Deutsch erschienen. Beim Beginn seiner Leidenschaft war Pavel Polian ein junger Geographie-Student. Inzwischen ist er ein unermüdlicher Autor und lebt überwiegend in Freiburg. Er hat unzählige Bücher und Aufsätze geschrieben, vor allem als Geograph, Historiker und Migrationsforscher. In Russland hat er gute Kontakte zu Verlagen, auf Deutsch gibt es bisher nur einen kleinen Teil seiner Werke.

Dass Pavel Polian, 1952 in Moskau geboren, als Jude einst überhaupt einen Studienplatz bekommen hatte, war keineswegs selbstverständlich: Er brauchte dafür überdurchschnittliche Prüfungsergebnisse. Das war Teil des strukturellen Antisemitismus, der den sowjetischen Alltag prägte. Auch Ossip Mandelstam war Jude, vor allem aber wagte er es, den Diktator Josef Stalin zu kritisieren. Sein berühmtes "Stalin-Epigramm" führte 1934 zu seiner Verbannung. Als er dieses Gedicht zum ersten Mal gelesen habe, habe er sich unwillkürlich umgeschaut, ob ihn jemand beobachtet, schreibt Pavel Polian in seinem Buch über Mandelstams letzte Jahre. Dieses Gedicht hat Polian nicht mehr losgelassen. Es war für ihn das Symbol für die Sehnsucht der russischen Intellektuellen nach Freiheit. Er schwärmt von der "inneren Melodie" von Mandelstams Gedichten, vom Mut und von der Begabung des Dichters, der 1938 als Gefangener in einem sowjetischen Lager starb.

Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit dem großen Lyriker. Er hat nicht nur dessen Witwe Nadeschda Jakowlena Mandelstam kennengelernt und oft getroffen, sondern auch etliche andere Menschen, die ihn kannten. Und er hat die Mandelstam-Gesellschaft mitgegründet. So wurde aus dem vielseitigen Pavel Polian auch noch ein Literaturwissenschaftler. Mitte der 70er Jahre legte er sich für seine literaturwissenschaftlichen Veröffentlichungen das Pseudonym Pavel Nerler zu – aus politischen Gründen.

Seine historische Herangehensweise kommt ihm bei Ossip Mandelstam zugute: In seinem neuen Buch hat Polian Mandelstams Lagerzeit und seine Verhörprotokolle erforscht. Als nächstes plant er eine umfassende Biographie. Wie dick die dann wohl wird? Schon über Mandelstams letzte Jahre hat Pavel Polian mehr als 300 Seiten geschrieben. Er hat einen eigenen Schreibstil, blumiger und emotionaler als die in Deutschland vorherrschende trockene Wissenschaftssprache. "Diese Freiheit nehme ich mir", sagt er.

Pavel Polian lebt seit 1991 in Freiburg. Damals war er mit seiner Frau und dem 14-jährigen Sohn durch ein Humboldt-Stipendium ans Institut für Kulturgeographie der Freiburger Universität gekommen. Geplant war ein Aufenthalt von zwei Jahren, doch dann schloss sich die Familie den vielen jüdischen Emigranten an, die sich zu der Zeit in Deutschland niederließen. Polians Sohn ist inzwischen Informatik-Professor in Stuttgart.

Die Themen gehen ihm nie aus

Pavel Polians Themen sind vielfältig. In Moskau begann er, die Schicksale von sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern zu erforschen, die Opfer von zwei Diktaturen wurden: erst im Nationalsozialismus und dann als "Vaterlandsverräter" in der Sowjetunion. Später war er im NS-Dokumentationszentrum in Köln an einem Projekt über Zwangsarbeit beteiligt. Irgendwann stieß er auf eine Liste von Mitgliedern des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau. Das waren überwiegend jüdische Häftlinge, die Hilfsdienste beim Massenmord leisten mussten. Einige vergruben Aufzeichnungen für die Nachwelt im Boden. Zu ihnen gehört der griechische Jude Marcel Nadjari, der überlebte und 1971 mit 53 Jahren starb. Im Oktober 1980 fand ein Student bei Grabungen sein Manuskript. Die 13 Seiten seines Textes waren kaum mehr entzifferbar.

Pavel Polian gelang es, die Scans des Manuskripts mit dem jungen IT-Spezialisten Aleksandr Nikitjaev so zu bearbeiten, dass 90 statt der ursprünglichen zehn Prozent lesbar sind. Jetzt müsste es schnell vorangehen, um auch andere Texte der Mitglieder des Sonderkommandos zu erschließen, fordert Polian. Das ist eines seiner Projekte. Klar ist, dass ihm die Themen nie ausgehen werden: egal ob er in Freiburg ist oder in Moskau, wo er regelmäßig für einige Wochen bei alten Freunden wohnt, in Archive geht und im Kontakt mit Verlagen ist.

Pavel Nerler: Ossip Mandelstams letzte Jahre. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2017. 360 Seiten, 49,90 Euro.