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04. Februar 2012

Die Photovoltaik braucht Förderung

BZ-GASTBEITRAG: Eicke R. Weber plädiert dafür, dieser Art der Stromgewinnung günstige Investitionsmittel zur Verfügung zu stellen.

Die Ernte der Sonnenenergie, die direkte Umwandlung in elektrische Energie durch die Photovoltaik (PV), ist in die Kritik geraten, ausgelöst durch erfreuliche Zahlen des Zubaus im vergangenen Jahr. Die unerwartet rasche Senkung der Herstellungskosten und der Preise macht diese Technik beliebt: Ende 2009 war weltweit eine Leistung von 20 000 Megawatt installiert, also 20 Gigawatt (GW). Als 2010 weitere 17 GW dazu kamen, davon 7 GW in Deutschland, hat der Zubau die insgesamt installierte Leistung in einem Jahr fast verdoppelt. Selbst Optimisten hatten nicht damit gerechnet, dass dieser Rekord 2011 wesentlich verbessert würde: ein weltweiter Zubau von 26 GW, davon 7,5 GW in Deutschland, was die global installierte Leistung auf etwa 63 GW bringt. Das entspricht der Stromproduktion von etwa 15 Kernkraftwerken.

Wir können also beobachten, dass die rasch sinkenden Preise für PV einen weltweiten Erdrutsch auszulösen beginnen: In Indien kann Solarstrom von neuen Großanlagen heute bereits für weniger als 10 Dollar ct/kWh angeboten werden, entsprechend etwa 7,50 Euro ct/kWh! Deutschland hat nur etwa die halbe Sonneneinstrahlung, entsprechend sind die Preise doppelt so hoch. Bei einem Strompreis in Deutschland von etwa 23 ct/kWh zeigt dies, dass wir die Netzparität bereits deutlich unterschritten haben. Angesichts dieser Erfolgsmeldungen erscheint die von Wirtschaftsminister Rösler anheizte Diskussion um eine Deckelung des Zubaus bei uns bei mageren 1 GW wie eine Geisterdiskussion: Während die Welt dabei ist, die Schleusen für die Photovoltaik zu öffnen, soll das Land, das bisher die Spitzenstellung in der Entwicklung dieser Technik hatte, der Welt zeigen, dass es nicht mehr an die Bedeutung dieser Form der regenerativen Stromgewinnung glaubt. Ich möchte dies mit der Forderung vergleichen, auf Autobahnen Tempo 30 einzuführen. Die Wirkung auf die deutsche Automobilindustrie im Außenraum wäre ähnlich wie dieser Vorschlag für die deutsche PV-Industrie, besonders die zur Zeit weltweit führenden Maschinen- und Anlagenbauer.

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Zum China-Argument: Die modernsten, großen PV-Produktionsanlagen stehen in China, zu einem Großteil ausgerüstet mit Anlagen aus deutscher Produktion. Daher stammt zurzeit ein wesentlicher Teil der Neuanlagen bei uns aus Südostasien. Die abgesenkten Einspeisetarife zwingen die Kunden, auch chinesische Module bei uns zu installieren, um eine interessante Rendite zu erwirtschaften. Die PV-Produktionslinien in Deutschland sind kleiner und älter, teurer. Da Lohnkosten nur einen kleinen Teil der Produktionskosten ausmachen, wären neu in Deutschland aufgebaute Linien im GW-Maßstab konkurrenzfähig. Dafür brauchte man Milliarden von Euro an zinsgünstigen Investitionsmitteln. Unsere Banken bieten dies nicht an. Um eine konkurrenzfähige Produktion in Europa zu halten, bedarf es einer systematischen Industriepolitik in Brüssel, die zinsgünstige Investitionsmittel garantiert.

Auf der anderen Seite kann man leicht zeigen, dass von 1000 Euro für ein in Deutschland installiertes PV-System mit chinesischen Modulen mehr als 600 Euro im Land bleiben, für die Anlagenbauer, die Hersteller der Wechselrichter, sowie die Installateure. Es gibt noch eine andere Rechnung, die nachdenklich macht: Die zur Zeit gültige Einspeisevergütung von 3,59 ct/kWh für die erneuerbaren Energien, die Teil unseres Strompreises ist, wurde Ende 2009, zurzeit des Ausstiegs aus der Kernenergie, berechnet: 2 ct/kWh sollten für Wind, 1,5 ct/kWh für Solarenergie sein. Auf diesen damals überraschend hohen Anteil der Solarenergie kam man, weil man für 2010 und 2011 von Zubau von je 9,5 GW ausging – astronomische Werte! Basierend auf den damaligen Zahlen könnte man 2012 noch einmal 4 GW zubauen, ohne die EEG-Umlage zu erhöhen. Inzwischen ernten wir von der Sonne halb so viel Strom wie vom Wind, so dass das Argument, die Solarenergie sei deutlich überfördert, nicht mehr der Realität entspricht.

Es stimmt allerdings, dass die Solarenergie beginnt, die Profite der Stromkonzerne zu senken: Die Sonne scheint im Sommer zur Spitzenzeit des Stromverbrauchs. Früher war zu dieser Zeit der Spitzenstrom besonders teuer, nützlich für die Stromkonzerne. Wenn dieser lukrative Spitzenstrom von der Sonne dezentral den Haushalten eingespeist wird, geht den Konzernen ein wichtiger Teil ihrer Profite verloren. Daher ist es nicht verwunderlich, dass wir zurzeit so viele negative Nachrichten über diese überaus erfolgreiche Technologie hören.

– Der Autor ist Direktor des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme in Freiburg.

Autor: eiw