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08. März 2012

Die Suche nach den Wurzeln

In der Medienwerkstatt "Märchen-Welt-Reise" erforschen Kinder Geschichten aus der ganzen Welt.

  1. Jana Hell (9) liest ihr Märchen vor – Milena Vogt unterstützt. Foto: eggstein

LANDWASSER. Wann ist der erste Schwan auf der Welt aufgetaucht? Warum stecken Esel gerne ihre Köpfe zusammen? Das erzählen Märchen aus Montenegro und Eritrea – und auch Alisa Heymann (8) aus der Klasse 3 c und Deyanit Tesfamariam (9) aus der 4 b der Adolf-Reichwein-Grundschule in Weingarten. Sie haben diese Geschichten bei einem "Märchen-Weltreise-Café" in der Albert-Schweitzer-Grundschule vorgelesen. So wie andere Kinder, die auch nach Geschichten suchten – aus den alten Heimatländern ihrer Eltern.

Märchen? Da dachte Deyanit bis vor kurzem vor allem an die Brüder Grimm. Ihre Mutter hatte ihr immer aus deutschen Kinderbüchern vorgelesen, die sie selbst am besten kennt. Doch dann fingen beide an, nach Märchen aus Eritrea zu suchen, dem Land, aus dem Deyanits Mutter als Dreijährige nach Deutschland kam und in dem Deyanit oft zu Besuch ist.

Die zwei machten sich auf die Suche, als Deyanit in die interkulturelle Medienwerkstatt "Märchen-Welt-Reise" ging. Die Kulturpädagogin Milena Vogt und die aus Russland stammende Medienpädagogin und Informatikerin Elena Khramtsova bieten sie mit knapp 10 000 Euro Unterstützung vom städtischen Projekt "Bildungsregion Freiburg" an drei Grundschulen an: An der Adolf-Reichwein-, der Albert-Schweitzer- und der Lortzing-Grundschule (in Brühl-Beurbarung), inzwischen in der zweiten Runde.

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An zehn Nachmittagen tragen dort Kinder und Eltern – als Gäste mit dabei oder von daheim aus – mit den zwei Pädagoginnen Märchen aus ihren Ländern zusammen. Dazu suchen sie im Internet passende Fotos von Bergen, Bäumen, Landschaften und malen mit Computerprogrammen Königinnen, Schlösser, Esel. So entstehen, was Deyanit, Alisa und die anderen Kinder beim Märchen-Café präsentiert haben: Bewegliche Computerbilder als Illustration zu den Märchen, die von den Kindern vorgelesen werden.

Alisas Mutter hat eine Geschichte aus ihrer alten Heimat Montenegro ausgesucht, in der ein schwarzer Vogel traurig ist, weil er auch so weiß sein möchte wie die weiße Schneelandschaft um ihn herum. Die Mutter der Schneeflocken deckt ihn mit ihren Flocken zu – und so wurde aus ihm der allererste Schwan. Deyanits Mutter fiel zuerst nichts ein. Aber sie begann einfach, von Eritrea zu erzählen: Immer wieder tauchten dabei Esel auf, weil die dort eine wichtige Rolle spielen. Und irgendwann fand sich die Geschichte vom "Botschafter-Esel", der die Esel aus ihrer Tyrannei bei den Menschen befreien soll. Darum stecken Esel, wenn sie sich treffen, ihre Köpfe zusammen und fragen sich, wo der Botschafter-Esel nur bleibt.

Überall gibt’s spannende Geschichten, das beweisen auch Beispiele aus Sri Lanka, Argentinien, Italien. Oder Jana Hell (9) aus der 3 a der Lortzingschule, deren Eltern aus Deutschland stammen. Statt irgendein deutsches Märchen auszusuchen, hat sich Jana lieber selbst eines ausgedacht: "Der geheimnisvolle Speicher" ist die Geschichte von zwei Kindern, die auf dem Speicher über ein geheimnisvolles Mädchen stolpern, das sie mit auf einen Bauernhof nimmt.

Damit die Märchen nicht verlorengehen, sollen sie in einem Buch gesammelt werden – digital und auf Papier. Dafür fehlt noch die Finanzierung, genau wie für weitere Runden der Medienwerkstatt. Ein Erfolg ist sie aber jetzt schon, bilanzieren Milena Vogt und Elena Khramtsova: Weil es gelungen ist, Eltern mit Migrationshintergrund in engeren Kontakt zu den Schulen ihrer Kinder zu bringen. Und vor allem, weil Kinder und Eltern dabei gestärkt werden, stolz auf ihre Kultur und ihre Wurzeln zu sein.

Autor: Anja Bochtler