Graphic Novel

Die tragische Geschichte der "Superman"-Erfinder

Jürgen Schickinger

Von Jürgen Schickinger

Mo, 09. Juli 2018 um 19:30 Uhr

Literatur & Vorträge

Jerry Siegel erfand die "Superman"-Saga; Joe Shuster zeichnet sie. Die tragische Geschichte des Duos erzählt Julian Volojs in der Graphic Novel "Joe Shuster – Vater der Superhelden".

Im Kino verabschieden sich Joe und Jerry 1948 endgültig von ihrem Kind. Auf der Leinwand erreicht ein Baby vom Planeten Krypton die Erde. Es wächst als Clark Kent auf, entdeckt an sich übernatürliche Kräfte und wird zu Superman. Seine Väter sind die Amerikaner Jerry Siegel und Joe Shuster. Sie haben sich den Entstehungsmythos ausgedacht – und die legendäre Comicfigur. Zum ersten Mal tritt sie 1938 auf. Zehn Jahre später tauchen nirgendwo im Spielfilm die Namen Siegel und Shuster auf. Nicht ein Cent der Einnahmen geht an sie. Selbst auf die Gestaltung und Besetzung hatten beide keinen Einfluss.

Die "Action Comics 1" erzielen Höchstpreise

"Superman gehörte uns nicht mehr", trauert Schuster in der schönen Comicbiographie "Joe Shuster – Vater der Superhelden". Ihn erwarten Jahre der Armut, während andere mit "Superman" Millionen scheffeln. Der erste Superheld markiert einen Meilenstein der Populärkultur, die Geburt eines neuen Genres. Besonders in Comics und im Kino feiert es bis heute Riesenerfolge. Davor dominierten Exotik, Historisches und Zukunftsfantasien die Populärkultur. "Superman" spielt in einer amerikanischen Großstadt der Jetztzeit – in der Normalität. Trotzdem hat er überirdische Kräfte. Er setzt sie mitten unter uns ein – nur zum Guten.

Siegel erfindet die "Superman"-Saga; Shuster zeichnet sie. Die erste Folge erscheint im April vor 80 Jahren in "Action Comics 1". Eine Sensation! 100 Tageszeitungen übernehmen die Strips. Ab 1941 laufen "Superman"-Trickfilme im Kino. 1942 hat der Comicheld Radiopremiere. Vom Gewinn fallen nur läppische Summen für Siegel und Shuster ab: Aus Not und Unerfahrenheit haben sie ganz zu Anfang alle Rechte an "Superman" abgetreten – für 130 Dollar. "Wir können euch jederzeit ersetzen", drohen die Verleger schon 1939, als das Duo höhere Anteile fordert. 1948 wollen sich Siegel und Schuster vor Gericht die Rechte an ihrer Schöpfung zurückholen. Sie unterliegen und werden gefeuert.

Auto Julian Voloj stellt Shuster in den Mittelpunkt seiner Biographie, weil er unerwartet auf Briefe von ihm stieß. Shuster, 1914 in Toronto geboren, und Siegel sind Söhne jüdischer Immigranten aus Osteuropa. Als Jugendliche lernen sie sich im US-amerikanischen Cleveland kennen. Es folgen frühe Rückschläge mit "Superman", Liebe, Intrigen, Erfolg und Nachahmungen: Im Sog von "Superman" entstehen zahlreiche Superhelden wie Batman. Leider lässt Voloj Namen und Nebenfiguren teils ohne Erklärung aufblitzen. Er übernimmt sich etwa dabei, auch unternehmerische, politische und gesellschaftliche Hintergründe zu schildern. Geschick hat der Autor, der in Münster zur Welt kam, aber in New York lebt, mit der Wahl des Zeichners bewiesen. Voloj wollte einen Look, der "an das Amerika des Edward Hopper erinnert". Den trifft der Italiener Thomas Campi mit seinen weichen, nostalgisch-warmen Aquarellen bestens. Sie erinnern an alte Zeitschriftenillustrationen.

Nach dem "Superman"-Prozess durchlebt Shuster Jahre der Armut und Scham. Er verdingt sich heimlich als Zeichner von Bondage-Heften und Horror-Comics. Zeitweise haust er in den Straßen New Yorks, weil er seinem Bruder nicht zur Last fallen möchte. Erst 1975 ändert sich seine Lage: Der öffentlich Druck auf die Verleger wächst. Die wollen im Vorfeld eines neuen "Superman"-Films schlechte Publicity vermeiden. Sie willigen ein, Siegel und Shuster fortan als Schöpfer zu nennen und gewähren beiden eine Minirente. Shuster, der 1992 stirbt, wäre besser gefahren, hätte er ein paar Exemplare von "Action Comics 1" aufgehoben. Schon zu seinen Lebzeiten zahlen Sammler horrende Summen. 2014 erzielt das wertvollste Comicheft der Welt bei einer Onlineauktion einen Preis von 3,2 Millionen Dollar.

Julian Voloj, Thomas Campi: Joe Shuster – Vater der Superhelden. Aus dem Englischen von Julian Voloj. Carlsen Verlag Hamburg, 2018. 176 Seiten, 19,99 Euro.