Waches Auge für die Zeichen der Natur

Dietmar Galli beobachtet seit 25 Jahren für den DWD die Pflanzenentwicklung am Kaiserstuhl

Agnes Pohrt

Von Agnes Pohrt

Fr, 18. Januar 2019 um 18:01 Uhr

Vogtsburg

Seit 25 Jahren liefert der Kaiserstühler Dietmar Galli als phänologischer Beobachter seine Daten an den Deutschen Wetterdienst. Dafür wurde er ausgezeichnet.

VOGTSBURG-OBERROTWEIL. Woher wissen Meteorologen, wann welche Pollen fliegen? Und wie können sie Landwirte beraten, wann sie ihre Pflanzen aussähen sollen? Ohne die rund 1200 ehrenamtlichen phänologischen Beobachter wären in Deutschland solche Prognosen nicht möglich. Der Oberrotweiler Dietmar Galli liefert seit 25 Jahren seine Beobachtungen aus dem Kaiserstuhl an den Deutschen Wetterdienst (DWD). Dafür wurde er jetzt ausgezeichnet.

"Phänologie ist die Lehre vom Einfluss der Witterung und des Klimas auf den jahreszeitlichen Entwicklungsgang der Pflanzen", informiert Dr. Harald Maier, der die Abteilung Agrarmeteorologie des DWD in Weihenstephan leitet und für die phänologischen Beobachter in Bayern und Baden-Württemberg zuständig ist. Diese Wissenschaft analysiert regelmäßige Beobachtungen der Entwicklung von wildwachsenden und landwirtschaftlichen Kulturpflanzen.

Die ersten Schneeglöckchen blühen schon
Seit 1993 dokumentiert Dietmar Galli fast täglich die Veränderungen der Pflanzenwelt im Raum Vogtsburg. Am Kaiserstuhl hat die Vegetationsperiode noch nicht richtig begonnen, aber im Rheinwald hat er schon am 2. Januar die ersten Beobachtungen im Tagebuch vermerkt. An einem Haselstrauch erkannte er Anzeichen für die Blüte, auch ein blühendes Schneeglöckchen hat er gefunden. Diese beiden Pflanzen besucht er nun regelmäßig, um jeden Schritt ihrer Entwicklung festzuhalten. Wann endet die Blüte, wann beginnt an einem Baum der Austrieb, wann die Blattentfaltung und wann startet ein Baum mit dem Stäuben – phänologische Beobachtungen sind detailliert. Jede Veränderung meldet Galli am Telefon dem DWD. Manchmal ruft er täglich an, manchmal nur einmal pro Woche – je nachdem, welche Fortschritte er an seinen Beobachtungsobjekten feststellt.

In der Phänologie wird ein Jahr in zehn Jahreszeiten mit jeweils drei Unterjahreszeiten eingeteilt. Es gibt den Vor-, den Erst- und den Vollfrühling oder den Früh-, den Voll- und den Spätherbst. Wenn die Vegetationsperiode im Winter endet, füllt Galli die Bögen für das jährlichen phänologische Sofortmeldeprogramm aus. Ungefähr 147 Entwicklungsdaten an 45 Pflanzenarten werden regelmäßig beobachtet. Dafür stellt der DWD den ehrenamtlichen Beobachtern eine Anleitung zur Verfügung. Das Kompendium ändert sich immer wieder. Manche Pflanzen fallen raus, weil sich die Bedingungen so verändert haben, dass sie aus einem Gebiet verschwunden sind. Andere kommen hinzu – auch eingewanderte Arten wie das indische Springkraut.

Galli schaut nur selten in die Anleitung. " Nach 25 Jahren kenne ich fast alles", sagt er. Langweilig wird ihm sein Ehrenamt aber nicht. "Ich liebe meine Heimat über alles", betont der mittlerweile 77-jährige Kaiserstühler, der mit dem DWD schon länger als 25 Jahre verbunden ist. 1982 bis Ende der 1990er Jahre betreute er in seinem Garten eine Wetterstation. "Um 7.30, um 19.30 und um 22.30 Uhr habe ich Temperatur und Regenmenge gemessen und Wolkenarten vermerkt", erzählt er. Dann sei die Wetterstation am Kaiserstuhl abgebaut worden. Galli bedauert dies. Früher sei der Kaiserstuhl die wärmste Region Deutschlands gewesen. Rekordverdächtig ist seine Heimat aber immer noch. "Wenn ich beim DWD anrufe, wird mir oft gesagt, dass ich der Erste bin, der eine bestimmte Pflanze gemeldet hat", erzählt er.

Galli interessiert sich auch für die Tierwelt. Mit Sorge beobachtet der frühere Winzer und Obstbauer, dass immer mehr der kaiserstuhltypischen Obstbäume verschwinden und damit auch eine Nahrungsgrundlage für Insekten und Vögel. Noch mehr sorgt ihn, dass sich die Abschaltung maroden Atomreaktors Fessenheim immer weiter hinauszögert. Galli engagierte sich schon im Widerstand gegen das geplante Atomkraftwerk Wyhl.

"Die phänologischen Beobachtungen sind wichtige Zeitgeber in meteorologischen und landwirtschaftlichen Modellen, zum Beispiel bei der Berechnung des Gefahrenpotenzials von Pilzkrankheiten oder für die Ertragsprognose", erklärt Wissenschaftler Maier. Im Zusammenhang mit dem Klimawandel sei die Phänologie längst zu einem internationalen Forschungsgegenstand geworden. So sei auch die Beobachtungsstelle von Dietmar Galli Bestandteil des internationalen phänologischen Netzwerks.

Klimawandel auch am Kaiserstuhl
Gallis Beobachtungen zeigen, dass der Klimawandel auch am Kaiserstuhl in vollem Gange ist. "Alles ist früher", sagt er. An den Mandelbäumen bei der WG Oberrotweil hat sogar schon erste Blütenansätze entdeckt. Die phänologische Doppeluhr für den Kaiserstuhl, die Maier seinem Mitarbeiter zum 25. Dienstjubiläum geschenkt hat, bestätigt die Feststellung. Auf der Uhr werden die Klimareferenzperioden von 1961 bis 1999 und 1991 bis 2017 verglichen. Demnach beginnt der Frühling am Kaiserstuhl 14 Tage eher als vor 60 Jahren, der Winter ist entsprechend kürzer. In ganz Baden-Württemberg sei eine Verfrühung feststellbar, sagt Maier.

Zudem bekam Galli die Wetterdienstmedaille des Bundesverkehrministers Andreas Scheuer. Wegen seines fortgeschrittenen Alters hatte Galli schon überlegt, das Ehrenamt abzugeben. Er entschied sich anders. Darüber ist der Meteorologe Maier froh. Menschen wie Dietmar Galli, die mit Liebe zur Natur und einer guten Beobachtungsgabe jahrzehntelang gewissenhaft die Flora in ihrer Region überwachen, seien für den nationalen Wetterdienst unverzichtbar.