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03. August 2012

Syrien

Dschihadisten gefährden Revolution

Die Zahl der Dschihadisten in Syrien steigt kontinuierlich. Das stellt die eigentlichen Rebellen zunehmend vor Probleme – und spielt Staatschef Baschar al-Assad in die Karten.

  1. Eine Gruppe Dschihadisten trainiert im Juli dieses Jahres in der Nähe von Aleppo. Sie wollen in Syrien einen sunnitischen Gottesstaat errichten. Foto: AFP

TRIPOLI. Die Zahl der Dschihadisten in Syrien steigt kontinuierlich. Das stellt die eigentlichen Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) zunehmend vor Probleme – und spielt Staatschef Baschar al-Assad in die Karten.

Ende Juli 2012. Eindringlich schallt der Gebetsruf des Muezzins durch die engen Gassen von Bab al-Tabbaneh. Das Stadtviertel gehört zu den ärmsten von Tripoli. Fast alle Häuser sind mit Einschusslöchern übersät, die in den letzten Monaten mit den schwarz-weiß-grünen Bannern der syrischen Revolution überklebt worden sind. Es ist nach 12 Uhr. Bis zum Mittagsgebet sind es noch 30 Minuten. Dennoch ist die Nasri-Moschee bereits gut gefüllt. Unter den Gläubigen am Eingang stehen vier Männer, die stämmiger und größer als die libanesischen Muslime sind.

Ein zwangloses Gespräch mit den vier Männern auf Arabisch und Englisch scheitert. Ob wir türkisch oder russisch sprächen, radebrecht der Gruppenälteste. Wir einigen uns auf russisch und erfahren, dass die Vier aus dem nordkaukasischen Dagestan kommen und von Tripoli aus nach Syrien wollen. "Woina Dschihad", erklärt einer der Islamkämpfer mit ernster Miene. Woina ist das russische Wort für Krieg. Auch in Tschetschenien und im Irak habe er schon an Gefechten teilgenommen.

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Mehr erfahren wir nicht. Ein libanesischer Geistlicher gibt uns zu verstehen, dass wir unerwünscht sind. Dabei ist es in Bab al-Tabbaneh schon längst kein Geheimnis mehr, dass die lokalen salafistischen Prediger den Kampf gegen den "gottlosen" Assad logistisch unterstützen. "Wir schicken den Aufständischen Waffen und gute Kämpfer", gibt später ein Mitarbeiter von Bilal Dikmak zu. Der prominente Salafistenscheich unterhält enge Kontakte zu al-Qaida. Die schwarzen Fahnen des Terrornetzwerkes sind auch in Tripoli nicht zu übersehen.

Die nord-libanesische Hafenstadt ist eine von mindestens drei logistischen Basen für die den Aufstand in Syrien unterstützenden Dschihad-Kämpfer. Der Weg nach Syrien, klagt der Mitarbeiter des Scheichs, sei gefährlich, weil die Regierung in Beirut noch immer "die Verbrecher in Damaskus" unterstütze. Die meisten Kämpfer gingen daher über das südtürkische Antakiya oder das jordanische Irbid nach Syrien. Dort erhielten sie leichte Waffen und Munition. Die amerikanische Regierung versuchte unlängst den Einfluss der selbst ernannten Gotteskämpfer in Syrien herunterzuspielen. Nach der Entführung des holländischen Journalisten Jeroen Oerlemans durch eine Gruppe von Dschihadisten in Nord-Syrien dürfte man die Gefährdung der Revolution durch al-Qaida, so westliche Beobachter in Beirut, aber nicht mehr auf die leichte Schulter nehmen.

Oerlemans hatte während seiner einwöchigen Geiselhaft Pakistaner kennengelernt, die "englisch mit Birmingham-Akzent" sprachen. Der Holländer konnte Somalis, Tschetschenen, Jemeniten und Ägypter bei Schießübungen beobachten. Er habe keinen einzigen Syrer gesehen, sagte der Journalist nach seiner Befreiung durch syrische Aufständische.

Die amerikanische Webseite Stratfor for Global Intelligence sieht in ihrer letzten Syrien-Analyse Saudi-Arabien als Hauptsponsor der salafistischen Hardliner. Das Regime in Riad versuche mit der Finanzierung der Dschihadisten den Einfluss der von der Türkei unterstützten syrischen Muslimbruderschaft zu begrenzen. Sie dominiert den oppositionellen Syrischen Nationalrat (SNC) und stellt auch die meisten Kommandeure der Freien Syrischen Armee (FSA), die von den Dschihad-Kämpfern offenbar systematisch unterwandert wird. Westliche Journalisten in Syrien beschreiben die Dschihadisten als zielstrebiger, brutaler und vor allem besser ausgebildet als die regulären FSA-Kämpfer. Es sei ihnen gelungen, zahlreiche Syrer, die unzufrieden mit der Kriegsführung der FSA gewesen seien, anzuwerben, berichtet ein Guardian-Mitarbeiter. So habe die FSA eine syrische Militärbasis wochenlang erfolglos belagert, bis Al-Qaida-Kämpfer mit einem Lastwagen voller Sprengstoff die Stellung binnen Stunden erobert hätten.

In befreiten Gebieten kommt es zu Kämpfen unter Rebellen

Derartige Erfolge werden auch im Internet dokumentiert. Auf dutzenden von Videofilmen sieht man die Dschihad-Kämpfer mit dem schwarzen Stirnband im "gerechten Gotteskampf", zu dem auch das Enthaupten von mutmaßlichen Assad-Anhängern mit Kettensägen gehört. Mehr als 6000 Dschihadisten, schätzen westliche Beobachter in Beirut, kämpfen bereits in Syrien. Russische Militärexperten gehen sogar von 50 000 ausländischen Terroristen aus. Sicher ist, dass die Zahl der Dschihadisten in Syrien stetig steigt und die reguläre FSA große Schwierigkeiten haben wird, die Ausländer in Schach zu halten. "Wir haben es mit einer unerwünschten Dimension zu tun, die andere Ziele als wir verfolgen", betont ein Sprecher der FSA. Die Dschihadisten wollen einen sunnitischen Gottesstaat. Die regulären FSA-Truppen kämpfen eigenen Angaben zufolge für ein demokratisches Syrien. Wegen der unterschiedlichen Ausrichtungen kommt es in den befreiten Gebieten Syriens zu Kämpfen unter den Aufständischen.

Für das Assad-Regime sind die Dschihadisten eine wichtige Waffe im Propagandakrieg. Täglich zeigt das Staatsfernsehen gefangene Tunesier, Libyer, Ägypter und Jemeniten, die mit blaugeschwollenen Augen zugeben, Teil einer internationalen Verschwörung gegen das arabische Syrien zu sein. Diese These propagiert das Regime in Damaskus bereits seit dem Beginn des Aufstandes vor 17 Monaten, als ausschließlich Syrer auf die Straße gingen. "Wir demonstrieren friedlich", sagte uns Hassan al Schami am libanesisch-syrischen Grenzübergang. "Nun müssen wir damit rechnen, dass uns die Revolution von Fremden gestohlen wird."

Autor: Michael Wrase