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20. März 2014

Dunkle Ecken, grüne Idylle

Eine Gruppe Frauen erkundete auf Einladung der "Unabhängigen Frauen" den Stühlinger per Rad.

  1. Vom Stühlinger Kirchplatz startete die Frauen-Radtour durch den Stadtteil. Foto: Rita Eggstein

STÜHLINGER. Wie lebt es sich in verschiedenen Stadtteilen? Und vor allem: Wie leben Frauen dort? Unter dem Motto "Besser wohnen – schöner leben" wollen die "Unabhängigen Frauen" mit kleinen Radtouren verschiedene Quartiere testen. Los ging’s im Stühlinger.

Was stört hier? "Dunkle Ecken", sagt Monika Rubsamen (52). Seit 1992 lebt sie im Stühlinger, "und zwar gern", betont sie. Doch wenn es dunkel wird, findet sie manche Orte unheimlich. Vor allem der Stühlinger Kirchplatz bräuchte deutlich bessere Beleuchtung, findet auch Daniela Ullrich, die Vorsitzende des Bürgervereins Stühlinger. Dort, am Stühlinger Kirchplatz, startet die kleine Radtour mit zwölf Frauen. Tagsüber ist die Atmosphäre hier so, wie sie für den gesamten Stadtteil typisch ist: bunt gemischt. Und so soll es bleiben, steht für Daniela Ullrich fest: "Niemand soll vertrieben werden!" Das gelte auch und besonders für die Treffpunkte, an denen sich Menschen mit Alkohol- und anderen Drogenproblemen und Wohnungslose versammeln. Rund 80 Prozent von ihnen seien Männer.

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Eindeutig verschlimmert hätten sich im Stühlinger die Probleme mit zu viel Autoverkehr und Lärm, findet Monika Rubsamen. Sie wohnt bei der Egonstraße, dort würden Tempobegrenzungen nicht beachtet. Durch das neue Rathaus beim jetzigen Technischen Rathaus an der Fehrenbachallee werde der Verkehr weiter zunehmen. Ihre Forderung: "Die Autos sollten am Stadtrand parken und nicht in die Stadt fahren, sonst ist das keine Green City."

Und doch: Im Stühlinger ist’s schön, finden alle, als sie später durch den grünen Eschholzpark und das idyllische Metzgergrün-Viertel radeln, vorbei an Häuschen und Gärten, die wie aus einer versunkenen Zeit wirken. Besonders beachtlich: "Hier leben sehr verschiedene Menschen, und die meisten kennen und unterstützen sich", sagt Ursula Grässlin, die ab 1994 als erste Frau Vorsitzende des Bürgervereins Stühlinger war. Das soll so bleiben, wünschten sich die Metzgergrün-Bewohnerinnen und -Bewohner, sagt Marion Trischler, die Quartiersarbeiterin im "Quartiersladen" an der Ferdinand-Weiß-Straße. Eine Bewohnerinitiative kämpft für die Zukunft der Häuschen aus den 1950ern, die bieten, was es in Freiburg kaum noch gibt: bezahlbare Wohnungen. Das brauchen speziell viele Frauen, denen jetzt oder künftig Altersarmut droht.

Zwischendrin geht’s dann noch zu einem Ort, der alte Klischees wieder einmal neu bestärkt: Müssen sich immer noch vorrangig Frauen für Kinder und Familie zuständig fühlen? Tatsächlich sind im "Familienzentrum" an der Klarastraße Männer nach wie vor klar in der Minderheit, erzählt dessen Geschäftsführerin Uta Linß. Sie tauchen höchstens in extra für sie eingerichteten "Papa-Gruppen" auf. Die Radtour-Teilnehmerinnen nehmen begeistert und betroffen Anteil am vielfältigen Alltag des Familienzentrums und dessen drängendem Problem: Bereits seit 2005 läuft vergeblich die Suche nach neuen Räumen. Derzeit gibt’s 155 Quadratmeter, nötig wären 300 bis 400 Quadratmeter und eine Außenfläche. Wichtig: der neue Ort muss im Stühlinger sein, denn die Haupt-Finanzierungsquelle des Familienzentrums sind die Flohmärkte auf dem Stühlinger Kirchplatz, die zwei Mal im Jahr stattfinden und jeweils zwischen 8000 und 10 000 Euro einbringen. Kurz gab’s Hoffnung, dass es im neuen Rathaus Räume geben könnte, erzählt Uta Linß, doch das hat sich völlig zerschlagen. Dort seien nur rund 30 Quadratmeter für die Arbeit von Ehrenamtlichen eingeplant. Auch auf die "Mobile"-Räume am Hauptbahnhof hatte das Familienzentrum gesetzt, doch da habe nach aktuellem Stand ein städtischer Kindergarten bessere Chancen. Und warum bemüht sich das Familienzentrum eigentlich nicht um mehr Finanzierung für die viele ehrenamtliche Arbeit? Auf diese Frage einer der Besucherinnen gibt Uta Linß eine klare Antwort: Es fehlt schlicht die Zeit, um aufwändige Finanzierungsanträge zu stellen.

Autor: Anja Bochtler