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24. Juli 2017

"Unterstützung durch die Gemeinden ist leider nicht die Regel"

Um die Kindertagespflege und den Wunsch nach mehr Wertschätzung geht es in Ebringen in einem Gespräch mit Bundestagskandidaten.

  1. Sie wollen die Kindertagespflege stärken (von links): Christina Metke, Matern von Marschall, Kerstin Andreae, Petra Mißbach, Rainer Mosbach, Julien Bender, Jessica Gräber und Isabel Wichmann. Foto: Wolf-Wilhelm Adam

EBRINGEN. "Die Kindertagespflege durch Tagesmütter und Tagesväter ist ein für uns nicht mehr wegzudenkendes Gut." Diese Worte des Ebringer Bürgermeisters Rainer Mosbach unterstreichen klar und eindeutig, dass Ebringen hinter seinen Tagesmüttern steht. Und das sind keine leeren Worte. Denn in Ebringen werden die Tagesmütter zusätzlich zu den Vergütungen durch das Land mit einem Euro pro Stunde entlohnt und die zweite Hälfte der Sozialversicherungsbeiträge übernommen. Hinzu kommt noch, dass äußerst bürokratielos kleinere Rechnungen für Neuanschaffungen von der Gemeinde übernommen werden.

Ganz uneigennützig ist das nicht, denn zwei Tagesmütter decken quasi eine Kindergartengruppe ab, die, wenn sie neu geschaffen werden müsse, nach Aussage des Bürgermeisters mit einer halben Million Euro zu Buche schlagen würde.

"Diese Unterstützung durch die Gemeinden ist leider trotzdem nicht die Regel", wie Christina Metke, Vorsitzende des Landesverbandes Kindertagespflege im Gespräch mit den Bundestagskandidaten Kerstin Andreae (Bündnis 90/Die Grünen), Matern von Marschall (CDU) und Julien Bender (SPD) betont. Ins Haus von Tagesmutter Petra Mißbach hatte der Verband die Kandidaten eingeladen, um ihnen die Forderungen des Verbandes mit nach Berlin zu geben. Denn es gibt einige Aspekte, die das wichtige Gut der Tagesmütter und Tagesväter gefährden.

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Schon heute ist es so, dass zwar 1000 Tagesmütter pro Jahr neu hinzukommen, aber deutlich über 1000 pro Jahr auch wieder wegfallen. Gründe hierfür kann Petra Mißbach viele aufzählen: "Wenn man am Ende des Monats unter Einnahmen und Ausgaben einen Strich zieht, bleibt nicht mal der Mindestlohn übrig." Darüber hinaus wartet sie oftmals bis zu acht Monate auf die Zahlungen des Landes, was sich ein "normal Arbeitender nicht mal im Traum vorstellen könnte." Sachkosten für Spielzeug in jeglicher Form, Bastel- und Malutensilien oder ähnliches müssten, wenn die Gemeinde hier nicht unterstützen würde, von dieser geringen Entlohnung zusätzlich aufgebracht werden.

Trotzdem möchte Petra Mißbach die Arbeit mit den Kindern nicht missen. Als gelernte Erzieherin hat sie sich aktiv dafür entschieden, aus dem normalen Kindergartenalltag auf die Kindertagespflege umzusteigen. Und trotz der vielen finanziellen Nachteile hat sie es bis heute nicht bereut. Für die maximal fünf Kinder, die sie gleichzeitig betreuen darf, sind der riesige Garten, das gemeinsame Backen, Kochen und Essen und die sehr persönliche und familiäre Betreuung Dinge, die ein normaler Kindergarten nicht leisten könnte. Dabei betont Christina Metke, dass es zwischen den verschiedenen Einrichtungen zum Glück kein Konkurrenzdenken mehr gäbe. "Das war früher anders. Heute arbeiten wir mit den Vertretern der städtischen und kirchlichen Einrichtungen eng zusammen." Die Kindertagespflege sei eben eine gleichwertige aber nicht gleichartige Einrichtung.

Warum nun ein Gespräch mit den Bundestagsabgeordneten und Kandidaten, wo Kinderbetreuung doch Landessache ist? "Der Bund kann mit seiner Entscheidungsbefugnis viel für den Erhalt der Kindertagespflege tun. So ist die erste Forderung des Landesverbandes die Anerkennung des Berufsbildes Kindertagespflege. Bislang kann sich jeder "Tagesmutter oder Tagesvater" nennen und dementsprechend sind auch die laufenden Geldleistungen und die Qualifizierung äußerst unterschiedlich. Mit einer Verankerung des Berufsbildes im Sozialgesetzbuch könnte hier für alle Tagesmütter und -väter auch eine deutlich höhere Wertschätzung geschaffen werden. Die Aufgabe liegt klar in den Händen des Bundes. Die zweite Forderung ist die Beibehaltung der Sonderregelung zur Kranken- und Pflegeversicherung für Tagespflegepersonen mit geringem Einkommen. Wenn, wie aktueller Stand der Dinge ist, die Sonderregelung zum 31.Dezember 2018 ausläuft, fallen aufgrund der dann deutlich höheren fälligen Abgaben möglicherweise ein Drittel der Tagesmütter und Tagesväter weg. "Die Mütter und Väter haben regelrechte Panik vor diesem über ihnen schwebenden Damoklesschwert", betont Christina Metke.

Die dritte Forderung, die die drei Politiker mit auf den Weg bekamen, war die Erhöhung der Betriebskostenpauschale für Tagespflegepersonen, die seit neun Jahren nicht mehr angepasst wurde. Hier sei dringender Handlungsbedarf geboten.

Von Matern, Andreae und Bender nahmen die Forderungen ernst und wollten sehen, was sie tun können. "Ein Anruf bei ihren Kollegen vom Land kann durchaus auch schon viel helfen und unterstützen", gab Christina Metke den Dreien mit einem Augenzwinkern mit auf den Weg.

Autor: Wolf-Wilhelm Adam