"Die Verfolgung traf ja nicht nur Juden"

Victoria Langelott

Von Victoria Langelott

Di, 13. November 2018

Efringen-Kirchen

BZ-INTERVIEW mit Bürgermeister Philipp Schmid über Stolpersteine, die Hermann-Burte-Frage und die Weiterführung der Gedenkwoche.

EFRINGEN-KIRCHEN. Die Gedenkwoche zur Erinnerung an die furchtbaren Geschehnisse und Grausamkeiten gegen jüdische Mitbürger in der Reichspogromnacht vor 80 Jahren umfasste in Efringen-Kirchen mehrere aufschlussreiche Veranstaltungen, die gut besucht waren. Victoria Langelott hat Bürgermeister Philipp Schmid nach einer Bilanz und einer möglichen Wieder-Auflage 2019 gefragt.

BZ: Herr Schmid, die Gedenkwoche war facettenreich, lehrreich, wie haben Sie diese erlebt?
Philipp Schmid: Ich habe die Woche als informativ und bereichernd erlebt. Ich bin Roy Paraiso und seinen Mitstreitern sehr dankbar für die Organisation und die Durchführung.

BZ: Sie selbst hatten eine Führung über den jüdischen Friedhof beigesteuert. Man merkt, es ist ein Thema, das Ihnen wichtig ist. Gibt es einen persönlichen Grund dafür, hatten oder haben Sie jüdische Verwandte?
Schmid: In der Tat habe ich teilweise jüdische Vorfahren. Zudem hatte meine Familie immer einen sehr engen persönlichen Kontakt zu einer jüdischen Familie in Basel. Das hat mich schon mitgeprägt. Insbesondere, da es in meiner Familie auch durchaus starke Befürworter und Anhänger des Nationalsozialismus gab. Insofern habe ich in der eigenen Familie diesen Zwiespalt erlebt, den viele deutsche Familien erfahren haben. Gerade hieraus ist aber mein Interesse an der Materie entstanden.

BZ: Ein Thema der Woche war ja die Namensverwendung von "Hermann Burte". Was ist Ihre Position dazu? Halle, Straße umbenennen oder nicht? Mit Zusatzschild versehen? Lassen, wie es ist?
Schmid: Hermann Burte ist in der Tat problematisch. Er steht in seiner Existenz nahezu beispielhaft für diesen oben angeführten Zwiespalt im Umgang mit der Ideologie des Nationalsozialismus. Wir sollten uns seiner Person daher sowohl im Guten als auch im Schlechten erinnern. Kein Mensch ist völlig eindimensional. Ein jeder von uns hat Facetten und Ecken und Kanten, schönere und deutlich hässlichere Seiten. Das sollte man bei allen moralisierenden Bewertungen insbesondere aus der Sicht der Nachgeborenen beachten. Burte ist als pars pro toto für die politischen und charakterlichen Verfehlungen der damaligen Gesellschaft zu sehen und daher wäre ein "Auslöschen" seines Namens völlig kontraproduktiv. Über erklärende Zusätze an Schildern oder an der Halle sollte man sich aber durchaus unterhalten können, allerdings ohne hieraus gleich eine ideologische Grundsatzdiskussion machen zu müssen.

BZ: Sie haben bei einer der Veranstaltungen während der Gedenkwoche schon gesagt, es solle nächstes Jahr wieder eine solche geben. Gäbe es denn genug neue Themen dafür?
Schmid: Ich würde mir durchaus wünschen, aus dieser einmaligen Reihe eine eventuell regelmäßige Veranstaltung zum interreligiösen und politischen Austausch zu machen. Über den Turnus könnte man sich ja immer noch Gedanken machen. Ich bin hierzu auch schon von Bürgern aus Lörrach und der Regio angesprochen worden. Themen haben wir da sicher mehr als genug. Da wird uns auch in absehbarerer Zeit der Diskussionsbedarf wohl nicht ausgehen.

BZ: In einem Leserbrief regt ein Leser Stolpersteine in Efringen-Kirchen an. Was halten Sie davon?

Schmid: Sollte sich eine breite Mehrheit im Gemeinderat für die Installation von "Stolpersteinen" finden, so wäre dies umzusetzen. Ich sehe ganz persönlich die sogenannten Stolpersteine als Mittel zur Erinnerung sehr kritisch. Auf den Namen dieser unglückseligen Menschen sprichwörtlich noch "herumzutrampeln" ist weit ab von dem, wie ich mir Erinnerung und Mahnung vorstelle. Zudem verengen diese Steine den Blick auf das Ganze: Die nationalsozialistische Verfolgung betraf ja nicht nur Juden. Die Opfer unter den Behinderten, den Oppositionellen und allem was nicht "rasserein" oder "volksschädlich" war, müssten dann ebenso berücksichtigt werden. Die Nazis verfolgten eine umfassende und radikale Ausmerzung aller Formen des Andersseins, um letztendlich einen "neuen Menschentyp" zu erschaffen. Erinnerung und Mahnung brauchen daher einen anderen Ansatz: Aufklärung, Information und breiten offenen Diskurs über totalitäre Ideologien. Dieser Diskurs muss sich auch in alle Richtungen bewegen dürfen, denn die Schaffung des "neuen Menschen" ist ja beileibe kein Alleinstellungsmerkmal des Nationalsozialismus.

Zur Person: Philipp Schmid (50), geboren in Rheinfelden, aufgewachsen in Grenzach-Wyhlen und studierter Jurist, ist seit Februar 2015 Bürgermeister von Efringen-Kirchen.