Erst gut integriert, dann verfolgt

Yvonne Siemann

Von Yvonne Siemann

Sa, 10. November 2018

Efringen-Kirchen

Axel Huettner zeichnet das Schicksal der Kirchener Familien Bloch und Moses nach / Heute leben wieder drei jüdische Familien im Ort.

EFRINGEN-KIRCHEN. Die Schicksale der Familien Bloch und Moses stehen beispielhaft für die Judenverfolgung im Nationalsozialismus: Einst gut ins Dorfleben in Kirchen integriert, wurde ihre Existenz zerstört. Einigen von ihnen gelangen Flucht und Auswanderung, andere wurden deportiert und umgebracht. Aufgearbeitet hat ihre Geschichte Pfarrer i.R. Axel Huettner. Um die 40 Personen lauschten seinen spannenden Ausführungen im Schulzentrum, einige hatten auch schon die anderen Veranstaltungen der Gedenkwoche zur Reichspogromnacht besucht.

Wie Huettner berichtete, wurden 1736 vier jüdische Familien aus dem Schweizer Zwingen ausgewiesen. Sie wurden in Kirchen sogenannte Schutzbürger, was aber für sie nicht kostenlos war. Viele der Kirchener Juden waren Vieh- oder Weinhändler, andere Weber und Wirte. 1865 kam die rechtliche Gleichstellung der Juden: Viele junge Erwachsene gingen nun an die Universitäten. Der Gründer des örtlichen Fußballvereins war Jude, viele von ihnen machten in der Feuerwehr und im Gesangverein mit, die Frauen waren im Frauenverein. 1870 zählte die jüdische Bevölkerung die Rekordzahl von 192 Personen, ungefähr ein Fünftel der Dorfbevölkerung. Später zogen viele von ihnen in Städte.  Die Kirchener Juden hatten eine eigene Synagoge, ein rituelles Taufbad und eine Schule für den Religionsunterricht. Huettner zeigte Bilder einer typischen kleinen Landsynagoge orthodoxer Prägung. Ab 1865 gab es auch einen Friedhof.

In der Reichspogromnacht 1938 wurde auch die Kirchener Synagoge geplündert. Durch französischen Artilleriebeschuss beschädigt, wurde sie später ganz abgetragen. Die männlichen Juden Kirchens wurden einige Wochen in Dachau interniert und merkten spätestens da, dass sie ihr Eigentum zu Spottpreisen verhökern und eine Reichsfluchtsteuer zahlen mussten, wenn sie emigrieren wollten.  Diese Ereignisse spiegeln sich auch in den Biographien von Mitgliedern der  Familien Bloch und Moses wieder, die Huettner recherchiert hat.

Alexander Bloch, geboren 1877, studierte Medizin und wurde Oberstabsarzt im Ersten Weltkrieg. Später praktizierte er in Balingen. Als nach 1933 Nazis dazu aufriefen, Juden zu boykottieren, geriet er immer mehr in Bedrängnis und entschloss sich 1937 schweren Herzens, in die Schweiz zu gehen. Die damaligen Gesetze erlaubten ihm dort aber nicht, als Arzt zu praktizieren. Er starb 1955 zurückgezogen in Riehen.

Sein Bruder Veist Bloch, einer der reichsten Kirchener, engagierte sich im Vereinsleben, meldete sich 1914 mit 41 Jahren als Kriegsfreiwilliger und wurde dafür noch 1935 ausgezeichnet. Doch der Boykott die jüdischen Geschäfte traf auch ihn. Mit seiner Frau Berta ging er in die USA, wo ihre Kinder Alice und Jakob wohnten. Er starb 1941, seine Frau 1956. Schwiegersohn Ludwig Alfred Rosenberg besuchte Efringen-Kirchen auf Einladung der Ortsverwaltung später ebenso wie sein Sohn Victor Rosenberg.  

Nathan Moses wurde 1886 als unehelicher Sohn von Karoline Moses geboren und wohnte bei verschiedenen Verwandten, bis er in Ettenheim Abitur machte. Er wurde Rechtsanwalt und war begeistert von der zionistischen Idee: am 6. Zionistenkongress in Basel 1903 hörte er noch Herzl. Mit seiner Frau Betty gründete er in Karlsruhe eine Art Reisebüro für Juden, die nach Palästina auswandern wollten. Das Tragische daran war, dass er anderen bei der Auswanderung den Vortritt ließ. 1940 wurde er mit seiner Familie nach Gurs deportiert. Seine Töchter Hanna und Susanne konnten nach Genf fliehen, die über 90-jährige Hanna lebt heute noch in Bremgarten. Nathan selbst starb vor Kriegsende in einem Marseiller Krankenhaus, Betty wurde 1944 in Auschwitz ermordet.

Nach diesem traurigen Ende der Kirchener jüdischen Gemeinde wusste Huettner jedoch zu berichten, dass heute wieder drei jüdische Familien im Ort wohnen.   Da zwei Zeitzeugen kurzfristig abgesagt hatten, wurde ein Film über die Reichspogromnacht mit Interviewausschnitten auch von Kirchener Bürgern gezeigt. Organisator Roy Paraiso betonte nochmals, wie wichtig es sei, sich zur Vorbeugung von Populismus mit diesen Themen zu beschäftigen, nicht zuletzt weil es immer weniger Zeitzeugen gibt. Daher sei es besonders wichtig, die jungen Leute zu erreichen. Weitere Veranstaltungen sind daher geplant.

Mitglieder der alevitischen Gemeinde Weil am Rhein umrahmten musikalisch. Die Aleviten sind eine Glaubensrichtung, die in der Türkei etwa 15 Prozent der Bevölkerung stellt und ebenfalls immer wieder verfolgt worden ist. Zum Schluss sangen alle angeleitet von Moderator Stefan Hoffmann von der Chrischona-Gemeinde ein Lied von dem von den Nazis ermordeten Dietrich Bonhoeffer: "Von guten Mächten wunderbar geborgen."