Fake News trafen Juden schon im Mittelalter

Yvonne Siemann

Von Yvonne Siemann

Do, 08. November 2018

Efringen-Kirchen

Maren Siegmann beleuchtete zum Auftakt der Gedenkwoche zu 80 Jahren Reichspogromnacht die Geschichte des jüdisch-christlichen Zusammenlebens.

EFRINGEN-KIRCHEN. Das Zusammenleben zwischen Juden und Christen im Mittelalter war sehr vielschichtig: Zwar gab es regelmäßige Verfolgungen, doch gleichzeitig waren die Juden auch Teil der Gesellschaft. Dies ist das Fazit des Vortrags "Der König gewährt Haltung und Nutznießung der Juden" von Maren Siegmann, Leiterin des Museums Alte Schule in Efringen-Kirchen. Dieser bildete den Auftakt zur Veranstaltungswoche "Nie wieder... oder doch wieder?!" aus Anlass der Reichspogromnacht vor 80 Jahren.

Um die 40 Menschen aus dem Ort und aus der Umgebung waren gekommen. Bürgermeister Philipp Schmid dankte dem Organisationsteam der Woche um Diakon Roy Paraiso. In seinem Vorwort betonte er, dass ihn bei der Geschichte der Judenverfolgung besonders verstöre, dass es sich um die eigenen Nachbarn und Landsleute gehandelt habe. Er zählte zahlreiche Beispiele für antisemitische Vorfälle seit dem Nationalsozialismus auf und betonte, dass auch bei der extremen Linken Antisemitismus und eine Ablehnung des Staates Israel propagiert werde. Neu komme hierzulande noch die Judenfeindlichkeit mancher Muslime dazu.

Solche und andere Arten von Ausgrenzung dürften nicht zugelassen und verharmlost werden, mahnte Schmid. Aus diesem Grund hofft er, dass aus der Gedenkwoche eine Tradition wird. Wird Axel Huettner heute, Mittwochabend, um 19.30 Uhr, im Schulzentrum das "Schicksal der Kirchener Juden" beleuchten, so richtete Maren Siegmann in ihrem Powerpointvortrag den Blick aufs große Ganze seit dem Mittelalter. Eine besonders schwierige Zeit für die Juden Europas war die Zeit um 1349. Schon zur Zeit der ersten Kreuzzüge war es zu Verfolgungen gekommen.

Mitte des 14. Jahrhunderts war eine "besonders gruselige Zeit", wie Siegmann beschrieb: Anfang des Jahrhunderts hatte sich das Klima abgekühlt, es kam zu Missernten, Teuerungen und Hunger. Es gab ein politisches Machtvakuum und schließlich brach die Pest aus, so dass die Menschen glaubten, der Jüngste Tag sei nah. Als Sündenbock musste an vielen Orten die jüdische Bevölkerung herhalten. Infolgedessen wurden im Januar 1349 die Basler Juden auf einer Insel im Rhein zusammengetrieben und getötet. Kurz darauf erlitten die Freiburger Juden das gleiche Schicksal. Siegmann betonte dabei, dass der angeblich spontane Volkszorn gewöhnlich von bestimmten Personen gelenkt wurde. Von den Pogromen profitierten auch einige, etwa Schuldner, die sich freuten, wenn ihre Schuldbriefe mit den jüdischen Häusern verbrannten.

Wanderprediger heizten die Stimmung oft zusätzlich an. So existieren auch Dokumente, die beweisen, dass die Obrigkeiten der Region im 14. Jahrhundert schon länger vorhatte, ihre jüdische Bevölkerung loszuwerden. Auch in dieser Zeit gab es Verschwörungstheorien, die über soziale Netzwerke verbreitet wurden, "eben nur analog und per Brief, es dauerte einfach ein bisschen länger". Zu solchen Fake News gehörte die Legende über die vergifteten Brunnen, aber auch über die jüdischen Wucherzinsen, Ritualmorde und Hostienfrevel. Immer wieder versuchten Herrschende auch, diese Legenden mit Gutachten aus der Welt zu schaffen, aber ohne Erfolg.

Siegmann betonte aber, dass man aufpassen müsse, beim Quellenstudium nicht auf Klischees hereinzufallen; zudem werden Dokumente beim Abschreiben oft verändert und dadurch etwa Pogrome beschönigt. Auch die bekannten Judenhüte waren wohl kein Stigma, sondern eher ein Mittel der Zeichner, um Juden auf Bildern darzustellen. Die Beziehungen zwischen Juden und Christen waren aber nicht nur durch Gewalt geprägt. Aus überlieferten Quellen geht hervor, dass viele Städte und Privatpersonen Juden auch vor Verfolgung schützten, wenn auch nicht immer uneigennützig. Ein Zürcher Gerichtsprotokoll berichtet etwa, dass Christen eine jüdische Hochzeit besucht haben.

Auch gab es im Mittelalter noch keine jüdischen Ghettos, obwohl die Juden oft nicht weit voneinander wohnten. In der Liederhandschrift Codex Manesse aus dem frühen 14. Jahrhundert wird von einem jüdischen Minnesänger berichtet, und in den Städten leisteten Juden wie Christen Militärdienst. Überraschend ist auch die relativ gute Stellung jüdischer Frauen: Nicht nur waren sie besser gebildet als Christinnen, anders als sie durften sie auch vor Gericht aussagen und Geschäfte abschließen.

Wie Siegmann hervorhob, brauchten auch die Könige des Mittelalters jüdische Geldverleiher. Sie hatten chronische Geldprobleme – manche verpfändeten jüdischen Geldverleihern gar ihre Kronen – und waren auch sehr kreativ, immer neue Steuern für die Juden zu erfinden, die eigentlich unter ihrem Schutz standen. Diese mussten große Teile ihres Vermögens abgeben und als Folge zogen viele von ihnen im 15. Jahrhundert aus den Großstädten nach Osteuropa, wo sie willkommen waren. Aus unserer Region ist wenig über jüdisches Leben überliefert, Quellen aus dem 16. Jahrhundert berichten jedoch von einzelnen jüdischen Familien in Istein, Weil, Kandern und Sulzburg. Diese erhielten aber nur Aufenthaltsgenehmigungen für fünf Jahre und mussten sich daher mit der Obrigkeit für eine Verlängerung gut stellen.