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08. August 2012

Friede z’ Ischdai

  1. Karl Trimpin Foto: langelott

Friede z’ Ischdai



Wenn isch Friede wieder z' Ischdai?
Do druf blangt scho groß un chlei.
Wu wieder die alde Zite sin
un überall d'r Humor schteckt drin
im Musikverein un Fußballclub
im Chilchechor un Fiirwehrtrupp
in G'sangverein un Buureschaft
in Fraueverein un G'nosseschaft
wenn me wieder s' Tanzbei schwingt
un die alde Lieder wieder singt
Wii kriegsch soviel de witt
un s' 12-prozentig Bier wieder gitt
S' Chirsiwasser schmeckt famos
un d' Kotlett sin wie de Abtrittdeckel groß
un wenn me mit 'm G'schpusi im Werth spaziere goht
un nimme schtolperet über Schtacheldroht
un am Chlotze nimme Warnigstafle stehn
un alle Bunkerwächter schtänpfle gehn
un wieder s' Verdunkle chasch vergesse
un sogar Basler Messmogge esse
no weiß ganz gwiss groß un chlei
jetz isch Friede wieder z' Ischdai
Karl Trimpin,

1944 Montecassino, Italien

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Vom Chilchechor und der G’nosseschaft

Für Karl Trimpin sind die Erinnerungen an seinen Geburtsort Istein in der Zeit des Kriegs und der Zeit davor heute noch lebendig.

ISTEIN/EFRINGEN-KIRCHEN (vl). Heute ist Istein als besonderes Schmuckstück unter den Ortschaften in der Region bekannt und geschätzt. Der 90 Jahre alte Karl Trimpin kennt Istein auch anders. Schöne Bilder aus seiner Jugendzeit und weniger schöne aus den Kriegsjahren mischen sich in seiner Erinnerung. Ein Gedicht, das ihm kürzlich wieder in die Hände fiel, und das er 1944 als Soldat im italienischen Montecassino schrieb, macht dies deutlich.

Karl Trimpin ist am 23. August 1921 in Istein zur Welt gekommen. Er war 19 Jahre alt, als man ihn 1940 im Zweiten Weltkrieg als Soldat nach Afrika schickte. Nordafrika war zum Kriegsschauplatz geworden, nachdem Italien an der Seite des Deutschen Reichs in den Krieg eingetreten war. 15 Monate lang war Trimpin in Afrika, dann erkrankte er an der Amöbenruhr, möglicherweise durch verkeimtes Wasser. Karl Trimpin erinnert sich noch lebhaft an seine Odyssee über Athen ins Lazarett nach Wien. Neun Monate lang lag er dort, bis es ihm besser ging. "Damals wog ich noch 47 Kilogramm".

Der Vater, von der Mutter über die lebensbedrohliche Krankheit des Sohns informiert, war zu dem Zeitpunkt als Soldat in Russland. Er schaffte es, über Odessa und Budapest zum Sohn in Wien zu gelangen. Der Vater, er hieß auch Karl, setzte alle Hebel in Bewegung, um für den Sohn einen damals sehr selten gewährten Sondergenesungsurlaub zu bekommen. Es ist für Karl Trimpin heute noch erstaunlich, wie ihm das gelang. So sah Karl Trimpin die Heimat Istein im Februar 1943 wieder – für ihn ein unerwartetes Glück.

Als Karl Trimpin vollständig genesen war, wurde er nach Italien beordert, nach Sizilien. "Dort erlebten wir den Rückzug", berichtet er. Eine markante Station auf dem Weg zurück wurde für die Soldaten Montecassino, zwischen Neapel und Rom gelegen. Trimpin erinnert sich noch genau an den Ort, an das Kloster oben auf dem Berg, die Soldaten waren im Dorf unten in Quartieren untergebracht. Dort in Montecassino war es, 1944, als er seine Sehnsucht an Isteins friedliche Zeiten und seinen Widerwillen vor dem Istein, das er während des Kriegs erlebt hatte, in ein Gedicht fasste. Das Gedicht, auf das er kürzlich wieder stieß. "Wenn isch Friede wieder z’ Ischdai?", fragt er darin.

"Do druf blangt scho groß und chlei", schrieb er damals, jeder wartet auf den Frieden, übersetzt Karl Trimpin heute für all jene, denen der Dialekt nicht mehr so präsent ist. Er weiß, dass für heutige Generationen nicht nur die geschichtlichen Hintergründe, sondern auch viele Worte von damals verloren gegangen sind. In Trimpins Gedicht scheinen die Schrecken des Krieges auf, es werden aber auch die schönen Zeiten in der Heimat lebendig. Wie fröhlich man dort sein konnte in Vereinen und in der Genossenschaft. Es war der Vorläuferverband der Raiffeisengenossenschaft, bei dem man Kunstdünger und Samen bekam, wie Trimpin erzählt. Wie junge Leute sich vor dem Krieg beim Tanz vergnügten, es genug Wein zu trinken gab und die Brauerei zwölfprozentiges Starkbier an die Wirtschaft lieferte, auch daran erinnerter er sich beim Schreiben des Gedichts. Und an das Kirschwasser erinnerte er sich damals, als hungriger und durstiger Soldat in Montecassino, an die riesigen Koteletts, die es einmal zu essen gab. Und an Spaziergänge im Wehrt dachte er, die man mit dem Gschpusi, der Freundin, unternehmen konnte, ohne über Stacheldraht zu stolpern. Im Krieg waren Drahtverhaue überall, erzählt Karl Trimpin heute, man stolperte immer wieder darüber, wenn man nicht achtgab. Und das Festungsgelände durfte nicht betreten werden. Warnungstafeln störten das vertraute Bild vom Klotzen, Bunkerwächter blockierten den Weg. In den Häusern musste man darauf achten, dass kein Lichtschimmer aus den Häusern nach draußen drang, um dem Feind keine Zielscheibe zu bieten.

1945 wurde Karl Trimpins im Gedicht ausgedrückter Traum wahr, der Krieg war zu Ende. Die Nachkriegsjahre waren hart, aber der Friede brachte wieder Spaß, unbeschwerte Geselligkeit. 1946 gab es wieder eine Tanzveranstaltung, an die er sich deshalb noch so genau erinnert, weil er dabei seine spätere Frau Anneliese Bär aus Efringen-Kirchen kennenlernte. Sie hatte in den Kriegsjahren mit Hans Trimpin, Karls Bruder, in Verbindung gestanden und erkundigte sich an dem Tanzabend bei Karl nun nach Hans, der zu der Zeit noch in französischer Gefangenschaft war. Das Schicksal wollte es so, Karl Trimpin und Anneliese Bär wurden ein Paar.

Anneliese Bärs Elternhaus unterhalb der Lutherkirche in Efringen-Kirchen war 1949 beschossen und sehr beschädigt worden. Der Schwiegersohn Karl Trimpin half dem Schwiegervater, es wieder bewohnbar zu machen. "Damals herrschte große Wohnungsnot". 1953 war das Haus bereit, die junge Familie Trimpin aufzunehmen, zu der inzwischen zwei Kinder gehörten. Die Schwiegereltern hatten eine Werkswohnung in Kleinkems bekommen, wo der Schwiegervater in der Zementi arbeitete. Anneliese Trimpin ist 1986 verstorben, Karl Trimpin bewohnt das Haus der Familie in Efringen-Kirchen heute noch.  

Autor: vl

Autor: bz