Gewappnet für Tag der Auferstehung

Reinhard Cremer

Von Reinhard Cremer

Mo, 12. November 2018

Efringen-Kirchen

Bürgermeister Schmid lud am 80. Jahrestag der Reichspogromnacht zu einer Informationsveranstaltung auf den jüdischen Friedhof.

EFRINGEN-KIRCHEN. Knapp 20 interessierte Bürger und Bürgerinnen folgten Bürgermeister Philipp Schmid am 80. Jahrestag der Reichspogromnacht zu einer Informationsveranstaltung auf dem jüdischen Friedhof, der 1866 von der jüdischen Gemeinde in Kirchen mit der ersten Erdbestattung eingerichtet wurde.

Schmid erläuterte, weshalb eine Erdbestattung des vollständigen Körpers für die Juden so wichtig sei: Nur so sei es ihnen möglich, für den Tag der Auferstehung gewappnet zu sein. Daher werde nach jüdischem Bestattungsritus auch eine Feuerbestattung abgelehnt. Als Perversion bezeichnete Schmid daher die Verbrennungen der Leichname in den KZ zu Zeiten des Nationalsozialismus.

Sehr detailliert schilderte der Bürgermeister den rituellen Ablauf von der Feststellung des Todes eines Menschen, indem der älteste Sohn mit einer Feder prüft, ob die betreffende Person noch atmet, über die rituelle Totenwaschung bis hin zur Beerdigung in einem Leichentuch oder einem möglichst schnell verrottbaren Weichholzsarg. Schmid wies darauf hin, dass alle Handlungen ihren Sinn im jüdischen Glauben hätten. Wie zum Beispiel das taschenlose Leichenkleid, da jemand im Tod keine Wertsachen mehr mitnehmen müsse. Dies ein Punkt, in dem sich die jüdische Kultur von früheren Kulturen mit ihren wertvollen Grabbeigaben deutlich abhebt.

In Filmen oder auf Fotos, so Schmid, sei vielen sicher schon aufgefallen, dass auf den Gräbern häufig kleine Steine statt Blumen lägen. Dies gehe auf die in früheren Zeiten nur möglichen nomadischen Bestattungen zurück. Bei diesen wurde der Leichnam mit Steinen gegen Aasfraß geschützt – sollte der Tote doch vollständig wieder auferstehen.

Ein Grund für die möglichst schnelle Bestattung innerhalb von 24 Stunden nach Eintritt des Todes ist die erforderliche Hygiene bei hohen Temperaturen, wie sie in den Gebieten des heutigen Israels üblich waren und auch heute noch sind.

Die ersten Juden kamen in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts als Flüchtlinge aus dem Solothurn nach Kirchen. Ihre Toten beerdigten sie zuerst noch in Lörrach. Da aber die Zahl der Beerdigungen zunahm und der Weg nach Lörrach innerhalb der geforderten Zeit häufig problematisch zurückzulegen war, wurde nach einem möglichst unbrauchbaren Stück Land in der Nähe eines fließenden Gewässers gesucht. Gefunden wurde ein Areal, welches zwar bewirtschaftbar, aber leicht zu erreichen war. Dort befindet sich der Friedhof noch heute. Inzwischen aber finden dort keine Bestattungen mehr statt.

Unter den noch 151 identifizierbaren Gräbern wies Schmid besonders auf drei Grabstellen hin. Das Grab des Moses Levi weist die Gestaltung eines klassischen jüdischen Grabes auf mit schnell verwitterbarem Sandstein (Grabstelle L1).

Caroline Bigas Grab weist mit der Darstellung eines Wasserkelches, dem Symbol der Leviten (sie hatten bei der Lesung der Tora Vortritt vor anderen Juden) eine Besonderheit auf, denn Frauen hatten zur Gruppe der Leviten keinen Zutritt (Grabstelle L 11).

Eine weitere Besonderheit und damit deutliche Assimilation an die christliche Umgebung weist der Grabstein eines Vaist Bloch, der im Jahre 1896 verstorben war, auf. Einerseits deuten auf dem Fries dargestellte Gegenstände darauf hin, dass Bloch als Mohel, also als Beschneider tätig gewesen war, andererseits hatte der damalige Steinmetz auf dem Sockel einen Bibelvers auf Deutsch eingemeißelt (Grabstelle R 31).

Der Bestand aller dieser Gräber beruht auf der Tatsache, dass der Friedhof auch in der Zeit des Dritten Reiches nicht zerstört wurde. Ebenso wurde auch die Synagoge in der Pogromnacht kein Raub der Flammen. Sie wurde vermutlich von einem Trupp SA-Männer aus Haltingen geplündert. Zerstört wurde sie erst beim Beschuss im Weltkrieg.

Im Anschluss an Schmids Vortrag hatten alle Besucher die Möglichkeit, die Gräber näher in Augenschein zu nehmen. Schmid bat dabei die männlichen Besucher um eine Kopfbedeckung und alle um eine kurze rituelle Handwaschung in einer bereitgestellten Wasserschüssel nach Verlassen des Friedhofes.