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25. Oktober 2010

Kirchen zeigen Scham und Reue

"Sprachlos, wo ein Aufschrei hätte hörbar werden müssen" / Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Judendeportation nach Gurs.

  1. Rund zwei Dutzend Menschen nahmen an der Gedenkfeier beim jüdischen Friedhof Kirchen teil. Foto: cremer

  2. Im Rathaus-Foyer dokumentiert eine Ausstellung das Schicksal Kirchener Juden während der Nazi-Herrschaft. Foto: Reinhard Cremer

EFRINGEN-KIRCHEN. Rund zwei Dutzend Bürgerinnen und Bürger nahmen an der Feier teil, zu der das evangelische Distriktbüro aus Anlass des 70. Jahrestags der Deportation südbadischer Juden ins südfranzösische Internierungslager Gurs am Gedenkstein eingangs des jüdischen Friedhofs eingeladen hatte. Unter den Teilnehmern waren auch Bürgermeister Wolfgang Fürstenberger und der evangelische Pfarrer Steffen Mahler.

Die jüdische Gemeinde Kirchen verlor durch den Nazi-Terror 41 Mitglieder, davon kamen 22 nach dem Transport nach Gurs ums Leben. Distrikt Diakon Horst Panzer eröffnete die kleine Feier mit der Verlesung des "Gemeinsamen Wortes der Kirchen zum 70. Jahrestag der Deportation". In diesem Brief bekennen die christlichen Kirchen, mit "Scham und Reue" der Deportation zu gedenken. Im Andenken an die Opfer stehe man zum damaligen Versagen. Sprachlos sei die Kirche gewesen, wo ein Aufschrei hätte hörbar werden müssen. In Folge dessen riefen sie heute auf zu politischer Wachsamkeit und Zivilcourage. Horst Panzer selbst war es, unter dessen Leitung eine Jugendgruppe aus Efringen-Kirchen, Bad Bellingen und Hertingen vor fünf Jahren den Gedenkstein, der eine geborstene Sanduhr symbolisieren soll, gestalteten und hier errichteten.

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In einem Bußgebet mahnte Pfarrer Mahler, sich bewusst zu machen, was den Menschen vor 70 Jahren angetan wurde. Auch er rief dazu auf, wachsam zu sein und überall, wo es nötig sei, gegen Leid, Not und Tod einzutreten.

"Wir dürfen, müssen und sollen den heutigen Tag nutzen, um nicht zu vergessen", forderte Bürgermeister Fürstenberger nicht nur die Einwohner Efringen-Kirchens auf. Unter unwürdigsten Bedingungen seien die jüdischen Mitbürger nach Gurs deportiert wurden. Im Lager hätten durch Seuchen und Kälte zahlreiche Juden den Tod gefunden. "Wir dürfen nicht schweigen", lautete sein eindringlicher Appell.

Die unter Anleitung Horst Panzers teils auf Hebräisch, teils auf Deutsch gesungenen israelischen Lieder gaben der kleinen Feier einen würdevollen Rahmen.

Gedacht wird der Ereignisse von 1938 bis 1940 auch in Form einer Dokumentation im Obergeschoss des Rathaus-Foyers. Maren Siegmann, Leiterin des Museums Alte Schule, trug Dokumente und Fotos zusammen und präsentiert sie mit den Namen der 41 verschleppten, verschollenen oder getöteten Kirchener Juden auf zehn Stelltafeln. Bücher und Informationsbroschüren ergänzen die Ausstellung. Besucht werden kann sie während der Öffnungszeiten des Rathauses.

Autor: Reinhard Cremer