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22. Oktober 2010

Schlimme Nazis und mutige Nachbarn

Heute vor 70 Jahren wurden auch Kirchener Juden ins südfranzösische Lager Gurs deportiert / Vertrieben waren sie schon vorher.

  1. Die gestiftete Bank gegenüber dem Gedenkstein beim jüdischen Friedhof in Efringen-Kirchen weist auf den 22. Oktober 1940 hin. Foto: herbert frey

  2. Foto: Frey

EFRINGEN-KIRCHEN. "Wiedergutmachen können wir nichts. Aber wir können uns bemühen, das Gedenken zu erhalten", steht für Wolfgang Weller fest. Heute ist wieder so ein Tag gegen das Vergessen: Vor genau 70 Jahren wurden 6500 Juden aus Baden und der Pfalz in das südfranzösische Lager Gurs deportiert, darunter auch 22 Kirchener.

Seit fast 50 Jahren hat sich der mittlerweile pensionierte Lehrer die Aufarbeitung des Schicksals der Kirchener Juden und die Versöhnung mit den Überlebenden zum Ziel gesetzt. Wie kaum ein anderer kennt er ihre Geschichte, kaum jemand hat so viele Kontakte zu Juden in aller Welt wie er. Und er wird nicht müde zu betonen, dass in Kirchen selbst niemand zusammengetrieben oder auf Lastwagen weggekarrt wurde: "Am 22. Oktober 1940 gab es hier keine Juden mehr."

Die Gemeinden entlang des Rheins waren nach Kriegsbeginn Anfang September 1939 evakuiert worden. Im Dezember konnten die meisten Einwohner in ihre Dörfer zurück – doch die Juden mussten unter anderem in Schopfheim bleiben, von wo aus sie nach Gurs deportiert wurden. Manche starben dort, andere später in den Konzentrationslagern Auschwitz, Theresienstadt und anderswo.

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22 Angehörige der jüdischen Gemeinde Kirchen fielen der nationalsozialistischen Aktion zum Opfer. Ursprünglich war man von 23 ausgegangen, doch tatsächlich spürte Wolfgang Weller eine Totgeglaubte in den Vereinigten Staaten auf. Dass es nicht mehr Opfer waren, lag daran, dass der Exodus der Kirchener Juden schon vorher begonnen hatte. Lebten 1936 hier noch 63 Einwohner jüdischen Glaubens, waren es zwei Jahre später nur noch 31. Unter dem Druck der Nationalsozialisten verkauften sie Häuser und Grundbesitz, meist weit unter Wert. Und spätestens nach der Reichspogromnacht im November 1938 versuchten die letzten auszuwandern – was nur noch in den seltensten Fällen gelang. Insgesamt wurden 41 Mitglieder der jüdischen Gemeinde Kirchen Opfer des Nazi-Terrors. Dabei hatte sich das Miteinander von Juden und Nichtjuden im Ort über lange Zeit hinweg unproblematisch gestaltet. "Die Juden waren Einheimische, wie alle anderen", versichert Weller. 1736 siedelte sich mit Hirz Bloch der erste Jude unter dem Schutz des Markgrafen Karl Friedrich dort an, bis 1873 wuchs ihre Zahl auf 192 und sank aufgrund der Landflucht bis 1895 auf 173. Juden gründeten Vereine, Feuerwehr und Sanitätskolonne. Mit Hitlers Machtergreifung 1933 begann aber auch für die Kirchener Juden eine schwere Zeit. Viele sahen sich Schikanen ausgesetzt, Geschäfte wurden boykottiert. "Es gab auch hier schlimme Nazis und schlimme Vorfälle", weiß Wolfgang Weller. Aber zur Zerstörung der Synagoge in der Reichspogromnacht musste die NSDAP schon Auswärtige heranziehen. Und niemand wagte es, Gräber auf dem jüdischen Friedhof zu schänden.

Es gab auch viele Kirchener, die sich offen den Nazis entgegenstellten oder die ihre jüdischen Nachbarn heimlich unterstützten. Mitte der 60er Jahre empfing Efringen-Kirchen – als erste Gemeinde in Deutschland – ehemalige jüdische Mitbürger zu einem Versöhnungsbesuch, und Wolfgang Weller erinnert sich: "Da sind einige Juden in Häuser gegangen und haben gesagt: Dein Vater, das war ein rechter Kerl, der hat zu uns gestanden!" Überhaupt sind für den 71-jährigen Weller die Begegnungen mit Überlebenden immer wieder ergreifend. Als kürzlich wieder einmal ein alter Mann aus Israel zu Besuch war, fragte er ihn, wie es denn wäre, wenn er jetzt hier sterben würde. "Da hat er geantwortet: Dann sterb’ ich halt daheim."

Der ehemalige Lehrer freut sich, wie sehr Menschen aus dem Ort sich ähnlich engagieren. So hat Karlfrieder Krebs erst kürzlich gegenüber dem Gedenkstein beim Judenfriedhof eine Bank mit einem Hinweisschild auf den 22. Oktober 1940 gestiftet. Doch maßgeblich ist für Weller am Ende dann doch das Zitat: "Kein Denkmal allein kann verhindern, dass staatlich organisiertes Verbrechen von neuem möglich wird!"

Autor: Jochen Fillisch